Deutsche Auswanderer

Sie sind dann mal weg

Von Alfons Kaiser

Deutsche Familie in Kanada - vier von 155.000 Auswanderern 2006

Deutsche Familie in Kanada - vier von 155.000 Auswanderern 2006

05. Januar 2008 Da wandern sie aus, ziehen nach Norwegen oder Australien, gründen sich eine Existenz in der Schweiz oder auf den Kanarischen Inseln - und kommen erst dort wieder auf die Idee mit der Heimat. Gerade an den Tagen der Weihnachts-, Silvester- und überhaupt Familienfeiern besinnen sich Hunderttausende deutsche Ausgewanderte auf das Land, aus dem sie kommen. Und man darf annehmen, dass in ihren Erinnerungen mehr Wehmut mitschwingt als in den Feiern der Daheimgebliebenen.

Muss man eigentlich heute noch auswandern? Der Wirtschaft geht es von Jahr zu Jahr besser, die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie seit anderthalb Jahrzehnten nicht, der Staat macht kaum noch Schulden, will sie gar abbauen, und die Bürger müssen nicht mehr auf die Barrikaden. Trotz alledem glauben viele, auswandern zu müssen. Im vergangenen Jahr sind 155 300 deutsche Staatsbürger fortgezogen - das ist die höchste Zahl seit Beginn ihrer statistischen Erfassung im Jahr 1954. Da viele einen Wohnsitz in Deutschland behalten, dürften es sogar noch weit mehr sein. Zwar kommt eine große Zahl von Ausgewanderten jedes Jahr auch wieder zurück. Aber angesichts des hohen Anteils von Akademikern unter den Fortzüglern warnt der Migrationsforscher Klaus Bade schon vor einer „migratorisch suizidalen Situation“ für unser Land.

Schwelende Unzufriedenheit, sinnsuchende Wanderlust

Die seltsame Sehnsucht fortzuziehen wird man kaum mit Kennzahlen und äußerlichen Erklärungen fassen können. Es ist schon wahr: Die Menschen sprechen mehr Sprachen denn je, müssen schon im Binnenland mobil und flexibel sein wie nie zuvor, sind durch Schulkontakte und Erasmus-Programme vertraut mit dem Ausland, telefonieren für fast nichts in die Ferne, reisen dank Billigfluglinien heute schneller und für weniger Geld nach Barcelona als nach Bietigheim-Bissingen. Und im Fernsehen sehen sie fast täglich in irgendeinem Sender eine Reportage, die den großen Traum bebildert, der Kälte, der Einkommensteuererklärung oder der Schwiegermutter zu entfliehen und dort zu leben, wie es stets verheißungsvoll heißt, „wo andere Urlaub machen“.

Aber all das sind keine hinreichenden Anhaltspunkte, die den großen Exodus erklären. Untergründige Entwicklungen spielen mit, eine schwelende Unzufriedenheit, eine sinnsuchende Wanderlust, die auch im Erfolg von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ zum Ausdruck kommt. Zur weltlich gestimmten Pilgerfahrt irgendwohin führt wohl auch das von Ralf Dahrendorf erkannte „Zerbrechen der Ligaturen“. Die Loslösung von landsmannschaftlichen, ständischen, religiösen, sozialen und familiären Bindungen ermöglicht den Drang ins Freie. Früher trieben vor allem Hunger, Not und Unterdrückung die Menschen aus Deutschland fort, wirtschaftliche, politische, religiöse Gründe. Heute bedarf es der großen Zwänge nicht mehr. Schon das latente Leiden an der deutschen Krankheit reicht für den Schritt ins „französisch heit're Tageslicht“, wie Heinrich Heine es sich zusammenreimte: „Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, / Und lächelt fort die deutschen Sorgen.“

„Phantomschmerz der Erinnerung“

Und das ist noch nicht alles. Zu dem Drang nach Freiheit von den deutschen Zuständen, der Bürokratie, der Miesepetrigkeit und dem Wetter treten die Verheißungen der Erlebnisgesellschaft. Nachdem man im Binnenland alle Erfahrungen durchmessen hat, dient nun auch das Ausland zur Bereicherung des persönlichen Erfahrungsschatzes. Und das kann man inzwischen auch vor seiner persönlichen Bildungsgeschichte rechtfertigen: Denn starre biographische Muster lösen sich nach angloamerikanischer Manier ohnehin längst auf.

Bei vielen, die mit klaren beruflichen Vorstellungen ins Ausland gehen, ist der Preis des Fortzugs berechenbar. Bei anderen muss man sich ernsthaft Sorgen machen, ob sie die sozialen und kulturellen Folgen überhaupt ermessen. Sie sollten vor der großen Entscheidung ruhig einmal ins Valle Gran Rey auf der schönen Kanareninsel Gomera fahren, wo die unglücklichen Exilanten der letzten Generation ihren Frust schieben. Oder sie sollten in „Die Ausgewanderten“ des Schriftstellers Winfried Georg Sebald blicken und deren „Phantomschmerz der Erinnerung“ nachspüren. Überhaupt wird sich, wer sich das Schicksal der vor dem Nationalsozialismus Geflohenen vor Augen hält, nicht darauf verlassen, dass die Anpassung an fremde Kulturen so einfach möglich ist. Sogar die uns nun wahrlich verwandte Schweiz fremdelt mit deutschen Einwanderern. Und ist nicht auch die Debatte um die Integrationsprobleme der hier lebenden Ausländer Warnung genug?

Niemand soll hierbleiben, der wegwill. Aber nur jeder Fünfte ist nach einer Umfrage rundum zufrieden in der neuen Heimat. Die anderen achtzig Prozent dürfen sich sicher sein: Die Daheimgebliebenen haben keine große Lust, in die Sozialkassen einzuzahlen, aus denen bankrotte Existenzen aus dem sonnigen Süden eines Tages ihren Lebensunterhalt beziehen. Man kann also vom mündigen Auswanderer schon verlangen, dass er sich die möglichen Folgen vergegenwärtigt, dass er nicht auf Pro 7 vom süßen Leben schwadroniert und damit auch noch andere ins Unglück treibt.

Text: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4 / Seite 1
Bildmaterial: dpa

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