12. November 2009 Eine Disziplin gibt es, in der Hans Magnus Enzensberger wohlweislich immer versagt hat: als Autobiograph. Hier gilt: absolute Auskunftsverweigerung bei gleichzeitigem totalem Offenheitsgestus. Die Nähe aller Autobiographie zur Fiktion ist ihm, dem die Natur die Gabe des Romans nach eigener Auffassung vorenthalten hat und der ohnedies ein Verächter der psychologischen Entwicklung dieser literarischen Gattung ist, ebenso suspekt wie die Selbststilisierung, die mit persönlichen Aussagen meist einhergeht. Ein Anruf in München aus gegebenem Anlass bestätigt das heitere Achselzucken zum Ureigenen: Geboren zu sein ist doch kein Alleinstellungsmerkmal. Wenn es noch eines Beweises bedarf, dass Enzensberger heute wieder einmal jünger wird: Hier ist er, in der verweigerten Selbstzufriedenheit des vielsprachigen Schriftstellers, Lyrikers und Essayisten, des reisenden Entdeckers, Verlegers und Agent provocateur, des Liebhabers der reinen Lehre der Mathematik, dessen Alleinstellungsmerkmal überall und stets seine Alleinstellung ist.
Wer schreibt, der bleibt, hieß es einmal, als das Internet diese Parole noch nicht für die ganze Menschheit wahrmachen wollte. Aber schon damals ging Enzensberger, der lieber die Initiative als recht behält, in Wahrheit palimpsestisch vor: Er überschreibt sich aus Prinzip selbst. Im Sinne von Paul Valérys Ich bin nicht immer meiner Meinung wandte er sich gegen die Starrheit von Festlegungen und Absichtserklärungen, politisch wie ästhetisch. Links ist er vor allem der dominanten Gehirnhälfte nach geblieben. Ein teilnehmender Beobachter des öffentlichen Lebens, hat er es gleichwohl geschafft, sich zu entziehen - bei ständiger Präsenz und Relevanz. Er selbst hält den Ball meist flach. Ich bin ein flüchtiges Element, konterte er jüngst, als Peter Voß ihn jüngst in einem Fernsehgespräch als intellektuelle Instanz befragte. Den Triumph verriet höchstens ein Zwinkern der blitzblauen Augen.
Selbstdistanz des Empirikers
Wer dem zugewandten Distanzkünstler so nah wie gestattet kommen will, sollte seine Gedichte lesen, von Verteidigung der Wölfe (1957) über Mausoleum (1975) und Leichter als Luft (1999) bis zu Rebus (2009). Es sind Selbstgespräche, die ihre Prägung durch die Erfahrung der NS-Zeit nicht verhehlen, und doch immer auf einer stilistischen und gedanklichen Höhe sind, die Maßstäbe setzt: Beweglicher und zugleich gebrauchsfertiger kann Lyrik nicht sein. Auffällig ist die Scheu dieses Proteus vor dem ich, dem er, obwohl überzeugter Empiriker, das man meist vorzieht. Allein poetisch verhandelt Enzensberger Dinge, über die man, also er, eigentlich nicht sprechen kann: sich selbst. In den Gedichten ist mein Privates gut aufgehoben, hat er einmal zugegeben. Sie zu schreiben entlastet mich. Das bleibt diskret. Ich bin gern unauffällig. Der da von einer Deckung in die nächste huscht, beschreibt sich in Coda als ein Vorübergehender, / der vorübergehend beobachtet, was der Fall ist, / der nur redet (de rebus quae geruntur), / und der kaum etwas ausrichtet.
Dabei schaut ihm das Aber, sein ständig zweifelnder Begleiter, gleich über beide Schultern: Ob ich will oder nicht, es paßt auf, / sogar auf den Überfluß, das Überflüssige, / die Spitzengespräche, die Werbespots und den Müll. Auch hier verortet sich der Dichter zwischen allen Stühlen: ich denke gar nicht daran, zu moralisieren / den Spielverderber zu spielen, da ich doch, / unter anderem, einer von euch bin. So nah wie hier in Coda, dem abschließenden Gedicht des jüngsten Bandes Rebus, ist Enzensberger einem Selbstporträt nur einmal gekommen: in seiner Beschäftigung mit dem rätselhaften Diener Jacques in Diderots Schatten (1994). Dieser unbesiegbare Diener, so Enzensberger, sagt nicht alles, was er denkt und fühlt; er bewahrt seine Integrität durch hartnäckiges Schweigen. Als Selbstdenker steht er ziemlich einsam da. Er hat immer einen Gedanken hinter dem Gedanken, den er äußert.
Lust des Denkens
Der passionierte Automaten-Erfinder Enzensberger hat sorgfältig darauf geachtet, selbst nicht programmierbar zu sein. Die Reibungsfläche hält er konstant minimal - und der Entschluss, sich nicht provozieren zu lassen, setzt seit Jahrzehnten zuverlässig enorme Kapazitäten frei. Enzensberger verwandelt Wut in Ironie, Trauer in Schweigen. Alles, sagt er zwischen den Versen, muss gedacht, aber nicht alles auch gesagt werden. Gelegentlich entfährt ihm dennoch ein wir, von dem man sich, eingedenk des entschiedenen Ich bin keiner von euch / und keiner von uns aus dem Gedicht Schaum (Landessprache, 1960), indes nicht vorschnell angesprochen fühlen sollte. Heute klingt diese Ambivalenz so: Manchmal weiß ich selbst nicht mehr, ob ich einer von denen bin oder ein anderer. Am liebsten wäre ich ich selber, aber das ist natürlich unmöglich (Selbstgespräch eines Verwirrten).
Wenn es Enzensberger nicht gäbe, man müsste ihn sich erfinden - was denn, in Ermangelung eindeutiger Verhältnisse, unter der Hand auch oft geschehen ist. Denn gerade der große Unberechenbare verheißt die Rettung vor deutscher Provinzialität, Verbissenheit und Naivität. Dabei geht es, von seiner Warte aus betrachtet, auf der Welt durchaus lustig zu - wie lustig, als bajuwarisches Synonym von merkwürdig, seltsam, interessant, kurios, überhaupt einer seiner Lieblingsausdrücke ist, was Enzensberger lustigerweise mit Daniel Kehlmann, dem jüngsten Anwärter auf seine Nachfolge, gemeinsam hat. Wie in seiner Generation sonst nur Alexander Kluge ist Enzensberger ein global player, unangestrengt in seiner Zeitgenossenschaft und in ungebrochener Produktivität seine eigene Maxime bestätigend: Das Denken ist eine vitale Beschäftigung. Und auch das Lustprinzip will mit preußischer Strenge angewandt sein.
Die Interpretation der Kursbücher seiner lebenslangen Forschungsreise überlässt der Wahrheitssucher uns. Macht damit, was ihr wollt, scheint er zu sagen. Wer ihn beim Wort nimmt, erkennt in diesem Puzzle einen Spiegel unserer Zeit.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.