Kleist-Preis für Arnold Stadler

Wer sagt, dass der Dichter gescheitert ist?

Von Ingeborg Harms

Arnold Stadler bei der Verleihung des Kleist-Preises im Berliner Ensemble

Arnold Stadler bei der Verleihung des Kleist-Preises im Berliner Ensemble

22. November 2009 Heute Mittag wurde Arnold Stadler im „Berliner Ensemble“ der Kleist-Preis verliehen. Man verzichtete auf Musik, und doch war die Zeremonie von wunderbarer Dichte und Beschwingtheit. Wer sagt denn, fragte der Schriftsteller in seiner Dankesrede (siehe ), dass Kleist gescheitert sei? Vielmehr habe er die Vergänglichkeit des Lebens Ernst genommen und „das Verlangen nach etwas ganz anderem“ mit seinem Freitod unterschrieben.

Vor diesem Hintergrund erschien Stadler die Geschichte der Bundesrepublik als eine der Hysterie: Von der Amalgamfüllung bis zum Rinderwahnsinn „werden wir ruhiggestellt und abgelenkt bis zu unserem unheimlichen Verschwinden“. Bewegt, wenn auch äußerlich ruhig und bescheiden, legte der seinerseits den Preis sehr Ernst nehmende Autor Zeugnis von einem Sommer der Kleist-Lektüre ab. Daraus wurde eine poetische Metaphysik, lauter letzte Worte.

„Die Ewigsackgasse zieht uns hinan“

Arnold Stadler (Mitte) mit Laudator Péter Esterházy (li.) und Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

Arnold Stadler (Mitte) mit Laudator Péter Esterházy (li.) und Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

In Kleists Größenwahnsinn und Innigkeit erkannte er Blutsverwandte und sprach so auch von sich selbst, denn Arnold Stadler gewinnt den geringsten Dingen die größten Verheißungen ab. Das wurde von Auszügen aus seinem jüngsten Roman vertieft, die Ensembleschauspieler vortrugen. Hier verschränkt sich der Brauch in Stadlers oberbadischer Heimat, das Bett der Verstorbenen zu zerschlagen, mit dem Staunen darüber, „dass ich da gewesen sein werde, und nicht der Schmerz allein“. Kleists größenwahnsinnigste Einsicht, dass der Tod wie ein Gang von einem Zimmer ins andere sei, signiert Stadler en passant, indem er die Ammen seiner Kindheit als „die Stubenältesten unserer Existenz“ bezeichnet.

Seine Rede konzentrierte sich auf die Untrennbarkeit von Erinnerung und Schmerz: alles, was übrig bleibt, hatte mit der Wunde der Existenz, hatte ohnehin mit dem Tod zu tun, der ihm im Falle Kleists als ungeheures Konzentrat von Glück und Unglück erscheint. Der Preisträger wurde vom Vertrauensmann der Kleist-Preisjury, dem Schriftsteller Péter Esterházy, ausgewählt. Um so erstaunlicher, dass in dessen vielbelachter Laudatio (siehe ) vom Glutkern des Stadlerschen Werkes so wenig zu finden war. „Die Ewigsackgasse zieht uns hinan“, dichtete er Goethe nach und Stadler auf den Leib, in dessen Werk es einen Selbstmörder gibt, der über das Himmelsblau meditiert. Es erscheint ihm als ein „Ja“, das „zum Weltraum hin offen war, das erste Wort Gottes, und sein Echo ging bis zum Jüngsten Tag“. Nur in diesem Sinne darf man Esterházy beipflichten, dass die Schönheit bei Stadler das letzte Wort hat.

Das Leben kommt ihr kurz vor

Der Präsident der Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger bewies großes Fingerspitzengefühl in seiner Rede, die den Tod bei Stadler mit einem Kleist-Zitat als „ewigen Refrain des Lebens“ plastisch machte. Obwohl der Preisträger wie Martin Heidegger aus dem kleinen Ort Meßkirch stammt und seine Stoffe gern aus dieser Quelle schöpft, ist er für Blamberger kein Dorf- oder Heimatdichter. Im Zentrum seiner Arbeit stehe „die Erfahrung der Ungebundenheit und die Sehnsucht danach“.

Deshalb müsse man bei seinen Werken von Epen sprechen, die mit jedem Schritt das große Abenteuer suchen. Das Leben komme ihr kurz vor, zitierte Stadler seine Großmutter, „wie einmal das Dorf rauf und runter“. Und trotzdem hat bei diesem Autor, der zunächst Katholische Theologie studierte, alles darin seinen Platz. Noch ein Tierfilm auf TV Today wird vom Standpunkt der Ewigkeit betrachtet. Seine Rede begann mit einem Krokodil, das kaum dem Ei entschlüpft ist, bevor die Mutter es frisst. Der Weg durchs Dorf, der Weg zum Maul der Mutter, alles wird auf den Sinn geprüft und besteht vor dem großem Ernst dieses würdigen Kleist-Preisträgers, der seinen Größenwahn aus der Innigkeit zieht.

Wir werden “ruhiggestellt und abgelenkt bis zu unserem unheimlichen Verschwinden“: Arnold Stadler
Wir werden „ruhiggestellt und abgelenkt bis zu unserem unheimlichen Verschwinden”: Arnold Stadler

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z. - Julia Zimmermann, F.A.Z.- Julia Zimmermann

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