Ein Dichterleben

Es gibt keinen Hass. Es ist ein Wunder

Von Johanna Adorján, Czernowitz

Ein Leben in Bildern: In Josef Burgs Wohnung in Czernowitz

Ein Leben in Bildern: In Josef Burgs Wohnung in Czernowitz

18. Dezember 2008 Die Stimme am Telefon ist leise und hoch, und sie wird mit jedem Satz noch leiser und höher. „Sie wollen mich am Wochenende in Czernowitz besuchen? Ich weiß nicht, ob ich dann noch lebe. Ich bin sehr krank. Bald hundert Jahre. Aber gut, rufen Sie mich an, wenn Sie in der Stadt sind!“

Josef Burg, 1912 geboren, ist in Czernowitz fast so etwas wie eine Sehenswürdigkeit. Er ist der letzte jiddische Schriftsteller dieser Stadt, einer kleinen Stadt, die heute in der südlichen Ukraine liegt und die früher, als sie zum österreichischen Kaiserreich gehörte, eine Weltstadt für jüdische Autoren war. Paul Celan ist hier geboren, Gregor von Rezzori, Rose Ausländer und viele mehr, von denen die meisten heute vergessen sind. Erschossen, vergast, vergessen. Wenn Josef Burg eines, hoffentlich noch weit entfernt liegenden Tages nicht mehr sein wird, wird auf der Welt etwas ausgestorben sein.

Es ist kalt im Dezember

Der letzte jiddische Schriftsteller von Czernowitz: Josef Burg

Der letzte jiddische Schriftsteller von Czernowitz: Josef Burg

Noch aber ist er sehr lebendig. Wenn Besuch kommt - und es kommt oft Besuch: Schulklassen aus Deutschland, Touristen, Journalisten, vergangenes Jahr war sogar Otto von Habsburg da, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, im selben Jahr geboren wie Josef Burg -, sitzt er auf seinem Bett, das er seit langem nicht mehr verlassen kann. Hinter ihm an der Wand hängen Fotos und Bilder, die ihn in verschiedenen Stadien seines Lebens zeigen: erst mit schwarzen, dann mit grauen, schließlich mit sich immer weiter zurückziehenden weißen Haaren. Er muss einmal ein stattlicher Mann gewesen sein. Heute ist er zierlich wie ein kleiner Junge. Neben ihm auf dem Kopfkissen liegt eine Wollmütze, vielleicht trägt er sie nachts, es ist kalt im Dezember in Czernowitz.

Er hat ein tadellos gebügeltes weißes Hemd an und einen weißen Pullunder. Seine Hornbrille ist fast so groß wie sein Gesicht. Um seine Beine hat er seine Bettdecke gelegt, fast sieht es aus, als müsste er sich damit beschweren, um nicht versehentlich hoch an die Decke zu schweben, so klein, so zart ist er. Am Fußboden gucken zwei Pantoffeln heraus. Erst später im Gespräch wird klar, dass sie jemand - vielleicht seine Tochter, die jetzt wieder bei ihm lebt, oder die Ärztin, die ihn pflegt - dort hingestellt haben muss, des ordentlichen Eindrucks wegen, denn Josef Burg hat keine Füße mehr. Die habe man ihm abgenommen, sagt er. „Ich bin ja schon kein Mensch mehr“, sagt er. „Ich sehe kaum noch etwas. Das Einzige, was Gott mir erhalten hat, ist mein Kopf.“

Für immer Czernowitz

Ein Besuch bei Josef Burg hat etwas Beglückendes - einen so alten Menschen noch so jung, so konzentriert zu sehen - und etwas sehr Trauriges. Denn natürlich steht die ganze Zeit die Frage im Raum: Was wäre aus ihm geworden, wenn das 20. Jahrhundert ihn nicht mit seiner gnadenlosen Härte getroffen hätte? Was hätte aus diesem Schriftsteller, dessen Werk heute nahezu unbekannt ist, werden können, wenn er nicht Wien, wo er Germanistik studierte, nach dem Anschluss hätte verlassen müssen; wenn er es zumindest, wie beabsichtigt, nach London geschafft hätte, anstatt wieder in seiner Heimatstadt zu landen, weil Deutschland ihm das Durchreisevisum verweigerte. In Czernowitz musste er - als Jude staatenlos - der sowjetischen Armee beitreten und verbrachte dann zwanzig Jahre lang im sowjetischen Exil. 1957 kehrte er schließlich, als würde ihm kein anderer Ort einfallen, wieder zurück nach Czernowitz, das nicht einmal mehr Czernowitz hieß, sondern seit 1944 Tscherniwzi, und wo niemand mehr lebte, den er noch kannte, wo alles jüdische Leben gründlich ausgelöscht worden war. Seine Mutter und Schwester waren erschossen worden, auch sonst hatte keiner seiner Verwandten den Holocaust überlebt - alle waren ermordet worden, fünfzig insgesamt.

Und dann sitzt er da so auf seinem Bett, fast hundert Jahre alt, ein Zeuge dieser schrecklichen Zeit, und wirkt ganz vergnügt, gar nicht bitter. „Was kann ich Ihnen erzählen?“, sagt er einmal in eine etwas längere Pause hinein - „Ich liebe Czernowitz!“ Er ruft es beinahe. Wie ein Schauspieler, der auf einer Bühne seine Liebe deklamiert. Er liebt Czernowitz - aber was meint er, wenn er Czernowitz sagt?

Muscheln zum Kaffee

Im Oktober hat Czernowitz seine 600-Jahr-Feierlichkeiten gehabt. Zu diesem Anlass wurde die ganze Stadt saniert, renoviert, frisch gestrichen, und nun sieht sie aus wie eine Ansammlung pastellfarbener Puppenhäuser. Die Dimensionen sind überschaubar, kaum ein Gebäude ist höher als zwei Stockwerke, niedliche Balkons, verzierte Türen, es wirkt wie eine Geisterstadt inmitten von Nirgendwo. Siebzehn Stunden dauert die Zugfahrt von Kiew, sieben Stunden sind es von Lemberg, das heute Lwiw heißt und eine mittelgroße, lebendige Stadt ist. Das frisch gestrichene Czernowitz dagegen wirkt wie ein Adventskalender, in dem nichts drin ist. Die heutigen Bewohner, Ukrainer, scheinen nicht zu den K.u.k.-Häuschen passen zu wollen, in denen sie leben. Eine schöne Stadt mit Menschen, die nie lächeln, grobe Gesichter haben und angezogen sind wie aus dem Billig-Supermarkt. Als wären die eigentlichen Besitzer ausgezogen, und das Personal hätte das Regiment übernommen. Und ein bisschen so ist es ja auch.

Von den ehemals 78 Synagogen ist nur noch eine einzige in Betrieb, sie liegt in einer kleinen Seitenstraße, ein winziges Haus, schwer zu finden, am Samstagmorgen haben sich dort vielleicht zwölf Männer zum Schabbat versammelt, der Raum für die Frauen ist leer. Die ehemalige große Synagoge am Hauptplatz, zu deren Einweihung 1908 einst Kaiser Franz Josef anreiste, ist heute ein Kino. In allen Cafés und Restaurants läuft derselbe billige Techno, wie ein unaufhörlich dudelnder Handyklingelton liegt er über dieser Stadt. Die Speisekarte im „Café Wiener“ hat vierzig Seiten. Es gibt alles: Spaghetti Tex-Mex, Misosuppe, Pizza, Sachertorte, Kosakenschnitzel mit Ananas . . . Im „Café Français“ kann man nachmittags Männer in Lederjacken Muscheln zum Cappuccino essen sehen.

Was für ein Kulturschock müsste das für jemanden wie Josef Burg sein, der seine Jugend hier verbracht hat, als in den Kaffeehäusern Zeitungen in vier Sprachen auslagen - Deutsch, Jiddisch, Rumänisch und Polnisch. Als man sich im „Café Europa“ in der Herrengasse traf (heute Vul. Olgy Kobylyanskoyi) und über Bücher sprach oder Politik oder sich einen der Witze erzählte, von denen Burg sagt, es seien sehr viele und sehr eigenartige gewesen (er erinnert sich aber an keinen). Am Fischplatz, erzählt er, habe es eine jüdische Schule gegeben, eine jüdische Abendschule, ein jüdisches Theater, jüdisches Leben. Vielleicht ist es gar nicht so ein Unglück, dass er seine Wohnung nicht mehr verlassen kann. Dass ihm das alte Czernowitz dadurch gegenwärtiger ist als Tscherniwzi.

Jiddisch als Heimat

„Czernowitz hat Österreich, Rumänien, die Sowjetunion und die Ukraine erlebt und überlebt“, sagt Burg in seinem leicht wienerisch gefärbten, perfekten Deutsch. „Alle haben dieser Stadt ihren Stempel gegeben. In der österreichischen Zeit war es eine Stadt, wie es sie sonst wohl nur selten gab. Man hat nichts gewusst von einem Antisemitismus, von einem Hass von Mensch zu Mensch. Als die Rumänen gekommen sind“ - 1918 war das - „mit ihren ,Juden nach Palästina'-Rufen wurde alles anders.“ Er überlegt einen kurzen Moment, der Sekundenzeiger der Uhr hinter ihm an der Wand tickt laut. „Aber es ist etwas von der österreichischen Tradition geblieben“, sagt er, und sein Gesicht erhellt sich wie das eines Burgschauspielers vor dem entscheidenden Satz im Stück: „Es gibt keinen Rassenhass. Es ist ein Wunder!“

Irgendwann klingelt das Telefon, seine Tochter kommt herein und reicht ihm den Hörer. „Hallo?“, sagt Burg auf Deutsch, hört eine Weile zu und spricht dann in einer Sprache, die klingt wie Deutsch, nur mit viel mehr I's als A's und O's. „Alle meine ganze Mischpoke sind gekimmen“, sagt er einmal, und zum Abschied wünscht er: „Seid gesind!“ Das sei ein Mann aus Kanada gewesen, sagt er, während seine Tochter den Apparat wieder aus dem Zimmer trägt; seine Großeltern stammten aus Czernowitz, und er habe wissen wollen, ob er, Burg, sie gekannt habe. Habe er nicht, aber: „Er hat Jiddisch gekonnt“, Burg strahlt, „Jiddisch!“

Texte im „Forverts“

Die Erzählungen von Josef Burg, kaum eine länger als zehn Seiten, sind auf Deutsch im Verlag Hans Boldt erschienen. Es sind Geschichten über die Bukowina und ihre Bewohner, über die Kaffeehäuser der dreißiger Jahre in Wien, ein Text handelt von einer damals wohl sehr bekannten Schauspielerin, spätere von Nazis, Judenhass und Verfolgung. Während der zwanzig Jahre, die Burg in der Sowjetunion lebte, arbeitete er als Deutschlehrer und veröffentlichte nichts; später schrieb er dann wieder, bis seine Augen zu schlecht dazu wurden. Heute werden noch vereinzelt ältere Texte von ihm in „Forverts“ veröffentlicht, einer in New York erscheinenden, jiddischsprachigen Zeitschrift, die nicht mehr viele Leser hat.

1908, also vor hundert Jahren, wurde in Czernowitz die „Jüdische Sprachkonferenz“ abgehalten, die erste und einzige ihrer Art. Dort wurde beschlossen, dass Jiddisch, von vielen als Jargon abgetan, als Unterform des Mittelhochdeutschen, von nun an die Nationalsprache der Juden sein solle - und nicht Hebräisch. Es ist bekanntlich anders gekommen. Die Nationalsozialisten haben diese Sprache zusammen mit den Menschen, die sie sprachen, fast vollkommen ausgerottet. Für Burg ist das Jiddische seine Heimat, noch immer, es ist seine Muttersprache, die Sprache seiner Familie, die keine reiche war - (Juden der besseren Gesellschaft sprachen Deutsch).

Josef Burg erzählt, dass es in Czernowitz noch einen Mann gebe, der Jiddisch lesen könne (es wird in hebräischer Schrift geschrieben), auch er schon weit über siebzig: „Das ist alles, was von uns geblieben ist - ein Schriftsteller und ein Leser.“ Er sagt es heiter.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Adorján

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