Zum Tod John Updikes

Das Gleichnis vom Talent

Von Patrick Bahners

John Updike: 1932 - 2009

John Updike: 1932 - 2009

28. Januar 2009 Karl Barth hat noch in der Nacht seines Todes geschrieben. In dem Manuskript des Vortrags, an dem der Theologe zuletzt arbeitete, steht in zittriger, aber gleichmäßiger Handschrift, wie John Updike in der Einleitung zu einer Sammlung von Barths Schriften über Mozart berichtet, der Satz, dass Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden sei. Mozart „verkörpert“ in Barths Verständnis, wie Updike es beinahe blasphemisch deutet, den „vitalen“, lebendigen Gott. Seine Musik gebe, wie Barths Theologie der Krise, uns „die Erlaubnis zu leben“. Als das Wesen von Mozarts Kunst habe Barth das Spiel bestimmt, eine Leichtigkeit, die nach immer größerer Verfeinerung strebe, aber den Hörer nie mit der Erinnerung an die Anstrengung der schöpferischen Arbeit belaste.

John Updike, der am Dienstag im Alter von sechsundsiebzig Jahren verstorben ist, hatte etwas Mozarteisches. Die Geläufigkeit, mit der er produzierte, war legendär; das Volumen seiner Produktivität und sein eisernes Beharren auf dem Ideal der Leichtigkeit haben dazu geführt, dass die Kritik ihn immer wieder unterschätzt hat. Seine spielerische Ader ließ ihn die Serie und die Variation kultivieren. In seinem letzten, im Oktober wie alle Vorgänger bei Knopf erschienenen Roman „The Widows of Eastwick“ kam er auf seine im Film von Cher, Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer verkörperten „Witches of Eastwick“ von 1984 zurück. „The Scarlet Letter“, Nathaniel Hawthornes klassische Geschichte von Puritanismus und Ehebruch, hat Updike gleich in drei Romanen variiert. Das Genre des fiktiven Schriftsteller-Selbstporträts erweiterte er um die parodistische Umkehrung. Henry Bech ist erkennbar nicht Updike: Er ist jüdischer Herkunft und leidet unter Schreibblockaden. Auch bei diesem concetto demonstrierte Updike drei Mal, was er daraus machen konnte.

Er war eine Doppelbegabung

Sein Roman “Die Hexen von Eastwick“ wurde erfolgreich verfilmt, Bild aus dem Jahr 1985

Sein Roman "Die Hexen von Eastwick" wurde erfolgreich verfilmt, Bild aus dem Jahr 1985

Romane, gleichsam die Symphonien des Schreibhandwerks, hat Updike mehr als zwei Dutzend verfasst. Sein Köchelverzeichnis, für das ihm das Doppelte von Mozarts Lebenszeit vergönnt war, enthält unzählige Werke für kleinere Besetzungen, Serenaden und Divertimenti, von den Kurzgeschichten über die Gedichte bis zu den Buchbesprechungen, die er in mehreren Wälzern von fast schon biblischem Format sammelte. Die meisten dieser Rezensionen waren zuerst im „New Yorker“ erschienen, dem er über mehr als ein halbes Jahrhundert Texte aller Art lieferte. Zwei Jahre lang hatte er Mitte der fünfziger Jahre der Redaktion angehört, bevor er sich als freier Schriftsteller mit seiner Familie nach Massachusetts zurückzog.

Updike war eine Doppelbegabung, hatte nach dem Literaturstudium in Harvard die Ruskin-Zeichenschule in Oxford besucht. Dass ihm das Schreiben ganz offenbar leicht von der Hand ging, findet emblematische Beglaubigung, wenn man sich ihn mit dem Zeichenstift in der Hand vorstellt. Als Kind träumte er von einer Karriere als Zeichner in den Disney-Studios. Disneys Werke sind ja sozusagen die Mozart-Symphonien der Filmkunst, verdecken in heiterem Triumph die Mühen ihrer Fertigung: Von Anfang an muss John Updike dieses Wunder der Übergangslosigkeit fasziniert haben.

„Versuche dein Glück, damit du dein Talent nicht in der Erde vermodern lässt“

Am 18. März 1932 geboren, wuchs der Lehrersohn auf der großelterlichen Farm im tiefsten Pennsylvania auf. Dorthin kam Woche für Woche das elegante bunte Magazin aus der großen Stadt der schlanken Häuser. Die Witzzeichnungen und die Kurzgeschichten im „New Yorker“ mochten als zwei Formen derselben Kunst erscheinen; als dritte kam der „light verse“ hinzu, der in der englischen Literatur einen eigenen Rang hat. Updikes Gedichtbände setzen diese Tradition fort.

Aber man kann im Leben nicht alles machen. Mozart, so Barth nach Updike, gibt das Beispiel für die Kanalisierung der göttlichen Energie durch das spezialisierte Talent. Updike hat erzählt, dass er in der Sonntagsschule dem Gleichnis von den Talenten eine klare Lektion entnahm: „Lebe dein Leben. Lebe es, als läge ein Segen auf ihm. Versuche Dein Glück, damit du dein Talent nicht in der Erde vermodern lässt.“ In dieser Reminiszenz besitzt schon der „mittelmäßige“ Sonntagsschüler das einzigartige Talent der sinnlichen Vergegenwärtigung moralischer Lagen. „Ich konnte mir so klar das Loch ausmalen, das der ängstliche Knecht in die schmutzige Erde grub, und mir sogar vorstellen, wie angenehm kühl und feucht es sich für seine Hand anfühlte, als er sein Talent dort versteckte.“

Über mehr als tausend Seiten gefesselt

Als Kommentar dieses Gleichnisses ist „Rabbit, Run“ angelegt, der Anfang von Updikes viereinhalbbändigem Hauptmeisterwerk, der in Dekadenportionen erzählten Lebensgeschichte von Harry Angstrom, genannt Rabbit. Dieser Held trägt die Angst im Namen, in deutscher Sprache, was auf das Gleichnishafte hinweist und auf die Schule hinter dem Kommentar, den theologischen Existentialismus von Kierkegaard und Barth. Harry war in der Schule ein Star, nämlich eine Sportskanone, im Basketball. Sein Ruhm hat sich verflüchtigt, als er ins Leben entlassen wurde, nun weiß er nicht, was er mit diesem Leben anfangen soll. Updike hat einen amerikanischen Archetyp geschaffen, der ein exakt datierbarer und lokalisierbarer Sozialtyp ist.

Updike schrieb auch das Drehbuch zu seiner Romanverfilmung “Die Hexen von Eastwick“

Updike schrieb auch das Drehbuch zu seiner Romanverfilmung "Die Hexen von Eastwick"

Harry nimmt komischerweise den Rat ernst, den der Moderator einer Disney-Fernsehsendung für Kinder gibt: Gott wolle, dass es Wissenschaftler und Künstler gebe, und habe jedem Kind ein besonderes Talent geschenkt, das erkannt und gepflegt sein wolle. „Wir müssen arbeiten. Also: Erkenne dich selbst.“ Auf den zweiten Blick gar kein schlechter Rat für den immer noch und in gewisser Hinsicht bis zuletzt kindlichen Harry. Nach der Schulmeinung des theologischen Existentialismus führt allerdings die Selbsterkenntnis zur Selbstüberhebung und daher ins Verderben. Die Katastrophe des Romanendes kann man aus der zu gut gelernten Fernsehlektion erklären. Doch in dieser klaren Lektion geht wiederum der Roman nicht auf, was man schon daran erkennt, dass die Katastrophe sich im zweiten Band, „Rabbit Redux“, in infernalischer Steigerung wiederholt. So wenig etwa die Bücher von Wilhelm Raabe sich in Illustrationen von Schopenhauser-Thesen erschöpfen, so wenig lassen sich Updikes Romane als Biblia pauperum des Barthianismus abtun - obwohl die Gnade der zentrale Begriff seiner Poetik ist. Sein Rabbit wird das Problem der Selbsterkenntnis nicht los, und das Großartige von Updikes Schöpfung ermisst man daran, dass dieses Problem uns über mehr als tausend Seiten fesselt, obwohl Updike dem Sportler, der später sein Talent als Autoverkäufer entdeckt, eine eher bescheidene intellektuelle Ausstattung mitgegeben hat, jedenfalls nicht die Bildungsinteressen von Romanlesern.

Lobpreis der Schöpfung und Weltverwerfung

Wenn Updikes gefallene Priester und Ehebrecher mit ihrem Unglauben und ihren Trieben hadern, dann kämpft der Erzähler immer auch selbst den Widerstreit von Selbsterkenntnis und Weltvergessenheit, von Erdenglück und Seeelenheil aus: Darin liegt die moralische Spannung von Updikes Büchern. Von hier aus lässt sich das Rätsel seiner Ästhetik tatsächlich als Lektion aus Barths dialektischer Theologie entschlüsseln. Wenn Updike die Schönheiten eines Gewerbegebiets zwischen den Vorstädten oder die verbotenen Zonen des weiblichen Körpers in ekstatischem Naturalismus beschreibt, sind Lobpreis der Schöpfung und Weltverwerfung nicht voneinander zu trennen - oder nur in der Entscheidung, im Akt des Glaubens. Als Miniaturmaler auf breiter Leinwand ist Updike verspottet worden. Aber Beschreibungsverfahren und Erzählform, Mikro- und Makrokosmos verbindet sein Stil in belebender Harmonie. Updikes Talent war ein technisch gesehen höchst spezielles, wie das der Elfenbeinmalerin Jane Austen, aber in der Wirkung universell. Er war der größte, wenn nicht der einzige Lyriker des realistischen Romans.

Video in voller Größe

Christliche Gedichte, die von der kommenden Herrlichkeit reden müssen, hat Updike mit juwelenbesetzten Kelchen verglichen, die darauf warten, gefüllt zu werden. Das Werk, das er hinterlässt, ist ein gewaltiger, in überirdischem Detailrealismus ausgeführter Altaraufsatz, der auch Ungläubige zur Betrachtung der Heilsgeschichte verführt. Noch in Jahrhunderten wird man die Lebendigkeit der Figuren bewundern.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben