Büchner-Preisträger Walter Kappacher

Fluchten in die Unendlichkeit

Von Paul Ingendaay

Walter Kappacher

Walter Kappacher

26. Mai 2009 Es wird nicht zu vermeiden sein, ihn noch einmal das zu nennen, was ihn jetzt - ein letztes Mal - alle nennen werden: einen Außenseiter, einen Stillen und fast im Verborgenen Lebenden. Aber die eigentlichen Außenseiter sind wir, die Leser, der literarische Betrieb, der lange nicht begriffen hat, wer der Schriftsteller Walter Kappacher ist. Insofern hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit einem entschlossenen Fanfarenstoß für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt: Sie hat dem siebzigjährigen Österreicher Walter Kappacher, einem der beeindruckendsten Künstler deutscher Sprache, den mit 40.000 Euro dotierten Büchner-Preis für sein Lebenswerk zugesprochen.

Die Entscheidung, so war zu hören, fiel einstimmig, was nicht die Regel sein muss. Und die Begründung sagt ziemlich genau, von wem hier die Rede ist: „In einzelgängerischer Konsequenz“, so die Akademie, „hat Walter Kappacher über Jahrzehnte hinweg ein höchst beachtliches, lange viel zu wenig beachtetes Œuvre geschaffen. Erst seit dem Roman 'Selina' (2005) wird er wirklich wahrgenommen. Seine leise, musikalische Prosa voll melancholischer Unerbittlichkeit - stets traurig, nie trostlos - klärt uns über uns selbst auf. Dieser poetische Realist unserer Tage, der bei vollkommener Gegenwärtigkeit an die große Erzähltradition anknüpft, erzeugt einen 'Sog der Stille'.“

Die Natürlichkeit von Nieselregen

Ja, das ist gut gesagt. Denn still sind sie wirklich, die Helden in Kappachers Büchern, und am Anfang seiner Karriere, in wunderbaren Büchern wie „Morgen“ (1975) oder dem Sekretärinnenroman „Rosina“ (1978), drohen Lebensenge, Tristesse und Verzagtheit den Figuren den Atem abzuschnüren. Wäre da in ihnen nicht ein Instinkt, ein Fluchtgedanke, wie ihn die Bremer Stadtmusikanten auch schon hatten: Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden! Und so verweigert sich die Sekretärin Rosina der Kälte und dem dumm machenden Arbeitstrott und geht. Wohin, das dürfen wir Leser uns selbst ausmalen.

Das Fortgehen, die Flucht in die Einsamkeit sind Grundmuster der Kappacherschen Figuren. In „Der lange Brief“ (1982, Neuausgabe 2007) springt Rofner vom „Fließband“ der Pensionsversicherungsanstalt und geht nach Australien. In „Selina“ (2005), dem Roman, mit dem die eigentliche Kappacher-Renaissance begann, baut sich der Lehrer Stefan ein Privatuniversum in der Toskana und liest die Zeichen der Steine, der Bäume und des Himmels. Durch Kappachers Beobachtungsgabe und einen völlig unaufgeregten Stil, der Wahrnehmungen mit der Natürlichkeit von Nieselregen in Erkenntnis übersetzt, wird der Leser Zeuge eines beglückenden Vorgangs: Weniger ist mehr. Sich zu entziehen bedeutet, neue Gesellschaft zu finden, nämlich sich selbst. Mit der ruhigsten Geste erklärt Kappachers Werk die äußere Einsamkeit zur inneren Unendlichkeit.

In der Variation liegt die Ewigkeit

An diese Unendlichkeit muss Walter Kappacher immer geglaubt haben, denn in der Verweigerung seiner Figuren wiederholt sich des Autors mutiger Lebensschritt vor mehr als dreißig Jahren: jedem Brotberuf zu entsagen und es als Schriftsteller zu probieren. Ohne Stipendien oder Förderprogramme, nebenbei gesagt. Ohne Lesereisen, Goethe-Institute und Autogrammstunden. Kappacher hatte als junger Mann leidenschaftlich an Motorrädern gebastelt, er hatte geschauspielert, sich mit dem Zeichnen beschäftigt, war in ein Reisebüro eingetreten und so weiter. Aber am Ende musste er raus, und hätte er gewusst, wie lange es dauern würde, bis die hohe literarische Gemeinde Notiz von ihm nähme, vielleicht hätte er es sich anders überlegt.

Vielleicht aber auch nicht. Denn natürlich hat Walter Kappacher über die Jahre zweierlei gelernt: Arbeiten und Ausharren. Vereinzelt gab es euphorische Rezensionen, etwa von Martin Walser, der Kappachers Prosa schon vor dreißig Jahren in den höchsten Tönen rühmte. Aber dann wieder Stille. Und wieder ein Buch. Und noch einmal Stille. Und dann wollte der Verlag nicht mehr. Also noch mehr Stille. Kappacher arbeitete beharrlich weiter, mit derselben Konsequenz, mit der er seit Jahren im Winter den Grabensee nicht weit von Salzburg fotografiert: Hunderte, Tausende Bilder des immergleichen Wassers, Ansichten vom Schilf, Porträts geborstener Eisschollen. Die Schönheit, die in diesem fotografischen Werk entstanden ist, war in den letzten Monaten erstmals auch in Ausstellungen zu sehen. In der Variation liegt die Ewigkeit.

Vor fünf Jahren schließlich bekam Walter Kappacher den Hermann-Lenz-Preis, die Laudatio hielt Peter Handke, doch selbst diese Resonanz reichte nicht aus, ihn ganz durchzusetzen. Ein Autor für Autoren, könnte man meinen, und hier wäre das ein Kompliment. Das Motto, das Kappacher seinem letzten, in dieser Zeitung vorabgedruckten und rundum begeistert besprochenen Roman „Der Fliegenpalast“ (2009) ursprünglich voranstellen wollte, lautete: „To the happy few“. Er ließ es dann bleiben. Die Wenigen wissen sowieso immer, wie die Dinge stehen. Und klar ist jetzt auch, dass die Wenigen zur Mehrheit geworden sind.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, Walter Kappacher

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Blog „Sanchos Esel“

Walter Kappacher und die spanische Stille

Hundert Ansichten des immergleichen Wassers: “Schilfbilder“

Kurz bevor er den Büchner-Preis bekam, besuchte unser Blogautor Paul Ingendaay Walter Kappacher in Österreich. Ein Gespräch über Spanien, Essen und einen Preis, der wirklich kam. Von Paul Ingendaay

F.A.Z.-Spezial

Büchner-Preis für Walter Kappacher

Arbeiten und ausharren: Walter Kappacher

Der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher erhält den diesjährigen Georg-Büchner-Preis. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Dienstag mit. Kappacher, dessen Werke über Jahrzehnte hinweg kaum beachtet wurden, sei ein „poetischer Realist unserer Tage“, so die Akademie.

Walter Kappacher: „Der Fliegenpalast“

Epiphanien und Magie, das ist vorbei

Hugo von Hofmannsthals letzten Tagen hat der Schriftsteller Walter Kappacher einen Roman ohne die von Hofmannsthal selbst so verhassten Anmaßungen der Biographen gewidmet. Dennoch ist ein großartiger Roman über das Ende eines dichterischen Magiers entstanden. Von Hans-Jürgen Schings

Zum Vorabdruck: „Der Fliegenpalast“

Hofmannsthal in Bad Fusch

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher hat mit dem „Fliegenpalast“ einen Künstlerroman geschrieben, der ganz nah an Hofmannsthal bleibt, aber dabei weit über seinen bekannten Protagonisten hinausweist. Von Felicitas von Lovenberg

Walter Kappacher: „Der lange Brief“

Die Widrigkeiten des Tages

Walter Kappacher ist viel gelobt und wenig gelesen worden. „Der lange Brief“ erschien erstmals 1982 und wurde kaum beachtet. Nun liegt er in einer vom Autor bearbeiteten Neuausgabe vor, die hoffentlich mehr Leser erreicht. Von Friedmar Apel

Walter Kappacher zum Siebzigsten

Prüfer unserer Lebensart

Walter Kappacher lebt zurückgezogen bei Salzburg, mischt nicht im Literaturklüngel mit und geht drei überaus stillen Tätigkeiten nach: schreiben, fotografieren, schweigen. In den letzten Jahren hat sich Kappachers Literatur endgültig durchgesetzt. Von Paul Ingendaay

Walter Kappacher: „Selina oder Das andere Leben“

Erschrecken unter Sternen

Walter Kappacher meint Liebe, Tod und Unsterblichkeit, indem er von Grillen, Hummeln, Käuzchen und Fledermäusen spricht. Dieser Schriftsteller kann das Schwierigste, und das macht „Selina“ zu einem Ausnahmewerk. Von Paul Ingendaay

Büchner-Preis 2008 an Josef Winkler

Der Kindheitsmusterknabe

Überraschender Preisträger: Josef Winkler

Christoph Ransmayr, Hans Joachim Schädlich, Ror Wolf oder Siegfried Lenz: Würdige Kandidaten für den Georg-Büchner-Preis gab es viele. Bekommen aber hat ihn Josef Winkler. Rechtfertigt dessen schmales literarisches Programm eine solche Auszeichnung? Von Hubert Spiegel