12. November 2009 Bist du närrisch geworden, Fritz? So soll die erste Reaktion auf das früheste, leider nicht überlieferte Gedicht von der Hand Friedrich Schillers gelautet haben. Der kleine Fritz schrieb es am 25. April 1772, dem Tag vor seiner Konfirmation in der Ludwigsburger Garnisonskirche, um die zweifelnde Mutter von der Tiefe seiner religiösen Gefühle zu überzeugen. Das mütterliche Urteil ist leider nicht bekannt, aber die Frage des Vaters spricht für sich. Vermutlich, wenn die Anekdote überhaupt der Wahrheit entspricht, dürften die Verse des Zwölfjährigen ähnlich formelhaft und von Phrasen und Versatzstücken geprägt gewesen sein wie der vier Tage zuvor entstandene Brief des Konfirmanden an die Wohlgebohrne Frau / Insonders hochzuEhrende theuriste Frau Pathin! Er ist das älteste erhaltene Schriftstück von Schillers Hand, aber vielleicht auch jenes, das am wenigsten über die Person seines Verfassers verrät.
Fast siebenhundert Briefe und etwa 150 Manuskriptfragmente Schillers sowie 158 Gegenstände aus seinem Haushalt zählen zum Inventar des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und bilden den Kernbestand des Schiller-Nationalmuseums, das 1903 eröffnet wurde. Der Entwurf der Architekten Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle sah ein idealisiertes Wohnhaus für Schiller vor, einen Palast für den Dichterfürsten, aber einen Palast mit anspruchsvollen und ehrgeizigen Untermietern. Denn schon elf Jahre zuvor, als Kilian Steiner ein großes Konvolut Schillerscher Handschriften und Erinnerungsstücke von einer Nachfahrin der jüngsten Schwester Schillers erwirbt, hat der württembergische Bankier, der Motor des Marbacher Schillervereins, den Plan und die Hoffnung, dass die Sammlung von Schillerreliquien in Schillers Geburtshaus sich zu einem eigentlichen Schillermuseum - mit der Zeit vielleicht zu einem literarischen Archiv für Dichter und Schriftsteller Schwabens überhaupt - erweitere.
Modern wie nie zuvor
Fünf Jahre später kauft Steiner für die damals ungeheure Summe von 25.000 Goldmark den Nachlass von Ludwig Uhland, und wiederum fünf Jahre später schickt er dem Sohn von Justinus Kerner zur Stärkung nach überaus zähen Verkaufsverhandlungen über den Nachlass des Vaters eine Kiste meines braunen Flaschenbiers, nicht ohne den fünfundachtzigjährigen Dichtersohn freundlichst um die unfrankierte Rücksendung der leeren Flaschen zu bitten. Unter Schwaben geht das an, zumal auch andernorts kräftig gefeilscht wurde, wenn es um Dichterreliquien ging. Mit dem Bedarf stieg der Preis, aber nicht unbedingt die Moral: Schon 1856 war in Jena eine Publikation über einen Prozeß wegen betrüglicher Anfertigung Schiller'scher Handschriften erschienen.
Die schwäbische Dichterschule, Wieland, Schubart, Hölderlin, Kerner, Uhland und Mörike, sollte von Anfang an zu Schillers Nachbarschaft im 1934 erweiterten Museum gehören, später kamen der Verleger Cotta und Hesse dazu, die ebenso im Untergeschoss Platz fanden wie eine Dauerausstellung zum zwanzigsten Jahrhundert und zwei kleine Räume für wechselnde Kabinettausstellungen. So war der Stand für ungefähr ein Vierteljahrhundert, bis die zuletzt in den siebziger Jahren neu gestaltete Dauerausstellung 2004 abgebaut wurde. Nach der Außensanierung des Gebäudes folgte dann in den beiden letzten Jahren für 5,6 Millionen Euro die aufwendige Innensanierung durch Alexander Schwarz vom Architekturbüro David Chipperfields, der bereits den Neubau des benachbarten Literaturmuseums der Moderne verantwortete. Wenn am heutigen Dienstag das Schiller-Nationalmuseum durch den Bundespräsidenten feierlich wiedereröffnet wird, ist das Haus so modern wie nie zuvor und so schön wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Das Prunkstück ist der leergeräumte Schillersal mit den umlaufenden Stuckfriesen zu elf Gedichten Schillers. Früher war der Raum mit Vitrinen vollgestellt, jetzt wirkt er als Solitär und soll künftig für Empfänge, Lesungen, Hochzeiten genutzt werden. Der wunderschöne Mosaikboden durfte nicht mit Lüftungskanälen durchzogen werden, deshalb wäre die für die empfindlichen Manuskripte vorgeschriebene Raumtemperatur von nur achtzehn Grad nicht ohne weiteres zu gewährleisten. Der Blick kann hier ungehindert bis zum Hohenasperg und dem Michaelsberg wandern, während die Ausstellungsräume verdunkelt sind. Achtzehn Grad und höchstens fünfzig Lux, Kühle und Dämmerlicht sind der Preis, der zu entrichten war, sollten weiterhin licht- und temperaturempfindliche Originalhandschriften zu sehen sein.
Kein Pfeil weist den Weg
Dass man nun auf 450 Quadratmetern ungefähr siebenhundert originale Ausstellungsstücke sehen kann, darunter vor allem solche aus Papier, setzte eine grundsätzliche Entscheidung voraus. Was ist wichtiger: Die Wirkung der Aura des Originals oder die Sorge um dessen Erhaltung? Angesichts der Flut von Originalmanuskripten, die im benachbarten, ebenfalls heruntergekühlten Literaturmuseum der Moderne ausgestellt sind, ist die erneute Entscheidung für die Originalhandschriften konsequent. Andererseits stellt sich die Frage, ob nicht Faksimiles der kostbaren und unersetzlichen Handschriften den Ansprüchen der meisten Besucher genügt hätten. Was das Faksimile atmosphärisch vermissen lässt, hätte vielleicht die mittlerweile längst selbst auratisch gewordene Hülle des Schiller-National-Museums hinzugefügt.
Die andere, nicht minder schwerwiegende Entscheidung gilt der Neukonzeption der Dauerausstellung. Lässt sich ein Dichterleben heute noch in die Vitrine packen? Wie wird eine Epoche der Literaturgeschichte anschaulich? Welche Wege sind heute zu beschreiten, da der schlichte Biographismus längst überholt ist, das biographische Interesse des Publikums aber in den letzten Jahren spürbar zugenommen hat? Und schließlich galt es auch, die Voraussetzungen der eigenen Arbeit zu befragen: Warum geht man überhaupt in ein Literaturmuseum? Haben die letzten Impulse der Dichterverehrung als Kunstreligion des neunzehnten Jahrhunderts im Jubiläumsjahr 2005 fast fünfzigtausend Besucher nach Marbach getrieben, oder war es doch eher die Sehnsucht nach der mit Geist und Ruhm gesättigten Materie in einer zunehmend virtuellen Welt?
Heike Gfrereis, die nun beide Marbacher Museen leitet, hat die alte Zweiteilung beibehalten: hier Schiller, dort der Rest. Ansonsten ist alles neu und anders. Im leeren Schiller-Saal weist kein Pfeil den Weg zur ersten Station. Der Besucher muss selbst entscheiden, wo er beginnt.
Der Kragen öffnet sich
Links geht es zur Themenausstellung, die die reichen Archivbestände zur Literatur des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in vier Kapitel gliedert, rechts geht es zu Schiller, dem fünf Abteilungen und Räume gewidmet sind. Die schwäbische Dominanz ist gebrochen: Neben Mörike, Kerner und Konsorten treten nun Kant, Goethe, Nietzsche, Humboldt und andere. Der Schillerflügel gewährt Einblick in die Dichterwerkstatt, spiegelt den Lebenslauf, vermittelt Schillers geistigen Horizont, präsentiert seine Ikonographie und zuletzt auch die Relikte seines täglichen Lebens. Wo die eigens bei Wedgewood bestellten goldenen Ringe mit Satyr- und Homerkopf, die Gänsekiele, Federmesser, Tabaksdosen, Geldbeutel, Handwärmer und Spazierstöcke gezeigt werden, dürfen auch die Strümpfe nicht fehlen, von denen der Dichter seufzend sagte, dass ihr Anblick genüge, um ihn aus seinen idealischen Welten zurück in die Wirklichkeit zu holen.
Nie zuvor waren so viele Handschriften des Dichters zu sehen, der seine Manuskripte zu vernichten pflegte, sobald das Werk im Druck erschienen war. Was sich erhalten hat, sind deshalb vor allem Fragmente oder Entwürfe nicht vollendeter Werke. Die Arbeitsweise des Dramatikers, der seine Dialoge lautstark auf Rhythmus, Effekt und Bühnenwirksamkeit zu überprüfen pflegte, lässt sich an einem Blatt des Wallenstein studieren. Anhand der Sammlung von Porträts und Büsten kann der Besucher die Wandlungen des Schillerbildes wie im Zeitraffer nachvollziehen: Wenn die Dichterhand zunächst die Tabaksdose hält, ruht später das aufgeschlagene Buch in ihr. Der Kragen öffnet sich, die Nasenlinie wird kühner, edler, die Lockenmähne immer wallender, bis schließlich der Bildhauer Dannecker einen Haarkringel von seiner Monumentalbüste abschlägt - angeblich in geistiger Umachtung. Aber auch das Gegenteil könnte der Fall gewesen sein.
Der Atem des Dichters
Schon hier gibt es viel zu lesen, und wer anhand einiger Dutzend aufgeschlagener Bücher, die nur zum Teil aus Schillers Bibliothek stammen, dessen Lektürewege nachvollziehen möchte, sollte profunde Vorkenntnisse mitbringen. Vollends zur Herausforderung wird die zweite Abteilung der neuen Dauerausstellung. Energie und Schrift, Ursprung, Liebe und Wahnsinn und Kleine Formen lauten die Themen, die gewählt wurden, um das Material zu strukturieren und Tendenzen und Entwicklungen zu bündeln. Wie die vielfältige Verwendung von Satz- und Pausenzeichen bei Klopstock, Kerner, Mörike und anderen Unmittelbarkeit und Mündlichkeit imitieren, andererseits aber auch den Atem des Dichters, den göttlichen Hauch seiner Eingebungen und Seelenregungen sichtbar machen sollen, ist ungemein spannend, dürfte aber für die Schulklassen, die bald schon durchs Museum getrieben werden, keine geringe Herausforderung bedeuten.
Wer hinter tausend Zetteln dann schon keine Welt mehr zu sehen vermag, wird am Ende mit einem Blatt von Nietzsches Hand zurück in die Wirklichkeit geschickt: Zu Bett. Heftigster Anfall. Ich verachte das Leben. F.N., steht darauf. Erst im unentbehrlichen Katalog reicht Ulrich Raulff einen anderen Satz Nietzsches nach: Was weiß der von der Liebe, der nicht gerade das verachten mußte, was er liebte! So gelehrt und dialektisch lehrt Marbach seine Besucher die Literatur zu lieben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, DLA, DLA-Marbach, www.dla-marbach.de, F.A.Z.