Briefwechsel: Enzensberger - Hacks

Für mich müssen Sie keine Atombombe einkaufen

Von André Thiele

Hans-Magnus Enzensberger Anfang der sechziger Jahre bei einer Lesung in der Evengelischen Akademie Ost-Berlin

Hans-Magnus Enzensberger Anfang der sechziger Jahre bei einer Lesung in der Evengelischen Akademie Ost-Berlin

27. Februar 2009 Als Voltaire sagte, dass am Grunde jedes Problems ein Deutscher sitze, vergaß er zu erwähnen, dass auch zum Rand jedes Problems ein Deutscher unterwegs ist. Der eine denkt in die Tiefe, der andere denkt in die Ebene. Diese beiden Deutschen, das sind, in ihrer Zeit, Peter Hacks und Hans Magnus Enzensberger.

Spannend wird es, wenn sich die beiden begegnen. 1957 war Enzensbergers Gedichtband „verteidigung der wölfe“ erschienen und hatte für Furore gesorgt. Hacks schrieb im August 1958 einen offenen Brief an Enzensberger; er erschien in „Junge Kunst“, dem Organ des Zentralrats der FDJ. Der hieraus resultierende Austausch, von dem jetzt immerhin zehn von insgesamt zwölf Briefen erstmals vorliegen, bildet eines der gehaltvollsten Ereignisse der heute als „Das literarische Jahr 1959“ bestaunten Vorgänge. Hacks und Enzensberger streiten miteinander auf vier Ebenen: als zwei zänkische halbstarke Genies; als Vertreter von Ost und West; als Exponenten der Alten Linken und der Neuen Linken und als Häuptlinge der Klassik und der Romantik.

„Eine greise 5-Mark-Hure des Imperialismus“

Peter Hacks (1928 bis 2003) feierte als junger Dramatiker erste Theatererfolge in München, bevor er 1955 nach Ost-Berlin ging

Peter Hacks (1928 bis 2003) feierte als junger Dramatiker erste Theatererfolge in München, bevor er 1955 nach Ost-Berlin ging

Auf den offenen Brief von Hacks folgten zwei private, Enzensberger antwortete auf jeden der drei. Dieser erste Kontakt hielt bis zum März 1959, brach aber dann ab. Vom November 1960 datiert ein zweiter offener Brief, diesmal von Enzensberger und wohl für den Bayerischen Rundfunk verfasst. Hacks schrieb Enzensberger am 10. April 1961, bezog sich aber nicht auf dessen offenen Brief, sondern auf das Treffen der beiden am 7. und 8. April beim „Hamburger Streitgespräch“. Hacks erhielt den offenen Brief Enzensbergers wohl im Juli 1962, seine kurze Antwort bildet den Abschluss der Korrespondenz.

Die Briefe waren bisher nicht im Zusammenhang zu lesen. Von Hacks kannte man drei, von Enzensberger einen. Nun legen die „Berliner Hefte“ in ihrer aktuellen Ausgabe eine kommentierte Edition vor. Wenngleich bei dieser Zusammenstellung noch mindestens zwei Schreiben fehlen, ist das Erscheinen eine kleine Sensation, galt doch spätestens seit Hacks’ unnützer Pöbelei vom September 1990, Enzensberger sei „eine greise 5-Mark-Hure des Imperialismus“, das Tischtuch als zerschnitten. Schon dass Hacks’ Nachlassverwalter und Hans Magnus Enzensberger sich für die „Berliner Hefte“ zusammengerauft haben, ist also bemerkenswert – von den Briefen selbst gar nicht zu reden.

Wie hätte dieser Dialog nicht scheitern können?

Das Phänomen 1959 ist nicht schwer zu verstehen: In diesem Jahr hatten die beiden deutschen Staaten entdeckt, dass sie ohne einander konnten. Das galt es mitzuteilen – und dafür hatten sie ihre Leute. Vor allem machte sich 1959 die Generation der Luftwaffenhelfer, der die sich in biographischen Details verblüffend ähnelnden Hacks und Enzensberger jeweils auf ihre Weisen vorstanden, an die Eroberung der gesellschaftlichen Einfluss-Stellungen. Man war jung, siegesgewiss und geneigt, es allen zu zeigen. Die alten Herren wollten reden, die Jungen ebenfalls, aber sie dachten nicht daran, sich darüber hinwegzutäuschen, dass dieses Reden ein Sprechen zu den eigenen Leuten war, also kein Dialog, sondern eine Trennungserklärung. Gesamtdeutsche Sentimentalitäten, die hatten nun wirklich nur die Alten; für die Jungen bedeutete die Trennung vor allem die doppelte Menge an zu besetzenden Posten.

In den „Berliner Heften“ heißt es nun, in dem Austausch von Hacks und Enzensberger sei ein „Vorschlag für einen neu bestimmten literarischen Grenzverkehr“ zu sehen, der dann aber in das „Scheitern des West-Ost-Dialogs zwischen kritischen Intellektuellen“ mündete. Aber wie, so muss man fragen, hätte dieser Dialog nicht scheitern können? Die Differenzen zwischen Ost und West waren keine des Willens, sondern solche der Sache. Es ging um Prinzipien, nicht um Befindlichkeiten.

Peter Hacks jedenfalls veröffentlichte seinen ersten Brief im offiziösen Rahmen im August 1958, und er schrieb Enzensberger auf dessen Antwort vom 27. Januar 1959 wenige Tage später: „Ich habe mir erlaubt, eine überaus private Entscheidung für Sie zu treffen: ich werde Ihren Brief hier nicht publizieren lassen. Was käme heraus?“ Der Verdacht liegt nah, dass der West-Emigrant Hacks in der DDR darauf, wer in Parteiorganen veröffentlicht wurde und wer nicht, etwa so viel Einfluss hatte wie ein Schmetterling auf die Erderwärmung, und dass eine Veröffentlichung von Enzensbergers Replik in der DDR niemals beabsichtigt gewesen war. Wenn dieser Austausch als Ost-West-Dialog je eine Chance gehabt haben sollte, dann sicher nicht als öffentliche Angelegenheit.

Auf der Ost-West-Ebene fährt Enzensberger mit Hacks gekonnt Schlitten

Hans-Magnus Enzensberger spricht am 30. Oktober 1966 bei der Schlusskundgebung des Kongresses “Notstand der Demokratie“ vor dem Frankfurter Rathaus

Hans-Magnus Enzensberger spricht am 30. Oktober 1966 bei der Schlusskundgebung des Kongresses "Notstand der Demokratie" vor dem Frankfurter Rathaus

Warum hat sich Hacks auf diese Sache eingelassen? Enzensberger brauchte nach dem „Offenen Brief“ nur auf die reale politische Lage zu verweisen, um Hacks zu zwingen, mit Prinzipien zu argumentieren, wo er, Enzensberger, konkret sein konnte.

Hacks (August 1958):

Damit der Mensch seinen Spaß haben kann, darum machen wir ja den Kommunismus.

Enzensberger (Januar 1959):

Peter Hacks im Jahr 1961

Peter Hacks im Jahr 1961

die lügen des westens zu durchschauen, reichen ihre kenntnisse aus. aber wie steht es mit ihren eigenen? die intelligenz ihres landes flieht nicht zu den fettnäpfen des westens, sondern vor dem zwang zur lüge.

Hacks (Februar 1959):

Ein Teil der Greuel, die Sie mit großem Selbstvertrauen ins Feld führen, ist reine Erfindung. Etwa die Behauptung, man könne für Sagen der Wahrheit ins Zuchthaus kommen.

Enzensberger (Februar 1959):

beruhen einfach auf den berichten von leuten, denen ich glauben schenke. es sind flüchtlinge unter ihnen, aber auch bürger ihres staates und mitglieder ihrer partei.

Auf der Jungtürken-Ebene sind sich Hacks und Enzensberger offensichtlich ebenbürtig, auf der Ost-West-Ebene fährt Enzensberger mit Hacks gekonnt Schlitten.

Marxisten unterschiedlicher Konsequenz

Peter Hacks hatte die unglückliche Neigung, sich öffentlich zu konkreten politischen Fragen zu äußern – und politische Gebrauchstexte konnte er einfach nicht. Er klingt dabei immer wie ein Berliner Bierkutscher im Mittagsstau an einem heiß-schwülen Sommertag: Es sind schrille Worte, es geht um Galgen und Guillotinen, um Läuse und Flöhe, und am Ende hört kein Mensch auf irgendetwas von dem, was er sagt, insbesondere nicht die eigenen Leute. Enzensberger lässt sich auch aus der Ruhe bringen, gemessen an Hacks aber, argumentiert er mit geradezu klassischer Gelassenheit.

1961 stellt Hacks diese Sorte öffentlicher Äußerungen ein. Es heißt, Ulbricht habe das bewirkt, vor allem aber der Streit um „Die Sorgen und die Macht“. Sollte das stimmen, muss man Ulbrichts Kunstverstand loben. Denn Hacks war geboren, unnachahmliche Werke der Dramatik zu schaffen; an alles andere war er verschwendet, und dass er selbst sich daran verschwendete, macht die Sache nicht sympathischer. 1976 dann brach er sein Tabu und schrieb dem des Landes verwiesenen Wolf Biermann einen offenen Brief hinterher: eine Beckmesserei erster Güte und ein Bärendienst für sein Land. Warum das gedruckt wurde? Ulbricht, leider, war drei Jahre tot und Schluss mit der Staatskunst in der DDR.

In seinen Briefen an Enzensberger tritt uns Hacks aber schon in seiner Frühphase, in der er als „Liberaler“ und „Oppositioneller“ galt, deutlich als das entgegen, was er politisch spätestens seit 1955 war: ein konsequent argumentierender Marxist, der die Theorie des Marxismus von A bis Z verstanden hatte und sie folgerichtig anwandte. Enzensberger hingegen wirkt auf dieser Ebene, die die Konfrontationsebene der Alten Linken mit der Neuen Linken ist, wie ein Wunschkonzertmarxist.

Hacks (August 1958):

,Der Mensch‘, eine erst noch herzustellende Person, wird ermöglicht durch Aufhebung der Klassen, durch Arbeiter. Nachher reden wir weiter.

Enzensberger (Januar 1959):

die verbrechen, die im namen des sozialismus begangen werden, sind die gefährlichsten. der kapitalismus, wer wüßte es nicht, ist eine sache der wölfe. wie sollten seine handlungen da anders als wölfisch sein? der sozialismus ist unsere sache.

Hacks (Februar 1959):

Wie, glauben Sie, sähe Ungarn heute aus, wenn die Sowjetunion nicht eingegriffen hätte?

Mit der Illusion eines Dritten Weges hatte es Hacks nicht. Enzensbergers damaliger Idee, und die der gesamten sich anbahnenden Außerparlamentarischen Opposition (APO), jenseits der Realitäten beginne der „eigentliche“ Sozialismus, der, der keine Verbrechen begeht, der unwölfische, der kleingeschriebene, hing er nicht an. Hacks hatte nicht vor, den Sozialismus klein zu schreiben. In Enzensbergers Antwort auf Hacks’ Frage nach Ungarn liegt das Gesamt der Illusionsmacherei der nun anbrechenden Verfallsform marxistischen Denkens, das die Linke bis heute ausmacht (4. Brief): „wenn die sowjetunion nicht eingegriffen hätte, sähe es heute in ungarn ähnlich wie in jugoslawien aus: also besser.“ – Also besser?

Laute und leise Revolution

Enzensberger benennt die Menschheitsfeinde als Angler, Henker, Wölfe. Hacks leitet schon im ersten Brief daraus ab, wofür Enzensbergers und die Position der APO stehen: nicht für Freiheit als positiven Wert, sondern für das Prinzip der bedingungslosen Freiheit vom Staat, für Romantik also: „Man bekommt es langsam heraus: Ihre Angler, Henker, Wölfe, das sind einfach die Ausüber staatlicher Exekutive“ – ganz unabhängig von der Frage sozialistischer oder kapitalistischer Staatlichkeit. „Was unternehmen denn Ihre Helden, Ihre Gegenbeispiele? Sie retirieren sich. Wohin? In die Schnulze.“ Oder, möchte man ergänzen, in die blutigen Revolutionsklamotten der Dritten Welt.

Die Denkarbeit beider Dichter ist bemerkenswert. So fechten sie etwa um den Begriff der Revolution. Für Enzensberger ist Revolution, wenn das Volk die Macht übernimmt: Es muss krachen. Für Hacks ist Revolution gleichbedeutend mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse: Das kann auch der Staat im Stillen.

Hacks (April 1961):

Alle Revolutionen sind unblutig, alle Bürgerkriege sind blutig. Alle Bürgerkriege werden von der Gegenrevolution begonnen.

Enzensberger (Januar 1959):

adenauer und ulbricht verkörpern das übelste, was heute auf beiden hälften der welt zu finden ist.

Die Stimmung zwischen beiden ist merklich gespannt, was zu unterhaltenden Witzen führt.

Hacks (April 1961):

Ich plane aber keinen Angriff auf Westdeutschland, nicht einmal eine Revolution dortselbst. Sie brauchen also für mich speziell keine Atombombe einzukaufen. Geben Sie bitte die dafür vorgesehene Summe für eine Fahrkarte nach Berlin aus und bringen Sie mir eine Flasche Whisky mit; denn Sie behalten dann sogar noch Geld übrig.

Enzensberger (Mai 1961):

Wenigstens eine friedfertige Seele ist also gefunden.

Hacks und Enzensberger, so das Fazit sowohl des höchst anregenden Briefwechsels als auch der Werke beider, gleichen einander wie antikes Rom und modernes Rom. Die Antike lehrt uns Denken, setzt uns Maß und Ziel, hebt uns und begeistert uns. Aber dort leben? Das wollen selbst die Begeisterten nur, wenn man ihnen vorher zusichert, dass es da mittlerweile Zahnbehandlung mit Lokalanästhesie gibt. Dass wir das deutsch-deutsche Problem nun zugleich vom Innersten wie vom Rand her betrachten können, verdanken wir den „Berliner Blättern“.

Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens. Nr. 8/2008. Zu beziehen im Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität, für acht Euro.

André Thiele ist Herausgeber des Journals „ARGOS. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt von Peter Hacks“. Zuletzt erschien der Essayband „Eine Welt in Scherben“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Cinetext/Fred Kastler, Roger Melis

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