23. November 2009 Die englische Bestsellerautorin Zadie Smith, 34, (Zähne zeigen) hat eine Anthologie herausgegeben, für die sie die Crème de la Crème der englischsprachigen Literaturszene gewonnen hat. Dave Eggers, Jonathan Safran Foer, Miranda July, A. L. Kennedy und viele andere sind mit neuen Geschichten vertreten, darunter auch die Herausgeberin selbst, deren einzige Vorgabe an die Autoren war, sie sollten einen Charakter erfinden.
Im Vorwort Ihrer Anthologie Das Buch der anderen erklären Sie, die Schriftart, in der ein Schriftsteller arbeitet, sage eine Menge über seinen Charakter aus. Welche benutzen Sie?
Garamond 12.
Wie sieht sie aus?
Sie ist ziemlich rund und vermittelt eine Tiefe, die ich mag. Ich bin vollkommen neurotisch, was diese Schrift angeht.
Inwiefern?
Ich kann in keiner anderen schreiben. Manchmal bekommt man Manuskripte ja formatiert vom Verlag zum Überarbeiten zurück. Ich muss den Text dann immer erst wieder in Garamond zurückversetzen, sonst kann ich nichts daran machen.
Nicht Ihr Ernst.
Doch, wirklich. Wenn ich schreibe, dann oft begleitet von dem Gefühl: Das ist es irgendwie noch nicht. Deshalb arbeite ich am Computer sogar mit einem Programm, das den Text so formatiert, als wäre es schon ein veröffentlichtes Buch. So wirkt das Ganze ernster, fertiger. Das hat wohl viel mit Selbstvertrauen zu tun.
Nach einem Blick ins Archiv hatte ich nicht den Eindruck, dass es Ihnen an Selbstbewusstsein mangelt.
Schreiben ist wohl eine empfindlichere, feinfühligere Sache, als die meisten Menschen meinen.
In früheren Interviews kamen Sie als zornige, um ehrlich zu sein, oft ziemlich genervte junge Frau rüber.
Das sind wahrscheinlich Interviews gewesen, die während meiner Buch-Tour stattfanden, als ich Mitte zwanzig war. Oft habe ich zehn Städte in einer Woche besucht, wahrscheinlich war ich an diesen Tagen einfach müde.
Sie wollten damals, nach Ihrem ersten Roman Zähne zeigen, vieles nicht sein - zum Beispiel das Wunderkind der Literatur, als das die Kritiker Sie feierten.
Schon allein diesen Begriff fand ich immer seltsam.
Sie lehnten auch jeden Versuch ab, Sie als Stimme Ihrer Generation oder auch als Stimme der Frauen zu stilisieren. Warum eigentlich?
Ich liebe es, zu schreiben. Ich will ein Schriftsteller inmitten von Schriftstellern sein und nicht die Stimme von irgendjemandem.
Sie hätten es doch als Chance sehen können, zum Beispiel öffentlich für Belange von Frauen einzutreten.
Ich halte mich als Feministin für so überzeugt, wie man es wahrscheinlich nur sein kann. Und natürlich - Kollegen von mir engagieren sich öffentlich, halten Reden, sind PEN-Mitglieder, aber das ist nicht meine Art.
Wie würden Sie Ihre Art denn beschreiben?
Ich stecke alles in meine Bücher, das ist mein Weg, mich auszudrücken.
Der Erlös Ihrer Anthologie kommt einer Stiftung zugute, die Kinder zum Schreiben ermutigt. Sie fingen jung an zu schreiben. Auch weil Sie jemand dazu ermutigte?
Die eigentliche Ermutigung war eher die: Meine Eltern hatten keinen Sinn dafür, was für ihre Kinder angebracht war oder nicht.
Und das war ermutigend?
Sehr sogar. Keiner von beiden hat eine Universität besucht, beide haben die Schule früh verlassen. Wenn man zu meinen Eltern sagte: Ich möchte Rapper sein oder Schriftsteller, sagten sie einfach: Oh, okay! Very well then. Vor allem meine Mutter war sehr laissez-faire.
Was nahe an Gleichgültigkeit sein kann.
Sie waren dabei immer sehr interessiert - und überrascht und begeistert von ihren Kindern, selbst wenn wir gar nichts Großartiges taten. Mein Vater war ein sehr stiller, alter, weißer, englischer Mann, der in seinem Leben nicht viel mit Kunst oder Intellektualität in Berührung gekommen war, aber das Ergebnis seiner zwei Ehen: fünf Kinder - ein Maler, zwei Rapper, ein Musiker, ein Schriftsteller.
Sie werden bald selbst Mutter, erwarten Ihr erstes Kind. Denken Sie darüber nach, wie Sie sich dadurch als Schriftstellerin verändern werden?
Natürlich, wobei es da zwei Seiten gibt. Bei aller Freude - wohl jede Schriftstellerin blickt auf die Geschichte weiblicher Literaten und fühlt Angst in ihrem Herzen, wenn es um Kinder geht. Als Teenager war ich überzeugt, niemals zu heiraten und Kinder zu haben. Mir fiele nicht eine Schriftstellerin ein, die ich gerne habe und die es geschafft hätte, zu schreiben und Kinder zu haben, ohne wahnsinnig zu werden oder sich umzubringen.
Was hat Ihre Haltung verändert?
Ach, Sie wissen schon. So etwas wie die Natur übernimmt irgendwann. Es ist wirklich außergewöhnlich, wie das Gehirn - oder was auch immer es ist - einen steuert.
Und die andere Seite?
Meine Schwägerin zum Beispiel, die zwei Kinder hat, besuchte einen dieser Vorbereitungskurse: Mütter mit Kindern laden werdende Mütter ein, und man tauscht sich über Erfahrungen aus. Bei diesem Kurs sagte eine Frau ganz enthusiastisch in die Runde, das Tolle daran, Kinder zu haben, sei: Man müsse sich nicht mehr um den Weltfrieden sorgen, weil man so beschäftigt ist mit seinem Familienleben. Diese Vorstellung finde ich so erschreckend wie interessant. Ist das nicht urkomisch? Dass Menschen ernsthaft so empfinden, dass sich von dem Moment an, in dem Kinder da sind, die Welt so herunterfährt, dass nur eine winzige, selbstbesessene Kapsel übrigbleibt. Und noch etwas.
Ja?
Dass Menschen das Gefühl haben, dass Eltern-Sein ihnen plötzlich die Freiheit gibt, so sentimental wie nur irgend möglich zu sein. Allen Empfindungen wird von der Geburt des Kindes an freier Lauf gelassen. Was passiert da mit Menschen? Wie verändern sich ihre Vorstellungen von der Welt?
Sie werden sich ja möglicherweise auch verändern.
Natürlich, wobei ich momentan wirklich nicht sagen könnte, wie. Im Moment weiß ich nur, dass ich keine Mutter-Kind-Kurse besuche und keine Babybücher lese, sondern Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek. Ich weiß, nicht gerade das naheliegende Mutterschaftsvorbereitungsbuch. Aber wenn man ein Kind bekommt, fühlt man sich doch ein bisschen, als hätte man einen Abgabetermin.
Lustiger Vergleich.
Ich versuche gerade noch so viel wie möglich zu lesen, weil ich fürchte, dass ich danach nicht mehr allzu viel Zeit haben werde.
Sie wandern nicht ab und zu durch Kindergeschäfte und haben Spaß daran, Kleider und Fläschchen zu kaufen?
Ich habe natürlich für unser Kind eingekauft. Aber um ehrlich zu sein, ist gerade das ein Teil unserer Welt, der mir lange Zeit die Lust daran genommen hat, Kinder zu wollen. Ich weiß ja nicht, wie Kinderabteilungen in deutschen Kaufhäusern aussehen, aber in England sind diese Geschäfte auf geradezu toxische Weise vollgestopft mit Quatsch.
Was für Quatsch?
Es ist nahezu unmöglich, Kleidung für Mädchen zu finden, die nicht rosa ist. Und all diese Mini-Öfen, Mini-Bügelbretter, Mini-Kinderwagen. Man möchte heulen! Eine pinkfarbene Explosion! Kleine Mädchen tragen im Alltag Prinzessinnen- und Feenkleider. Und dann gibt es in Kaufhäusern diese Bars, an denen Frauen sich die Nägel machen lassen - da sitzen Mütter mit ihren vierjährigen Töchtern zur gemeinsamen Maniküre.
Nichts für Sie.
Ich will diese Frauen nicht verurteilen, ich begreife nur nicht, was sie sich dadurch für ihre Töchter erhoffen? Was wird daraus? Jeden Morgen eine Stunde im Bad. Nägel machen. Beine rasieren. Make-up. Das geht ja unendlich weiter. Ich hätte nicht viel geschrieben, wenn ich meine Teenagerjahre damit verbracht hätte. Man stiehlt den Mädchen Zeit.
Sie verurteilen es doch.
Sagen wir so: Ich habe das Gefühl, dass all das zunimmt. Und frage mich, wie es gelingen soll, Kinder davor zu bewahren, direkt auf dieses Rollenverständnis zuzusteuern?
Was hat Ihre Mutter Ihnen vermittelt?
Meine Mutter ist ein sehr eigener Typ, in ihrem Leben existiert kein Make-up. Sie war in meiner Erinnerung meistens bei der Arbeit. Mein Vater war für uns da, kochte für uns. Erst als Teenager erlebte ich bei anderen Familien, dass wir nicht unbedingt das typische Familienleben führten - ein Geschenk!
Das klingt harmonisch.
Die Beziehung zu Eltern ist immer schwierig, egal, wie sehr man sich liebt. Die Eltern kommen zu Besuch, man hat die besten Absichten, aber sobald sie über die Türschwelle getreten sind, will man sie umbringen, weil sie irgendetwas Gutgemeintes sagen. Es ist einfach nicht leicht, die Beziehung zu Menschen fortzusetzen, die dir auf gewisse Weise aufgezwungen sind.
Während einer Buchtour in Deutschland haben Sie sich nicht fotografieren lassen. Warum?
Weil ich nicht einsehe, warum das die ganze Zeit sein muss.
Bildredakteure würden Sie für cover-tauglich erklären.
Aber wenn man ein Mann ist . . . nehmen wir Ian McEwan. Von ihm scheint es ein einziges Foto zu geben, das immer wieder gedruckt wird, und alle sind zufrieden. Bei mir kamen Redakteure zum Teil nicht nur mit Fotograf, sondern mit Make-up-Artist und Stylist zum Interview. Als Frau ist es wichtig, die Grenze zu ziehen, auch, um nicht noch weiter zu fördern, was in Menschen ohnehin angelegt ist.
Was meinen Sie?
Es ist befremdend, was Lesern aufgrund des Geschlechts eines Schriftstellers so durch den Kopf geht. Ich habe Menschen erlebt, die immer wieder mein Buch aufschlugen und sagten: Ich hätte nicht gedacht, dass eine so schöne Frau so ein Buch schreiben kann. Heißt das, dass Frauen nur dann klug sind, wenn sie keine andere Wahl haben? Oder dass Schönheit gleichzeitig Unfähigkeit bedeutet? Ich habe davon einiges abbekommen und fand es wichtig, die Richtung vorzugeben. Gerade habe ich ein Essay-Buch geschrieben, das bald erscheinen wird. Ohne Autorenfoto.
Sie wollen eine Marke setzen.
Mich hat selbst als Teenager nie interessiert, wie die Schriftstellerinnen aussahen, die ich gerne las - und ebenso wenig ihre Biographie.
Was fanden Sie hilfreich?
Ein Buch aufzuschlagen und gute Sätze darin zu finden. Sätze, die einen weiterlesen lassen wollen, die einen anregen, selbst Sätze zu schreiben. Wie Elfriede Jelinek. Sie hat diese besondere Stärke, auch Härte.
Sie bewundern sie.
Unbedingt.
Und wen noch?
Virginia Woolf zum Beispiel. Diese Frauen haben Feminität hinter sich gelassen, was für mich nichts mit Weiblichkeit oder Frau-Sein zu tun hat, sondern mit einem künstlichen Verhaltenskonstrukt, das einem bei gar nichts hilft. Schriftstellerinnen, die das durchschaut, analysiert und überwunden haben, bewundere ich. Da kommt noch viel Spannendes auf uns zu, wir leben in einer aufregenden Zeit.
Was haben wir denn zu erwarten?
Spaß. Und Erstaunliches. Denn eine Generation von Feministinnen ist im Kommen, die nicht aus dem Gefühl der Wut heraus schreibt. Sondern aus einem Gefühl von Selbstvertrauen.
Die Fragen stellte Anne Ameri-Siemens.
Zadie Smith (Hrsg.): Das Buch der anderen. Kiepenheuer & Witsch, 291 Seiten, 22,95 Euro
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP