Eric Carle zum Achtzigsten

Sie sagte: Raupe, und ich sagte: Schmetterling

Von Susanne Klingenstein

Vor vierzig Jahren schlüpfte sie, ihr Schöpfer wird an diesem Donnerstag achtzig: Eric Carles “Kleine Raupe Nimmersatt“

Vor vierzig Jahren schlüpfte sie, ihr Schöpfer wird an diesem Donnerstag achtzig: Eric Carles "Kleine Raupe Nimmersatt"

25. Juni 2009 Am ersten Frühlingstag dieses Jahres erschien eine kleine grüne Raupe aus einem der klügsten und liebenswertesten Bilderbücher aller Zeiten auf Milliarden von Computern. Es war ihr vierzigster Geburtstag. Der Google-Grafiker und Chef-Webmaster Dennis Hwang hatte in einem seiner üblichen Geniestreiche die stilistische Essenz von Eric Carles Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ in das Google-Logo des Tages gepackt, um ihren Siegeszug durch die Kinderzimmer der Welt mit einer Hommage zu feiern.

Eric Carle begann sein Berufsleben selbst als Graphiker. Obgleich er 1929 in Syracuse, New York, geboren wurde, wuchs er in Stuttgart auf, wohin seine Eltern 1935 zurückkehrten. Sein Vater, zur Wehrmacht eingezogen, geriet in russische Kriegsgefangenschaft und kam nach acht Jahren als gebrochener Mann nach Hause. Der Sohn wurde mit fünfzehn Jahren zum Schützengrabenbauen an die „Siegfriedlinie“ geholt. An seinem ersten Tag dort wurden in seiner Nähe drei russische Kriegsgefangene von Granaten zerfetzt.

Das zweitgrößte Trauma der Kindheit

Am Anfang war Willi Wurm: Eric Carle mit seinem Welterfolg

Am Anfang war Willi Wurm: Eric Carle mit seinem Welterfolg

Man muss das wissen, um zu verstehen, warum Eric Carle davon ausgeht, dass Kinder die Erwachsenenwelt als ungeheuerlich, geheimnisbefrachtet und gefährlich erleben, und warum er sie mit einer Explosion von positiven, vertrauenerweckenden Farben und rhythmisch beruhigenden Frage-Antwort-Spielen in diese Welt hinüberführen möchte. „Ich glaube“, sagt Carle, „dass der Übergang vom Elternhaus in die Schule das zweitgrößte Trauma der Kindheit ist. Das erste ist natürlich die Geburt. In beiden Fällen verlassen wir einen warmen, geschützten Ort für das Unbekannte, das uns ängstigt. In meinen Büchern möchte ich dieser Angst entgegenwirken und sie durch ein positives Element ersetzen.“

1952 kehrte Carle an einen Hort ehemaliger Geborgenheit zurück. Nach Abschluss seiner Ausbildung an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste zog es ihn 1952 nach New York, wo er in der Werbeabteilung der „New York Times“ eine Stelle erhielt und später Grafikchef einer Werbeagentur wurde.

Geniale Kombination von freudiger Sinnlichkeit und evidenter Moralität

Es war der rote Hummer auf einem Werbeplakat, der die Aufmerksamkeit des Kinderbuchautors Bill Martin auf Carle lenkte und zu einer ersten Zusammenarbeit der beiden Meister führte. Nach zwei ungemein erfolgreichen Büchern machte sich Carle selbständig. Aus einem Zufallsspiel mit Locher und Papier und der Assoziation „Bücherwurm“ entwickelte er sein erstes Buch, „Eine Woche mit Willi Wurm“. Seine Lektorin aber fand den fetten grünen Wurm am Ende des Buches etwas unappetitlich und schlug andere Tiere vor. „Schließlich sagte sie Raupe“, erinnert sich Carle, „und ich sagte Schmetterling“, und das Buch war da.

„Die kleine Raupe Nimmersatt“ erschien im März 1969 und wurde seither in 47 Sprachen übersetzt und neunundzwanzig Millionen Mal verkauft - noch immer geht alle dreißig Sekunden ein Exemplar über den Ladentisch. Der globale Erfolg des Buches erklärt sich aus der genialen Kombination von freudiger Sinnlichkeit und evidenter Moralität. Die Raupe, ein Sonntagskind, frisst sich jeden Tag durch eine andere Frucht, deren Zahl mit den Wochentagen wächst. Am Montag durch einen Apfel, am Dienstag durch zwei Birnen, am Mittwoch durch drei Pflaumen. Die durchlöcherten Seiten gewinnen wie die Raupe selbst an Umfang.

Man fliegt in verbesserter Fassung mit seinen Talenten in die Welt

Am Samstag endlich ergibt sie sich der Todsünde der Völlerei und frisst sich durch zehn herrliche Dinge: Schokoladentorte, Eis, Käse, Wurst und andere verfeinerte Lebensmittel und wird sofort mit heftigem Bauchgrimmen bestraft. Am Sonntag darauf tut sie Buße, frisst nur ein grünes Blatt und fühlt sich gleich viel besser. Doch fett ist die Raupe noch immer, und so folgt nun das Purgatorium im Kokon, aus dem sie nach zwei Wochen zum Schmetterling erlöst hervorgeht. Das altgriechische Wort für Schmetterling, „psyche“, bedeutet Hauch, Atem oder Seele. Für Carle ist diese Geschichte „ein Buch der Hoffnung“. Man lernt aus seinen Fehlern und fliegt in verbesserter Fassung mit seinen Talenten in die Welt. Alle Eltern der Welt wünschen sich das für ihre Kinder.

Eric Carle liest in New York aus einem seiner Bücher

Eric Carle liest in New York aus einem seiner Bücher

Seit der Erfindung der Raupe Nimmersatt hat er siebzig Kinderbücher illustriert und meist selbst geschrieben. Da wimmelt es von missmutigen Marienkäfern, stummen Grillen, einsamen Glühwürmchen und fleißigen Spinnen. Carle fand schnell seinen Stil und seine Formel. Seine Bücher bezaubern durch ihre fröhliche, doch kontrollierte Farbigkeit, ihre leicht begreifliche Gestalt und die melodiöse Rhythmik der Texte (die in den deutschen Übersetzungen meist verlorengeht). Doch nur in der Geschichte von der Raupe Nimmersatt gelang Carle der Wurf, die Erziehung des Menschengeschlechts und die Erlösung aus der Sünde zur Schönheit in ein Kinderbuch zu bannen. Am 25. Juni wird er achtzig Jahre alt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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