Imre Kertész zum Achtzigsten

Fremd an den Schauplätzen seines Lebens

Von Hubert Spiegel

Geboren am 9. November 1929: Imre Kertész

Geboren am 9. November 1929: Imre Kertész

09. November 2009 Er habe keine „sogenannten Identitätsprobleme“, schrieb Imre Kertész vor bald zwanzig Jahren: Er habe immer als Individuum gelebt und sich selbst immer als Individuum definiert. Dass er Ungar sei, sei um nichts absurder, als dass er Jude sei. Dann fügte Kertész hinzu: „Und dass ich Jude bin, ist um nichts absurder, als dass ich überhaupt bin. – Nach Auschwitz ist das die einzig mögliche Definition für mich geblieben.“

Welche Definitionen, welche Überzeugungen und Gewissheiten und welche Glaubensbekenntnisse nach Auschwitz noch möglich seien, das sind die Fragen, die Imre Kertész in seinem literarischen Werk immer wieder gestellt und beantwortet hat. Wie außer ihm wohl nur noch Jean Améry hat Kertész den Holocaust mit größter Radikalität ins Zentrum eines Werks gestellt, das seinen Ausgang vom äußersten Grenzbereich menschlicher Erfahrung nehmen musste: den Erfahrungen der absoluten Nichtigkeit der eigenen Existenz und des nie zu bewältigenden Zufalls ihrer Fortdauer.

Bei der Nobelvorlesung in Stockholm, Dezember 2002

Bei der Nobelvorlesung in Stockholm, Dezember 2002

Siebzehn Jahre, nachdem er im April 1945 als fünfzehnjähriger Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Buchenwald-Zeitz nach Ungarn zurückgekehrt war, machte sich Kertész wieder auf den Weg nach Buchenwald. Damals, im Jahr 1962, lebte er als Übersetzer, ehemaliger Verfasser von Opernlibretti und angehender Romancier in Budapest: „Ich arbeitete damals gerade an einem Roman – könnte ich sagen, aber was heißt das?“ Dieser Roman war der „Roman eines Schickssallosen“, an dem er mehr als ein Jahrzehnt lang schrieb, der von den ungarischen Staatsverlagen 1973 abgewiesen wird, erst 1975 erscheinen kann und zunächst nahezu unbeachtet bleibt. Viele Jahre später wird Kertész seinen damaligen Zustand in den frühen sechziger Jahren als „Doppelleben“ zwischen der flüchtigen Gegenwart und der unauslöschlichen Vergangenheit im Konzentrationslager beschreiben, in die er sich mit einem „eigentümlich wollüstigen Gefühl“ zurückversetzte.

Ohne etwas zu finden und zu fühlen

Kertész kehrte nach Buchenwald zurück, weil er gedacht hatte, die Vergangenheit sei „wiedererlebbar“. Wie ein Fremder, erinnerte er sich später, sei er damals über die Schauplätze seines früheren Lebens geirrt, ohne etwas zu finden, ohne etwas zu fühlen. Denn die Gegenstände, wie er später an anderem Ort schrieb, bewahren nichts. Aus der Fremdheit seines Alltags in Budapest reiste Kertész an den Ort, an dem ihm nun die eigene Vergangenheit fremd wurde: „Da begriff ich, was man gemeinhin als Vergänglichkeit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte. Ich verstand, wenn ich gegen mein vergängliches Ich und die ständige Wandelbarkeit der Schauplätze ankämpfen wollte, mußte ich mir, mich auf mein schöpferisches Gedächtnis verlassend, alles von neuem erschaffen.“

Was diese Erfahrung in letzter Konseqeunz bedeuten sollte, hat Kertész in seinem 1993 erschienenen „Galeerentagebuch“ als poetologisches Programm in nuce so formuliert: „Das Konzentrationslager ist ausschließlich in Form von Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht – und sogar dann am wenigsten–, wenn wir es erleben.)“ Womöglich scheint in dem in Klammern gestellten Zusatz auch ein Schreckensfunke des Paradoxons der Überlebenden auf: Dass die Realität der Lager als solche nicht zu ertragen war und fortwährend geleugnet werden musste, gehört zum nur von ihnen selbst empfundenen Makel derer, die dieser Realität zum Trotz überlebt haben.

„Aufschub des Selbstmords“

Kertész hat seine Reise nach Buchenwald in der erst 1998 veröffentlichten Erzählung „Der Spurensucher“ verarbeitet. Entstanden ist dieser Text indes viel früher, zum Teil bereits während der Arbeit am „Roman eines Schicksallosen“. Und ebenso wie dieses Buch war auch „Der Spurensucher“ nicht zuletzt ein „weiterer Aufschub des Selbstmords“. Denn wie Jean Améry, dem er 1992 seinen großen Essay „Der Holocaust als Kultur“ widmete, und wie viele andere Überlebende von Konzentrationslagern aller Dikaturen, sah sich auch Imre Kertész mit der Unmöglichkeit des Weiterlebens konfrontiert. Die „Schicksallosigkeit“ des Überlebenden war für Kertész nur durch das als aufgeschobenen Selbstmord begriffene literarische Schreiben zu ertragen.

Nicht nur aus diesem Grund hat Kertesz sein Schreiben einerseits immer als „strikte Privatangelegenheit“ aufgefasst. Andererseits hat er stets die Universalität seiner Erfahrungen betont. In seiner Rede zum Nobelpreis im Jahr 2002 begegnete er dem vor allem in Ungarn oft gegen ihn erhobenen Vorwurf, er habe nur ein einziges Thema, mit einer provokanten Gegenfrage: „Welcher Schriftsteller ist heute nicht ein Schriftsteller des Holocaust?“ Gemeint ist damit, dass der Bruch, den Auschwitz in der europäischen Zivilisation bedeutet, in allen großen Kunstwerken spürbar sei, als Moment der nachhaltigsten Verstörung, als „sähe der Mensch nach einer Nacht voller Albträumen zerschlagen und ratlos in der Welt umher“. Die einzige Möglichkeit, zu überleben und die schöpferische Kraft zu bewahren, liege darin, diesen Nullpunkt zu erkennen. In dieser Erkenntnis, die in einer unüberwindbaren Katastrophe gründet, stecke „etwas vom großartigsten aller europäischen Werte, ein Moment der Freiheit.“

Wem gehört Auschwitz?

2005 mit Günter Grass in der Freien Universität Berlin, die beiden die Ehrendoktorwürde verlieh

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Den Freiheitsbegriff, der für Kertész immer von zentraler Bedeutung war, wendet er auch auf die heikle Frage an, wer in Zukunft die Deutungshoheit über den Holocaust innehaben wird. „Ja“, schreibt er 1998 unter der Überschrift „Wem gehört Auschwitz?“, „der Überlebende sieht ohnmächtig zu, wie man ihn um seine einzige Habe bringt: um die authentischen Erlebnisse.“ Angesichts von „Holocaust-Produkten für den Holocaust-Konsumenten“, angesichts eines Holocaust-Kanons, der auch den Überlebenden darüber belehrt, „wie er über das Denken muss, was er erlebt hat, völlig unabhängig davon, ob und wie sehr dieses Denken mit seinen wirklichen Ereignissen übereinstimmt“, bekräftigt Kertész seine Überzeugung, dass „der einzig gangbare Weg der Befreiung durch das Erinnern führt“.

Erst wenn die Nachgeborenen dieses Erinnern dauerhaft so verfälschen, dass das Ideal des Humanen wieder als heil und unbeschädigt gelten kann, haben auch sie, so muss man Imre Kertész wohl verstehen, ihre Freiheit verloren. Imre Kertész wird an diesem Montag achtzig Jahre alt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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