08. Dezember 2008 Wir hatten Hunger, wir hatten Angst, uns war kalt: am Sonntagabend hielt Jean-Marie Gustave Le Clézio in Stockholm seine Dankesrede für den Literaturnobelpreis. Er gestaltete sie als Antwort in eigener Sache auf die Frage, die kein Journalist mehr in einem Schriftstellerinterview zu stellen wagt: Warum schreiben Sie? Wer schreibt, handelt nicht und hat Schwierigkeiten mit der Wirklichkeit, stellt der Nobelpreisträger im dritten oder vierten Satz fest. Bei der Veranlagung, dem Milieu, den Umständen hält er sich nicht weiter auf: Am Anfang war der Krieg. Nicht der Krieg mit den historischen Umwälzungen, denen Goethe und ein Vorfahre Le Clézios in Valmy beiwohnten. Sondern der Krieg der Zivilbevölkerung und ganz besonders der sehr kleinen Kinder.
Jean-Marie Le Clézio, 1940 in Nizza geboren, hat Feldmarschall Rommel gesehen, der unter meinem Fenster mit seinen Truppen einen Fluchtweg durch die Alpen suchte. Doch die Szene hinterließ in meinem Gedächtnis keine bleibenden Spuren. Überhaupt empfand er den Krieg keineswegs als historischen Moment. Im Krieg darf ein Kind nicht hinaus ins Freie. Die Gärten und Grundstücke in der Nähe des Hauses seiner Großmutter, die ihn erzog, waren vermint. Am Ufer des Meeres warnte ein Totenkopf: Betreten verboten.
Flucht vor der Realität
Der Krieg ist die Zeit der Flucht vor der Realität. die Zeit des Träumens. Die Großmutter erzählt Geschichten. Weil es keine Kinderbücher gibt, liest Le Clézio Lexika, reist mit Landkarten. Kaum ist der Krieg zu Ende, schreib er im Alter von sechs oder sieben Jahren sein erstes Buch. Das zweite handelt von einem imaginären König. Es folgt eine Novelle mit einer Möwe als Erzählerin. Die Kindheit eines Literaturnobelpreisträgers bleibt geprägt vom Mangel an Papier und Tinte. Er schreibt mit dem Bleistift eines Zimmermanns auf Lebensmittelkarten.
Mit Büchern habe ich erst später Bekanntschaft gemacht: als er seinen Vater, der als Buscharzt in Nigeria arbeitet, kennenlernt. Dieser hatte anlässlich der Vertreibung aus seinem Geburtshaus auf der Insel Mauritius einen Teil der Bibliothek retten können. Dem Schreiben folgt das Lesen. Der Sohn entdeckt, dass Bücher einen viel kostbareren Schatz darstellen als Immobilien oder Bankkonten. Seinen Nobelpreis widmet er Elvira, einer Frau ohne Mann und Kinder, die in einem mittelamerikanischen Waldgebiet als Erzählerin von Haus zu Haus ging. Gebannt hatte er ihr zugehört, ohne sie zu verstehen.
Guter Mensch, schlechter Redner
Was Jean-Marie Le Clézio als Dichter taugt, haben die Juroren des Nobelpreises bestimmt. Sein Auftritt in Stockholm beweist uns: Er ist ein guter Mensch und ein eher schlechter Redner. Zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig Schriftsteller nennt er in seiner Ansprache. Als besten von allen bezeichnet er Rabelais. Am ausführlichsten befasst er sich mit dem Schweden Stig Dagerman. An ihm schätzt er, was ihm selbst fehlt: die Klarsichtigkeit seiner politischen Analyse der Kriegs- und Nachkriegszeit. Wie Dagerman wollte er für die Hungernden schreiben - und musste erkennen, dass sich nur satte Menschen für Literatur interessieren. Auch der digitale Graben wird tiefer. Hätte es das Internet gegeben, wäre Hitler nicht an die Macht gekommen, vermutet Le Clézio. Andererseits werden die Konflikte in der Zukunft der Information schärfer. Die ganze Welt mit Bildschirmen auszustatten bleibe eine Utopie. Was nutzen überhaupt all diese Erfindungen ohne den Unterricht in schriftlicher Sprache und die Bücher?
Jean-Paul Sartre hatte vor einem halben Jahrhundert den Literaturnobelpreis abgelehnt: weil kein Roman dieser Welt den Hungertod eines Kindes aufwiegen könne. Die Lage der Kinder hat sich dank dieser Verweigerung nicht unbedingt verbessert. Die Schriftsteller indes mussten einsehen, dass sie die Welt auch nicht verändern. Noch sind wir nicht im Zeitalter der Wirklichkeit angekommen, sagt Le Clézio in seiner Rede - und meint damit, dass wir nicht mehr an die Mythen glauben. Beides möge noch lange so bleiben!
Auch in der Fiktion des Friedens ist uns die Literatur - nicht nur für Kinder - lieb und teuer. Und deshalb halten wir, die Leser seiner Romane, die etwas naiven humanistischen Gemeinplätze in seiner vorgezogenen Dankesrede und Le Clézios intellektuelle Redlichkeit keineswegs für einen zivilisatorischen Rückschritt. Recht hat er: Der Kampf gegen das Analphabetentum und den Hunger muss gemeinsam geführt werden. Am Mittwoch, dem Todestag des Stifters, übergibt ihm ein richtiger König den verdienten Preis für sein Schreiben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa