Fahrtberichte

Fahrtbericht Kia Picanto 1.1 EX

Mit einem Lächeln, hinter dem nichts versteckt werden muß

Von Michael Kirchberger

29. September 2004 Die Zeit des Lächelns neigt sich dem Ende zu. Zumindest bei jenen, für die Autos aus Korea immer noch ein bemitleidenswerter Weg zur Mobilität waren. Mit bemerkenswerter Offenheit haben die Marken aus Fernost ihre Schwächen minimiert und die Stärken maximiert. Kia zeigt mit dem Kleinwagen Picanto eine Variation des praktischen Minis unter besonderer Berücksichtigung ansprechender Gestaltung und üppiger Ausstattung. Auf 3,5 Meter Länge werden hinter vier Türen vier Passagiere auf komfortable Art untergebracht, für 10350 Euro gibt es ein pikantes Stück Automobil. Und der strapazierte Begriff Premium, der beim Anblick des kleinen Picanto aufblitzt, will sich dabei nicht unterdrücken lassen.

Die klare Form des frontgetriebenen Kleinwagens erfrischt. Große Scheinwerfer, ein kleiner, in Wagenfarbe lackierter Kühlergrill und ein schlüssiges Heck mit großer Klappe wirken munter und vermitteln optische Agilität. Innen setzt sich die Freude an der Gestaltung fort. Die verwendeten Materialien wirken keineswegs billig, harmonieren miteinander und sind farblich passend abgestimmt. Stoffbezüge der Türinnenseiten und der Sitze in Pastellorange setzen Akzente, silbrig glänzende Einlagen in der Mittelkonsole sorgen für Kontrast zum grauen Kunststoff. Die Bedienung ist einfach, die Anordnung der einzelnen Elemente tadellos, und die Instrumente - Tacho sowie Drehzahlmesser - sind ebenso schnell wie eindeutig ablesbar. Allein die Ausströmer der Ventilation lassen sich nur ungenau einstellen, eine zugfreie Belüftung ist im kleinen Kia kaum möglich. Das mindert die Freude an der bei der EX-Version serienmäßigen Klimaanlage, denn der frostige Wind, der die Temperatur im Innenraum senken soll, läßt Hände oder andere Körperteile frösteln.

Eine gute Sitzposition findet der durchschnittlich große Fahrer auf Anhieb. Das Lenkrad ist höhenverstellbar, die Sitze sind es nicht, was mancher Picanto-Klientel den Blick über die Karosserie erschwert. Dafür gibt es eine Sitzheizung (150 Euro Aufpreis) für die vorderen, gut konturierten Sessel, eine ungewöhnliche Option in der Kleinwagenklasse. Die Lehnen sind angemessen hoch, etwas mehr Seitenhalt könnten sie dennoch bieten. Den Blick zurück ermöglichen elektrisch einstellbare Außenspiegel von respektabler Größe.

Im Picanto herrscht ein großzügiges Raumgefühl. Vorn werden neben ausreichend vielen Ablagemöglichkeiten und einem etwas klein geratenen Handschuhfach gute Kopffreiheit und ordentliche Fußraummaße geboten. In den Fond können zwei Erwachsene dank der großzügigen Türöffnungen bequem einsteigen, über mangelnden Knieraum können sie sich nicht beklagen. Eng wird es dagegen im Kofferraum. Er bietet ein Volumen von 105 Liter, ein Kasten mit Wasserflaschen findet nur Platz, wenn die Kofferraumabdeckung demontiert ist. Die Neigung der Rückbanklehnen zu verändern ist nicht vorgesehen, das wäre aber hilfreich. Die Lehnen im Fond lassen sich im Verhältnis 40 zu 60 zu einer nicht ganz ebenen Ladefläche umklappen, dann wächst das Stauvolumen auf 868 Liter. Unter dem ordentlich verkleideten Boden des Ladeabteils gibt es eine ordnungschaffende Zwischenablage für Warndreieck und Verbandskasten, darunter findet sich weiterer Stauraum, da der Picanto statt des Reserverades nur ein Reifendichtmittel für den Fall einer Panne hat.

Der lediglich mit 1,1 Liter Hubraum aufwartende Benzinmotor unter der kurzen Haube des Kia leistet 48 kW (65 PS), und er macht kein Hehl daraus, daß er ordentlich gefordert ist, wenn es sein Fahrer eilig hat. Zwar arbeitet der Vierzylinder weitgehend vibrationsfrei, aber das Geräuschniveau ist eher hoch, höher als bei Klassenkameraden europäischer Abstammung. Zumal wegen des geringen Hubraums nur über die Drehzahlen akzeptable Fahrleistungen möglich werden. 97 Newtonmeter stehen als Drehmomentmaximum bei 2800 Umdrehungen in der Minute bereit, bei höheren Geschwindigkeiten muß man den Hubraumzwerg freilich zu mehr als 4000/min nötigen, um eine Beschleunigung im zeitlich angemessenen Rahmen zu erzielen. Von 0 auf 100 km/h geht es in 15,1 Sekunden, beim Zwischenspurt im vierten Gang zieht es sich dann über lange 16,5 Sekunden, um von 50 auf 100 km/h zu kommen. Bei der Höchstgeschwindigkeit von 159 km/h (Werksangabe 154 km/h) dreht die mit drei Ventilen in jedem Brennraum arbeitende Maschine mit 5000/min, Windgeräusche und das Motordröhnen erschweren dann die Unterhaltung erheblich. Der Langstreckenkomfort wird hierdurch eingeschränkt, obendrein geht die zügige Fortbewegung im Picanto mit erschreckend hohem Verbrauch einher. 5,2 Liter Super auf 100 Kilometer verbraucht der mit Fahrer 1005 Kilogramm schwere Wagen nach Norm, in der Realität werden daraus bis zu 8,3 Liter. Selbst der niedrigste von uns ermittelte Wert lag bei 6,8 Liter, deutlich höher als die Werksangabe. Der Griff zur mechanischen Fernentriegelung der Tankklappe ist auf Reisen gefragt, denn nur 35 Liter Benzin hat der Picanto an Bord. Eine Reichweite von lediglich rund 400 Kilometer ist auch bei einem Kleinwagen die unrühmliche Ausnahme. Häufiges Schalten ist also notwendig, um den frontgetriebenen Wagen halbwegs zügig zu bewegen. Das fällt allerdings leicht, denn das Zusammenspiel von Kupplung, Schaltung und Getriebe wirkt harmonisch und paßt. Leicht läßt sich der Schalthebel in die gewünschten Positionen rücken, seine Wege dazwischen sind kurz, und fast findet er von allein sein Ziel.

Keine Glanzleistung vollbringt die Federung des kleinen Kia. Sie offenbart die kleinsten Fehler im Straßenbelag, sichtbare Verwerfungen der Asphaltdecke werden mit zornigem Rumpeln und einem kernigen Tritt ins Kreuz des Fahrers quittiert, die straffe Polsterung der Sitze verstärkt die rustikalen Federungseigenschaften dabei noch. Auf das Fahrverhalten wirkt sich die zu knackige Abstimmung nicht positiv aus. Zwar bleiben Nickbewegungen der Karosserie beim Bremsen aus, dies ist aber eher auf den kurzen Radstand von 2,37 Meter zurückzuführen. In Kurven neigt sich der Picanto merklich zur Seite, bei schnell aufeinanderfolgenden Richtungswechseln tendiert die Karosserie dazu, sich aufzuschaukeln, und macht den Wagen unruhig. Das gilt gleichermaßen für den Geradeauslauf, er wird von kleinen Hüpfern gestört, und auf schlechter Fahrbahn sind permanent Korrekturen am Lenkrad nowendig, um den Kurs zu halten. Dennoch gibt sich der Picanto in Kurven weitgehend sicher. Er neigt grundsätzlich zum beherrschbaren Untersteuern, die Lastwechselreaktionen fallen gering aus und sind kontrollierbar. Die Lenkung ist halbwegs präzise und nicht zu leichtgängig, ein angenehmes Gefühl kommt beim Kontakt mit dem lederbezogenen, kräftigen Lenkrad auf, das vorgaukelt, in einem Wagen der höheren Klassen zu sitzen. Die Bremsen packen kräftig zu und bleiben gut dosierbar, nach mehreren maximalen Verzögerung geraten sie allerdings ins Schwitzen, und ihre Wirkung läßt nach.

Trotz dieser Schwächen bleibt der Picanto ein bemerkenswerter, weil tadellos verarbeiteter und gut ausgestatteter Kleinwagen. An Bord sind neben dem obligatorischen ABS auch vier Airbags für die vorne Sitzenden, elektrische Fensterheber gibt es ebenso wie Zentralverriegelung mit Fernbedienung oder Leichtmetallräder. Bei niedrigem Tempo zeigt er sich durchaus agil, auf der Kurzstrecke ist er König und auf langen Touren kein Bettelmann. Daß sein Preis ein wirksames Mittel zur Kostendämpfung ist, macht ihn nur noch sympathischer. Auf das milde Lächeln anderer, in vermeintlichen Premium-Fahrzeugen reisender Menschen kann der Picanto-Fahrer ganz selbstbewußt reagieren. Er lächelt mokant zurück.

Nächste Woche: Daewoo Lacetti; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 10 350 Euro

Preis des Testwagens 10 700 Euro

Vierzylindermotor, 1086 Kubikzentimeter Hubraum, drei Ventile je Zylinder

Leistung 48 kW (65 PS) bei 5500/min

Höchstes Drehmoment 97 Nm bei 2800/min, 90 Prozent davon ab 2200 bis 4500/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,49/1,59/1,48 Meter

Radstand 2,37, Wendekreis 9,95 Meter

Leergewicht 930 (tatsächlich 950), zulässiges Gesamtgewicht 1350, Anhängelast 700 Kilogramm; Kofferraumvolumen 105 bis 868 Liter

Reifengröße 165/60 R 14 75 H

Höchstgeschwindigkeit 159 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 15,1 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 16,5/21,6 s

Verbrauch 6,8 bis 8,3, im Durchschnitt 7,3 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 35 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 13, TK 20, VK 14

Kosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,24 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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