Fahrtberichte

Fahrtbericht Opel Corsa 1.3 CDTI Cosmo

Die kleine Größe auf dem Weg zu alter Stärke

Von Boris Schmidt

18. Dezember 2006 23.380 Euro: Wir haben kurz geschluckt, aber der (Listen-)Endpreis des neuen Opel Corsa mit Sonderausstattungen, den die Redaktion 14 Tage bewegte, war tatsächlich so hoch. Und das noch vor der Mehrwertsteuer-Erhöhung. Wieder einmal ist ein Kleinwagen-Klassiker von einst erwachsen geworden und kostet jetzt viel Geld. Aber er ist nicht mehr mit jenem Corsa zu vergleichen, mit dem Opel 1982 zum ersten Mal ein kleineres Auto als den Kadett anbot. Nicht auszudenken, wenn sich die Rüsselsheimer nicht für die kleine Klasse entschieden hätten: Weit mehr als 9,4 Millionen Corsa sind in drei Generationen seither gebaut worden, von 1995 bis 2001 war der Opel der meistverkaufte Kleinwagen in Deutschland, und das möchte die vierte Generation wiederholen.

Die Voraussetzungen sind nicht schlecht: Sieben Motoren stehen zur Wahl, und sowohl die zweitürige als auch die viertürige Version, die sich im Aussehen deutlich unterscheiden, sehen schick aus. Jede Menge Extras, die es vor wenigen Jahren noch nicht einmal in der Oberklasse gab (zum Beispiel Kurvenlicht), machen den Corsa zudem attraktiv, wenn auch teuer.

Corsa ist kein schmächtiger Kleinwagen

Bei einem Kleinwagen interessiert aber zunächst immer die Frage nach der Größe: Wirklich schmächtig ist der neue Corsa nicht mehr. Mit einer Länge von 3,99 Meter rangierte er vor 20 Jahren eine Klasse höher, als Viertürer hat er im Jahr 2007 beinahe das Zeug zum Familienwagen. Alle vier (fünf) Plätze lassen sich durch weit öffnende Türen bequem erreichen, auf der Rückbank ist ausreichend Platz. Die Bein- und Kopffreiheit gehen in Ordnung, leider ist die Sitzhöhe sehr niedrig, man muß mit stark angewinkelten Beinen sitzen. Der Kofferraum hat ein Volumen von 285 Liter, knapp 100 davon befinden sich unter einer Bodenplatte, die dafür sorgt, daß bei umgelegten Rücksitzlehnen (asymmetrisch geteilt) eine ebene Fläche entsteht. Der Laderaum ist nach dem Umklappen 1,40 Meter lang, das Ladevolumen wächst bis zum Dach auf 1100 Liter.

Ohne Bodenplatte muß Gepäck beim Ausladen über eine 17 Zentimeter hohe Kante gehievt werden, die Ladehöhe an sich ist mit 50 Zentimeter recht niedrig. Mit Bodenplatte ist der Kofferraum zu klein, schon etwas größere Taschen sorgen dafür, daß nach dem Schließen die Abdeckung nicht mehr richtig sitzt. Diese kann aber einfach hinter die Rückbank geschoben werden – daß da früher noch keiner darauf gekommen ist.

Praktisches Flex-Fix-Fahrradträgersystem

Opel läßt sich inzwischen auch beim Corsa ein vollwertiges Reserverad mit 50 Euro bezahlen (sonst Tirefit). Unser Wagen hatte Reifen mit Notlaufeigenschaften (300 Euro), wofür wiederum Alu-Räder nötig sind (825 Euro). Ja, die Extras beim Corsa, die sind ein eigenes Kapitel. Es gibt vier Ausstattungslinien – Basis, Edition, Sport und Cosmo. Letztere hat zwar viel zu bieten, ein Blick in die Aufpreisliste läßt einen dennoch schwindlig werden. Über den Nutzen von Kurvenlicht (390 Euro), Parkpilot oder einem beheizbaren Lenkrad (im Winterpaket mit Sitzheizung, Lederlenkrad und beheizbaren Außenspiegel für moderate 240 Euro) kann man trefflich streiten. Daß aber ESP (350 Euro, mit Berg-Anfahrassistent 440 Euro) und ein Partikelfilter für die Dieselmotoren (525 Euro) generell Aufpreis kosten, ist ärgerlich.

Freuen dürfen sich alle Corsa-Besitzer unter anderem über vier Airbags, ein aufwendiges ABS, eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung, elektrisch verstellbare Außenspiegel und Zentralverriegelung. Eine Fernbedienung dafür gibt es von „Edition“ an aufwärts, ebenso eine Klimaanlage, den doppelten Boden sowie die asymmetrisch geteilte Rückbanklehne. Gar nicht gibt es elektrische Fensterheber hinten, auch Ledergestühl sucht man vergeblich. Genial ist dagegen das Flex-Fix-Fahrradträgersystem, das 490 Euro kostet, aber jeden Cent wert ist. Der Träger wird wie eine Schublade unter dem Wagenboden hervorgezogen, zwei Fahrräder können so recht schnell aufgeladen und tranportiert werden. Wir werden dem neuen System, das es auch für den Geländewagen Opel Antara gibt, einen eigenen Artikel widmen.

Geräuschpegel erstaunlich niedrig

Bei der Anmutung des Innenraums und der Verarbeitungsqualität hat Opel einen weiteren Schritt nach vorn gemacht – das Basismodell hat aber eine billig wirkende Armaturentafel. Alles ist hübsch angerichtet, negativ fällt nur das Fehlen eines Kühlwasserthermometers auf, und der Drehhebel für das Licht ist mit Funktionen überfrachtet. Sonst sitzt der Fahrer bequem im Zentrum des Geschehens, die Übersichtlichkeit der Karosserie läßt jedoch zu wünschen übrig (Parkpilot hinten 345 Euro). Auch die schräg verlaufende, breite A-Säule stört die Sicht. Beim täglichen Umgang mit dem Wagen fallen zudem die schlecht schließenden Türen auf (der Verzicht auf zwei Türen spart 685 Euro).

Beim Fahren bewegt sich der neue Corsa ganz auf der Linie, die Opel seit mehreren Jahren in seinen Modellen vorgibt: Fahrkomfort und -sicherheit gehen über schärfer definierten Fahrspaß – dafür hat man die OPC-Reihe. Alle Dinge der täglichen Dynamik werden routiniert und unspektakulär erledigt. Dank Frontantrieb ist der Wagen auch in schnell gefahrenen Kurven einfach zu beherrschen, die Lenkung vermittelt ein gutes Gefühl zum Wagen, die Bremsen sind tadellos.

Weniger gefallen haben der Motor und das Getriebe. Mit dem 1,3-Liter-Diesel und 66 kW (90 PS) ist der Corsa nicht unbedingt übermotorisiert, zumal das Triebwerk doch ein kleines Turboloch bei niedrigen Drehzahlen hat. Außerdem ist der sechste Gang sehr drehzahlsenkend übersetzt, zu „lang“ für unseren Geschmack, aber so erreicht Opel, daß bei den offiziellen Verbrauchsangaben eine Vier vor dem Komma erscheint. Die Realität sieht freilich anders aus: Im Schnitt benötigten wir 6,6 Liter Diesel auf 100 Kilometer, scharf gefahren waren es sogar knapp über sieben Liter, eher schonend allerdings weniger als sechs. Absolut gesehen ist das wohltuend sparsam, zumal man auf langen Autobahnetappen, entsprechende Verkehrsverhältnisse vorausgesetzt, gute Durchschnitte erzielen kann: Die Höchstgeschwindigkeit beträgt immerhin 174 km/h, und weil der sechste Gang so „lang“ übersetzt ist, muß die Maschine dafür nur 3500mal in der Minute drehen. Wer es ruhiger angehen läßt, kann den Wagen bei Tacho 140 und rund 2500/min rollen lassen. Auf der Autobahn fällt zudem auf, wie ruhig und gelassen der Corsa seine Bahn zieht und daß der Geräuschpegel erstaunlich niedrig bleibt, beinahe unabhängig von der Geschwindigkeit.

Corsa Verkauf läuft europaweit gut

An Steigungen muß schnell vom sechsten in den fünften Gang gewechselt werden, die Schaltwege sind etwas lang, aber man kann sich kaum vertun. Daß der oberste Gang nicht mehr zum Beschleunigen taugt, sondern nur noch zum Tempo-Halten, lernt man schnell. Tatsächlich haben wir mehr als 30 Sekunden für die Beschleunigung von 50 auf 100 km/h schon lange nicht mehr registrieren müssen. Dagegen sind die Werte für die Stufen vier und fünf durchaus akzeptabel. Trotz der guten Papierform enttäuscht der Motor allerdings etwas, man wünscht sich ihn spritziger, harmonischer und leistungsfähiger. Aber vielleicht sind wir nur zu verwöhnt. Für alle, die mehr wollen, hat Opel noch einen 1,7-Liter-Diesel parat. Der hat gleich 92 kW (125 PS), ist zur Zeit der stärkste Motor für den Corsa und kostet im Vergleich zum 90-PS-Diesel rund 2000 Euro Aufschlag. Mit 90 Benzin-PS ist der Corsa mit 1,4-Liter-Motor dagegen 1600 Euro billiger (nur mit Fünfganggetriebe).

Welchen nehmen? Vielleicht doch den 90-PS-Benziner – oder den stärkeren Diesel? Auf jeden Fall zeigt der neue Corsa wieder jene Qualitäten, die ihn in den Zulassungsstatistiken nach oben bringen werden, der Verkauf läuft in ganz Europa schon sehr gut. Und bald kommt noch die OPC-Variante als achte Version, da wird sich schon ein Modell finden, das paßt.



Text: fbs/F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

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