Von MIchael Kirchberger
09. Juni 2004 Hohe Erwartungen werden daran geknüpft, wenn sich eine Marke mit großer Geschichte der eigenen Vergangenheit zuwendet. Im Frühjahr hat Alfa Romeo den GT eingeführt, ein sportliches Coupé, das zwar auf der Basis der Mittelklasse-Limousine 156 entsteht, aber mit seiner schwungvoll von Bertone gezeichneten Karosserie zarte Erinnerungen an Wagen wie den Alfetta oder den Giulietta Sprint weckt. Der Gran Tourismo bringt freilich Elemente des modernen Automobilbaus mit, Alfa Romeo stellt neben drei Versionen mit Benzinmotoren eine Variante mit Dieselantrieb. Die Leistungscharakteristik des 110 PS (150 kW) starken Selbstzünders im 29 950 Euro teuren Alfa GT 1.9 JTD 16V Multijet Distinctive paßt vorzüglich zum sportlichen Anspruch, den der üppige und in markentypischer Form gestaltete Kühlergrill selbstbewußt voranträgt.
Der Einstieg in die italienische Tradition will nur mäßig glücken. Zum einen, wenn der Alfa GT in einer engen Parklücke steht und die naturgemäß langen Türen nur einen knappen Öffnungswinkel erlauben. Zum anderen, weil das schwungvolle Armaturenbrett und die Zusammenstellung seiner Materialien die Sehnsucht nach Chrom und Holz vergangener Zeiten wecken. Etwas weniger Kunststoff-Anmutung wäre der Atmosphäre dienlich, da kann die sportliche Narbung des Oberflächenbezugs nicht blenden. Wie schon im Alfa Romeo 156 stößt die Bedienung des serienmäßigen Bordcomputers nicht auf ungeteilte Zustimmung, die Lüftungsdüsen erlauben eine nur ungenaue Ausrichtung der Luftströme, und die Tasten der Sitzheizung finden sich weiterhin eher zufällig am Rande der Sitzkonsolen und entziehen sich gekonnt dem Blick. Sonst birgt die Bedienung der fürs Fahren relevanten Schalter und Hebel keine Tücken, alles wartet am gewohnten Platz.

Die lederbezogenen Sitze sind fein konturiert, geben Schultern und Taille in scharf gefahrenen Kurven den nötigen Seitenhalt und machen auf langen Strecken den Rücken nicht müde. Einstellen lassen sie sich in feinen Rastungen, in Verbindung mit dem gar nicht kleinen, in Höhe und Abstand justierbaren Lederlenkrad ist die passende Sitzposition schnell gefunden: ein wesentlicher Fortschritt gegenüber früheren Sportwagen italienischer Provenienz. Im Fond geht es eng zu, der Alfa GT wurde eher auf Fahrer und Beifahrer zugeschnitten. Auf der Rückbank ist das Leben trotz der Easy-entry-Funktion der Vordersitze eher freudlos. Es fehlt an Raum für Kopf und Beine, für kurze Fahrten mag es noch angehen. Die dritte Kopfstütze im Fond ist daher so überflüssig wie das fünfte Rad am Wagen. Besser ist es, auf diese Plätze zu verzichten und das knappe Volumen des Kofferraums von 320 Liter mit dem Umklappen der Rückenlehne auf 905 Liter zu vergrößern. Ohne zusätzliche Passagiere kommt man dann auch mit der eher geringen Zuladung von 435 Kilogramm aus.
Eine sehr empfehlenswerte Position in der kurzen Liste der Extras sind die Parksensoren am Heck. Denn so schick die Karosserie des Alfa GT ist, sie nimmt einen rekordverdächtigen Platz auf der nach oben offenen Unübersichtlichkeits-Skala ein. Ständig drohen hohe Randsteine und heimtückische Poller dem feinen Metallic-Lack. Die tiefe Sitzposition des Fahrers, die wuchtigen Wölbungen des Blechs, vor allem aber die arg eingeschränkte Sicht nach hinten rücken das Rangieren ohne die hilfreichen, 350 Euro teuren Abstandswarner in den Bereich des Ungewissen. Von den kleinen Außenspiegeln ist dabei keine wirkliche Unterstützung zu erwarten.
Besonders leise ist der Alfa GT nicht unterwegs. Kräftig rauscht der Wind, vernehmlich rumort der Motor, wenn die Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h anliegt. Dafür packt der Diesel kräftig zu und zieht den nicht eben leichten Gran Tourismo mächtig nach vorn. Stolze 305 Newtonmeter Drehmoment, die schon bei 2000 Umdrehungen in der Minute bereitstehen, machen das Fahren auf der Autobahn zum entspannten Vergnügen, das von seltenen Griffen zum Schalthebel getrübt wird. In 9,6 Sekunden geht es von 0 auf 100 km/h, das Durchzugsvermögen ist im 4. und 5. Gang gut, der Diesel entwickelt dabei einen fast sportlichen Klang. Im 6. gelingt die Beschleunigungsübung von 50 auf 100 km/h nur mit Mühe. Er ist besonders "lang" übersetzt und knechtet den Motor bei Tempo 50 zu Drehzahlen unter 1000/min. In diesen Niederungen ist vom Drehmoment nicht viel zu spüren, wohl aber vom Unwillen des Vierzylinders. Für Fahrten in der Stadt taugt der 6. Gang demnach nicht. Trotz einer strammen Fahrweise, zu der das Sportcoupé einlädt, gibt sich der Selbstzünder genügsam. 7,7 Liter auf 100 Kilometer sind kein schlechter Wert. Der Vorrat von 63 Liter im Tank erlaubt anständige Reichweiten, und das ist gut, weil das Nachtanken Geduld erfordert. Die Zapfpistole schaltet früh ab, es gluckern noch mindestens drei Liter Sprit in den Stutzen, selbst dann kann von einer Überfüllung nicht die Rede sein. Den guten Fahrleistungen und dem geringen Verbrauch steht die Schadstoff-Einstufung entgegen. Der Common-Rail-Dieselmotor hat keinen Partikelfilter und erfüllt nur Euro 3.
Unterwegs erfreut der Alfa GT mit höchster Agilität. Kurven lassen sich fein und genau nehmen, das Fahrwerk überrascht zu keiner Zeit mit Lastwechselreaktionen, und das ESP setzt wohldosiert und im rechten Augenblick ein. Mit kleinen Lenkeinschlägen ist der frontgetriebene Wagen dann gut kontrollierbar und läßt durchaus etwas von einem sportlichen Herzen erkennen. Die Einflüsse des Antriebs auf die Lenkung sind gering, der Fahrkomfort bleibt bei dieser Abstimmung jedoch auf der Strecke. Die Federung ist hart und ruppig, auf in die Jahre gekommenen Fernstraßen mit regelmäßigen kurzen Querrillen (wie sie bei Autobahnen mit Betonplatten häufig vorkommen,) gerät die Karosserie sogar in ein unangenehmes, rhythmisches Stuckern. Dann wippt der Vorderwagen wie ein bockender Bulle beim Rodeo und treibt dem Fahrer wenn nicht den Schweiß, dann doch die Sorgenfalten auf die Stirn. Deutlich besser arbeiten die Bremsen, die Verzögerungswerte sind ordentlich und werden selbst bei übermäßiger Beanspruchung kaum schlechter. Außerdem läßt sich die Bremskraft der Vierscheibenanlage fein dosieren, der Alfa GT hängt nicht nur am Gas, sondern beim Verzögern auch an der Bremse. Tadel gibt es ebenso wenig für das Getriebe. Die sechs Gänge lassen sich leicht und genau wechseln.
Der Alfa GT ist nicht weniger gut verarbeitet als sein Limousinen-Bruder. Die Materialien sind griffsympathisch, die Kanten sorgfältig entgratet, der Blick hinter die Kulissen im Kofferraum oder unter dem Armaturenbrett offenbart keine Schludrigkeiten. Zudem beweist die Karosserie ordentliche Verwindungsresistenz, ihrem steifen Körper ist trotz der harten Federung auch auf schlechten Straßen nicht das leiseste Knacken oder Knistern zu entlocken.
Die Spitzenausstattung des GT nimmt eine ganze Menge an sicherheits- und komfortorientierten Details mit auf die Reise. Sechs Airbags schützen die Passagiere, ABS und ESP (das bei Alfa Romeo VDC, Vehicle Dynamic Control, heißt) sind serienmäßig dabei. Die Klimaanlage kann in zwei Temperaturzonen getrennt geregelt werden, ein Audio-System mit CD-Spieler sorgt für Unterhaltung, die Lederausstattung für Wohlgefühl. Damit ist der Alfa GT gut unterwegs im Feld seiner Konkurrenten. Ein wenig mehr Fahrkomfort und bessere Übersichtlichkeit würden ihm sogar einen Spitzenplatz im erlesenen Kreis der Sportcoupés bescheren.
Nächste Woche: Opel Astra 1.6 Twinport Enjoy; frühere Artikel unter www.FAZ.net/Fahrtberichte
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis: 29 950 Euro
Preis des Testwagens: 31 080 Euro
Vierzylinder-Common-Rail-Diesel, Abgasturbolader, 1910 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 110 kW (150 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 305 Nm bei 2000/min, 90 Prozent davon ab 1800 bis 3100/min
Erfüllt Euro 3
Manuelles Sechsganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,49, 1,76, 1,37 Meter
Radstand 2,59, Wendekreis 11,5 Meter
Leergewicht 1365 (tatsächlich 1450), zulässiges Gesamtgewicht 1885, Anhängelast 1300 Kilogramm; Kofferraumvolumen 320 bis 905 Liter
Reifengröße 205/55 ZR 16 91 W
Höchstgeschwindigkeit 210 km/h
Von 0 auf 100 km/h 9,7 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang 8,6/14,5/26,4 s
Verbrauch 7,1 bis 9,2, im Durchschnitt 7,7 Liter Diesel je 100 km; Tankinhalt 63 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 37, VK 31
Kosten je km (bei 20000 km/Jahr) 0,39 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2004, Nr. 131 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.