Fahrtberichte

Renault Modus

Das Vernunftauto mit dem Lächel-Faktor

Von Wolfgang Peters

22. November 2004 Der französischen Renault Group geht es wie anderen Massenherstellern mit Flausen in den höheren Etagen: Die kleinen Autos müssen jene Erträge einfahren, die bei teuren Betriebsausflügen in die Oberklasse verpulvert werden.

Dafür gibt es jetzt den Renault Modus, und er bringt die besten Anlagen zur Mehrung des Ertrags mit. Etliche Module seiner Technik teilt er mit dem Nissan Micra und dem neuen Clio, das sorgt für den kostensenkenden Stückzahleffekt. Und seine Karosserie trägt jenen pariserischen Charme, der dem einst vorbildlich schicken Renault Twingo unter dem Druck der Konkurrenz und unter der Last der Jahre allmählich verlorengeht. Gleichzeitig ist der Modus derart pragmatisch veranlagt, daß man ihn mit einem Lächeln als Vernunftkauf rechtfertigen kann. Diese Mischung ist ein fast schon sicheres Erfolgsrezept. Außere Pfiffigkeit und innere Intelligenz kommen selten, aber auf dem Automarkt immer gut an. Wenn da nicht die böse Konkurrenz und die eigenen Preise wären.

Auf dem deutschen Markt multipliziert sich der Modus aus fünf Motoren und vier Ausstattungslinien auf insgesamt 16 Varianten. Die Preise beginnen bei 12 200 Euro und führen hinauf bis auf 16 700 Euro. Das uns zugedachte Modell war der Modus 1.6 16V im Dynamique-Ornat für 14 150 Euro. Anwesend war hier das von uns als Standard-Ausrüstung definierte ESP, die anderen Versionen können nicht serienmäßig mit dieser Sicherheitselektronik aufwarten, der Aufpreis beträgt 500 Euro. Das ist enttäuschend bei einem Unternehmen, das sich in der passiven Sicherheit derart vorbildlich verhält. Weil unser Testwagen noch Zubehör an Bord hatte, kam er auf einen Preis von 18 670 Euro. Dafür muß der Modus sich schon ordentlich ins Zeug legen.

Das tut er natürlich zunächst mit seiner Form. Kinder herzen ihn spontan, Frauen denken an ihre Jugend und Männer an ihr Alter: Was könnte man mit diesem Modus noch alles anfangen, wenn man wollen dürfte? Der Renault hält jedenfalls vieles bereit und macht fast alles mit: Er bietet auf einer Grundfläche, die nur wenig größer ist als die einer Telefonzelle, einen überaus variablen Innenraum. Dieser offeriert beinahe mehr Möglichkeiten, als man in einem Autoleben ausprobieren kann. Hier nur soviel: Die Rücksitze kann man in mehreren Stufen nach vorn oder nach hinten schieben, es ergibt sich mehr Raum für Beine oder Bagage. Wird zum Beispiel in der zweiten Reihe der Mittelsitz zusammengeklappt, kann man die beiden restlichen Plätze zwischen den Radkästen herumschieben, um 17 Zentimeter, aber das genügt, um für die zweite Reihe eine fürstliche Beinfreiheit zu schaffen. Natürlich leidet darunter der Gepäckraum: Von sehr guten 274 Liter in dieser Klasse bleiben dann noch 198. Auch die üblichen Klappmechanismen der hinteren Sitze erfordern keinen unziemlichen Kraftaufwand. Das Klappen und Nach-vorn-Werfen der Rücksitze schafft ein maximales Ladevolumen von 1283 Liter und eine Ladetiefe von etwa 130 Zentimeter. Dafür müssen die Vordersitze jedoch weit nach vorn rücken, der Fahrer fürchtet um die Unversehrtheit seines Embonpoints. Für diese Mobilität der Möbel gibt es Hebel, Griffe und Drucktasten, nicht alles ist so gestaltet, daß wir nicht die Chance gehabt hätten, die Finger einzuklemmen. Mitunter erschien uns diese Wut der Variabilität etwas übertrieben, ähnliches gilt für die Entschlossenheit der Renault-Ingenieure, mit der sie Staumöglichkeiten (zum Beispiel in der Sitzfläche des Beifahrersessels) schaffen, die zwar angenehm sein mögen, die man aber im Laufe eines Autolebens gewiß nicht alle im Gedächtnis gespeichert hat.

Die Klappe des Kofferraums schwingt leicht und weit nach oben, die Ladekante liegt nur 58 Zentimeter über dem Niveau der Straße. In der Klappe gibt es dann die sogenannte City-Klappe, sie kostet 300 Euro und soll das Beladen erleichtern. Das tut sie freilich nur beim Einwerfen von Krimskrams, ein anständiges Champagnerkistchen fügt sich nicht, wir verzichten auf die Cityklappe, kaufen dafür dieses und legen es sorgsam über die geöffnete Hecktür in den Kofferraum. Statt der Cityklappe wünschten wir uns eher eine weniger labberige Abdeckung für das Gepäckabteil.

Die vier Türen öffnen weit, sie sind relativ hoch, und ihre Diagonale meint es gut mit Menschen, die der Klappmesserfunktion ihres Körpers verlustig gegangen sind. Der Innenraum des Modus ist mit jener Leichtigkeit eingerichtet, die für Renault seit dem Twingo typisch ist. Große Fensterflächen und das riesige Schiebedach (elektrische Bedienung und 750 Euro Aufpreis) holen Licht herein: Das führt fast automatisch zu einer gewissen Fröhlichkeit im Modus. Statt dunkler Tristesse ist die Leichtigkeit des familiären Seins angesagt. Das gilt auch für den Fahrer. Seine Position ist wie die des Beifahrers von erhöhter Natur. Er hat fast alles gut im Griff, aber nicht im Blick. Das Lenkrad kann man nur in der Höhe, nicht aber in der Neigung verstellen. Der Schalthebel für das Fünfganggetriebe ist exakt geführt und mit geringem Kraftaufwand zu bewegen. Auch im Modus wird dem Fahrer die Lenkarbeit durch eine elektrische Unterstützung erleichtert, das klappt besser als im Renault Megane. Doch es ergibt sich ein Rest dieses seltsam synthetischen Lenkgefühls, das wenig Präzision vermittelt. Zudem ist die Servohilfe für zügiges Fahren auf Landstraßen überdimensioniert. Man lenkt fast immer stärker ein, muß korrigieren und erlebt diesen Vorgang in der nächsten Kurve abermals. Aber Antriebseinflüsse im Lenkrad treten kaum auf. Hebel und Drehknöpfe für die vitalen Funktionen des Autofahrens liegen gut zur Hand, mitunter ist nicht alles selbsterklärend. Die digital informierenden Instrumente versammeln sich in einem Hügel in der Mitte des Aufbaus. Deshalb liegen sie am Rand des Blickfelds. Gut abzulesen ist einzig die Zahl für die Geschwindigkeit, alle anderen Symbole bleiben blaß, und wer mit Licht am Tag fährt, kann wegen des automatisch wirksam werdenden Dimm-Effekts kaum noch Warn- oder Hinweisbotschaften entziffern. Die entweder im Paket oder separat erhältliche Klimaanlage (mit Automatikfunktion für 1500 und ohne für 1100 Euro) arbeitet sehr wirksam und hält selbst bei feuchter Wärme die Scheiben frei von Beschlag. Zu der kompletten Ausstattung kann man sich das Kurvenlicht kaufen, im Luxe-Paket gibt es das für 800 Euro.

Das feine Fahren ergibt sich im Renault Modus wie von selbst. Die Kupplung greift weich, der Motor dreht flott hoch, er findet in jedem Gang guten Anschluß, er ist ausreichend elastisch, und seine Lärmentwicklung stört nur auf langen Strecken, die mit hoher Geschwindigkeit absolviert werden. In der Nähe der Richtgeschwindigkeit ist die Sprache des Vierzylinders gut zu ertragen, beim Ausdrehen klingt er ein wenig herrisch. Er sorgt für sehr gute Fahrleistungen und liegt mit seinem Konsum noch auf einem erträglichen Niveau.

Lob verdient sich der Modus ob seiner Fahr- und Federungseigenschaften. Nach unserem Geschmack neigt er sich zwar in Kurven zu deutlich nach außen. Seiner Fahrsicherheit tut das keinen Abbruch. Geht man zu schnell in die Kurve, dann schiebt er über die Vorderräder, das kann man durch Gaswegnehmen korrigieren. Und Unebenheiten jeder Art schlucken Federn und Dämpfer in vorbildlicher Weise. Da ist kein anderer Kleinwagen besser.

Im grauen Alltag der Minimobile ist er eine farbige Erscheinung. Wir freuen uns darauf, ihm rudelweise zu begegnen. Er erinnerte an einen jungen Hund, der rasch gelernt hatte, seinem Herrn die Einkaufstasche zu tragen und die Zeitung zu bringen. Ein freundlicher Diener.

Nächste Woche: Cadillac XLR; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 14 150 Euro, Preis des Testwagens 18 670 Euro
Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1598 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 82 kW (112 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 151 Nm bei 4250/min, 90 Prozent davon ab 2100 bis 5800/min
Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,79/1,71/1,59 Meter
Radstand 2,48, Wendekreis 10,6 Meter
Leergewicht 1245 (tatsächlich 1280), zulässiges Gesamtgewicht 1660, Anhängelast 900 Kilogramm; Kofferraumvolumen 198 bis 1283 Liter
Reifengröße 185/60 R15 87 H

Höchstgeschwindigkeit 191 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 12 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 14/19 s
Verbrauch 7,2 bis 8, im Durchschnitt 7,8 Liter Superbenzin je 100 km; Tankinhalt 49 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 21, VK 16
Kosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,33 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2004, Nr. 274 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Renault

 
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