Fahrtberichte

Fahrtbericht Lexus LS 600h

Der Fahrer lenkt - der Lexus denkt

Von Michael Kirchberger

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21. November 2007 Gerade schweren Wagen soll der Hybridantrieb Verbrauchsmanieren beibringen. Lexus hat nun das dritte Auto mit der Kraft zweier Herzen ausgerüstet. Ein V8-Benziner und ein Elektromotor verleihen dem Spitzenmodell der Marke Bärenkräfte für hohe Geschwindigkeiten und gazellenartige Beschleunigung.

Dazu gibt es Luxus im Überfluss, selbst das Vorstellungsvermögen der komfortverwöhntesten Autofahrer wird auf eine harte Probe gestellt. 99.850 Euro kostet die japanische Art der hybriden Oberklasse-Fortbewegung mindestens, mit ein paar Extras und der Komfortausstattung Ambience kommen schnell noch einige Euro hinzu. Der Gesamtpreis von gut 120.000 Euro lässt Großes erwarten.

Das „L“ hat seinen eigenen Weg gefunden

Der jüngste Jahrgang der feinen Limousine verzichtet weitgehend auf bewährte Design-Zitate der etablierten Hersteller in dieser Klasse. Der große Lexus gleicht nicht mehr einer S-Klasse von Mercedes-Benz und nimmt keine gestalterischen Anleihen bei BMW.

Die Marke hat einen eigenen Weg gefunden, ihre Modelle zu profilieren: dafür sorgen die Hybridtechnik und ein kühl–elegantes, gleichzeitig Luxus und Sonderstellung des Lexus LS 600h betonendes Design. Ein Wiedererkennungseffekt will sich noch nicht wirklich einstellen. Das wird einige Jahre dauern, zumal der Auftritt des Autos mit dem „L“ am Kühlergrill zu den noch seltenen Vorgängen im Alltag zählt. Aber der Schritt führt in die richtige Richtung.

Geräuschlose Harmonie

Massig und selbstsicher fährt das Spitzenmodell vor. Die Scheinwerfer mit LED-Technik heischen Aufmerksamkeit, die Größe der Limousine nicht minder. Besonders im Stadtverkehr, wenn beim langsamen Anfahren und bei Geschwindigkeiten unter 40 km/h allein der Elektromotor den Vortrieb übernimmt und der Wagen nahezu geräuschlos vorübergleitet, spitzen die Fußgänger ihre Ohren und fokussieren den Blick.

Dabei kooperieren die Motoren in geräuschloser Harmonie: Wird mehr Leistung gefragt oder gerät die Batterie an ihre Grenzen, springt der V8 ein. Ohne Fanfare und brachiales Kupplungsrucken, trotz zweier üppiger Auspuffendrohre unter den Seiten des hinteren Stoßfängers agiert der Verbrennungsmotor mit Flüsterstimme, er säuselt und schlürft nur sehr verhalten.

Entrückte Art des Reisens

Innen ist außer dem leisen Knarzen der Lederbezüge auf den voluminösen Sitzen nicht viel mehr zu hören, der Blinker gibt seine Funktion mit vornehmem, aber zu leisem Tick-Flüstern weiter, nur die näselnde, manchmal fast herrisch klingende Stimme der Dame im Navigationsgerät unterbricht gelegentlich die Stille, die jener während der Mittagsruhe im Kurheim gleicht. Fast erschreckt den Fahrer dann das Surren der elektrischen Helfer, wenn die vorderen Sitze oder das Lenkrad in eine passendere Position manövriert, die Spiegel verstellt oder die Fenster geöffnet werden.

Der LS 600h ist ein wahrer Leisetreter, der selbst bei höheren Geschwindigkeiten kaum die Stimme hebt. Das setzt sich in allen weiteren Charakterzügen des Wagens fort. Kaum eine andere Oberklassen-Limousine versteht es in solcher Perfektion, den Fahrer von Belästigungen der Umwelt abzuschotten.

Mit dem Schließen der Tür begibt er sich in die nahezu geräuschlose Welt des Zen, bemerkt kaum, auf welcher Art von Fahrbahnbelag er da rollt, wie die Zeit vergeht oder wie schnell er auf die nächste Autobahnausfahrt zuschießt. Das ist die Kehrseite dieser entrückten Art des Reisens. Der Fahrer im LS 600h gerät in Geschwindigkeitsbereiche, die keine Sekunde der Nachlässigkeit dulden, und doch wirkt er wie Opium auf die Konzentration seines Chauffeurs. Selbst die junge Dame, die hohes Tempo meidet, schreckt plötzlich zusammen: „Ich fahre ja 200!“

Keine Freude am Fahren

Leider bleibt im großen Lexus der Fahrspaß auf der Strecke. Denn dem Wagen gelingt beinahe alles in höchster Perfektion, aber selbst eine Luxuslimousine wie der Rolls-Royce Phantom bietet mehr Freude am Fahren als das japanische Hightech-Gefährt mit seiner viel zu unterkühlten Ausstrahlung.

Beeindruckend sind seine Leistungen: In 6,3 Sekunden vermag das Motorenduo den gut fünf Meter langen LS 600h in völliger Ausgeglichenheit zwischen Yin und Yang von 0 auf 100 km/h zu treiben. Bei Tempo 250 regelt die Elektronik die Leistung herunter, man sollte es schließlich nicht übertreiben.

Der Fahrer lenkt - der Lexus denkt

Die Einflüsse des Allradantriebs sind auch beim Rangieren nicht zu spüren, das Beschleunigen selbst auf glatter Fahrbahn wird von außerordentlichem Traktionsvermögen begleitet. Unter normalen Bedingungen werden 60 Prozent des Drehmoments zur Hinterachse, der Rest an die vorderen Räder weitergegeben.

Je nach Fahrsituation kann dies paritätisch oder im Verhältnis 30 zu 70 geschehen. Der Fahrer lenkt, der Lexus denkt. Die Lenkung wirkt allerdings gefühllos, den Bremsen mangelt es am definierten Druckpunkt, nur wenige Millimeter Pedalweg entscheiden zwischen komfortablem Verzögern und brachialem Stoppen.

Energieströme am Bildschirm

Einer der Gründe hierfür mag die Energie-Rückgewinnung sein, die beim Bremsen einsetzt. Dann werden die Kräfte in Elektrizität umgewandelt und in der Batterie zwischengelagert. Ein Instrument am Armaturenbrett zeigt an, ob Leistung entnommen oder eingespeist wird.

Die noch genauere Information über die Energieströme, die der über Bildschirmberührung zu steuernde Computer auf seinem Farbmonitor normalerweise anbietet, wurde in dem von uns gefahrenen Modell beharrlich verweigert. Wie die Klimaanlage des Wagens war diese Funktion defekt.

Großes Auto - kleiner Kofferraum

Die souveränen Fahrleistungen erscheinen in nochmals glänzenderem Licht, wenn der Weg zur Waage absolviert wurde. Sie zeigt ein Leergewicht von 2410 Kilogramm für den LS 600h an, und es bedarf durchaus eines gewissen Krafteinsatzes schon bei niedrigen Drehzahlen, um ein solches Gewicht in so kurzer Zeit zu beschleunigen.

Die Zuladung ist eine Tugend, mit der Lexus nicht prahlen kann, 320 Kilogramm dürfen Gepäck und Passagiere insgesamt wiegen, bevor die höchstzulässige Grenze von 2730 Kilogramm überschritten wird. Das Kofferraumvolumen passt zu diesem Minimalwert trefflich, 325 Liter Stauvermögen bedürfen keines Kommentars.

Gewaltiger Durst bei schneller Fahrt

Aber der Treibstoffkonsum soll ja die Paradedisziplin des LS 600h sein. Eine Luxuslimousine mit dem Verbrauch eines Sechszylinderautos verspricht Lexus. Das gilt sehr zuverlässig im Stadtverkehr, wenn der Hybridantrieb seine Stärken vollständig ausspielen kann, auch noch während der Reisefahrt mit gedrosseltem Tempo.

Den nach Norm angegebenen Wert von 9,3 Liter Sprit für 100 Kilometer haben wir trotz eifriger Bemühungen nicht erreichen können. Unser Minimum lag bei 10,8 Liter, was für ein fast 2,5 Tonnen schweres, hochmotorisiertes Auto mit Benzintriebwerk sehr, sehr anständig ist.

Der Durchschnittsverbrauch kann sich ebenfalls sehen lassen: 13,9 Liter sind unter den gegebenen Umständen immer noch wenig. Wer es allerdings wirklich eilig hat, der weckt in der Hybrid-Limousine jene Untugend, die schnell gefahrenen, starken Autos, egal mit welchem Antrieb, innewohnt: Sie beginnen, einen gewaltigen Durst zu entwickeln. Knapp 19 Liter für 100 Kilometer schafft auch der Hybrid-Lexus bei einer Fahrt im Expresstempo.

Höhepunkt der Marke

Der LS 600h schreibt Geschichte, kaum dass er angetreten ist. Zweifellos gelingt Lexus mit diesem Wagen eine Meisterleistung: Nie war ein Automobil von einer solch (beinahe durchweg funktionierenden) Komplexität geprägt.

Ein Höhepunkt der Marke, der sich nicht nur in eindrucksvollem Komfortangebot und Höchstleistungen manifestiert, sondern nicht minder in eindrucksvoller Harmonie der Technik. Und das liegt nicht nur am hybriden Wesen des großen Lexus.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 99.850 Euro
Preis des Testwagens 122.050 Euro

V8-Ottomotor, 4969 Kubikzentimeter Hubraum plus Elektromotor mit 37 kW

Leistung 290 kW (394 PS) bei 6400/min, Systemleistung 327 kW (444 PS)

Höchstes Drehmoment 520 Nm bei 4000/min, 90 Prozent davon ab 3200 bis 5500/min

Stufenlose Automatik serienmäßig

Permanenter Allradantrieb

Länge/Breite/Höhe 5,03/1,88/1,48 Meter

Radstand 2,97, Wendekreis 12,2 Meter

Leergewicht 2270 (tatsächlich 2410), zulässiges Gesamtgewicht 2730, Anhängelast nicht geprüft, Kofferraumvolumen 325 Liter

Reifengröße 245/45 R 19 102 Y

Höchstgeschwindigkeit 250 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 6,3 s

Verbrauch 10,8 bis 18,8, im Durchschnitt 13,9 Liter Superbenzin je 100 km; 219 g/km CO2 bei Normverbrauch 9,3 Liter; Tankinhalt 84 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 21, TK 29, VK 31

Garantie 3 Jahre bis maximal 100.000 km, 12 Jahre Durchrostung, Lack 3 Jahre und auf die Hybridkomponenten 5 Jahre oder auch bis 100.000 km



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

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