Fahrtberichte

Fahrtbericht SsangYong Kyron 200 Xdi s

Wenn Formen nicht den Funktionen folgen

Von Michael Kirchberger

20. September 2006 SsangYong setzt auf Allradantrieb und Design. Was die japanische Marke Subaru bei Personenwagen beansprucht, reklamieren die Koreaner mit dem Doppel-S im Namen für die Klasse der SUVs und Großraumfahrzeuge. Der Kyron, ein 4,66 Meter langer Zweitonner, ist das jüngste Kind des aufstrebenden Herstellers. Er vervollständigt das aus den wesentlich größeren Kollegen Rexton und Rodius bestehende Modellprogramm und kann wahlweise mit Frontantrieb oder einem zuschaltbaren Allradantrieb bestellt werden. Die Spitzenversion Kyron 200 Xdi s 4 × 4 kostet 29.400 Euro und wird von einem Vier-Zylinder-Diesel mit 104 kW (141 PS) angetrieben.

Der Selbstzünder mit zwei Liter Hubraum stammt wie die anderen von SsangYong in Lizenz gebauten Diesel von Mercedes-Benz. 310 Newtonmeter liefert der Vierzylinder bei 1800 Umdrehungen in der Minute, und obwohl ein üppiger Teil der Kraft über ein recht breites Drehzahlspektrum bereitsteht, wirkt er nicht immer souverän und unbeschwert, wenn Leistung angefordert wird. Lange braucht es, bis er den Kyron in Schwung bringt, sein Arbeitsgeräusch zeugt von der Mühe, die er mit dem leer schon 2050 Kilogramm schweren SUV hat. Die Kapselung des Motors gelingt bei Mercedes-Benz und anderen besser, ein Leisetreter ist der mit Common-Rail-Einspritzung arbeitende Selbstzünder nicht. Eine Menge Kraft geht auf dem Weg durch die Fünfstufenautomatik (1950 Euro Aufpreis) verloren. Der Wandler rührt beim Beschleunigen über lange Zeit im Öl, bevor das Übersetzungsverhältnis starr wird. Bisweilen mutet die Box wie ein stufenloses Getriebe an, während die Geschwindigkeit bei gleichbleibender Drehzahl allmählich steigt. Besonders wenn der Tacho mehr als 120 km/h anzeigt, enttäuscht der Antriebsstrang mit einer gewissen Zähigkeit, die dem Kyron jenen Hauch von Agilität nimmt, die ihm bei niedrigerem Tempo noch anhaftet.

Kräftiger Antritt

Gleichwohl hat der Wagen einen kräftigen Antritt, aber die Automatik versteht es nicht, das plötzlich einsetzende hohe Drehmoment zu bändigen, und wenn man im Kyron die Antriebsart 2WD für die Fahrt auf normaler Straße wählt, verlieren die Hinterräder gerade bei Nässe gern ihre Traktion und signalisieren mit gedämpften Pfeifgeräuschen den ungestümen Vorwärtsdrang. Mit einem Drehsteller am Armaturenbrett läßt sich der Antrieb der Vorderräder auch während der Fahrt zuschalten, dann gelingt das vehemente Anfahren ohne akustische Auffälligkeiten, Verspannungen zwischen den Rädern bei engen Kurven bleiben dabei nicht aus. Für besonders anspruchsvolle Aufgaben kann man ein Untersetzungsgetriebe zuschalten, da der Kyron aber mit Leichtmetallrädern und Breitreifen der 255er-Dimension ausgerüstet ist, kommt dieser Traktionsgewinn weniger in schwierigem Gelände als für Rangierfahrten mit schwerem Anhänger in tiefem Geläuf zum Tragen. 2300 Kilogramm darf das koreanische SUV ziehen, das ist weniger, als die Spitzenmodelle anderer Hersteller in dieser Klasse anhängen dürfen, aber weitaus mehr als klassische Limousinen oder Kombis.

Die Fahrleistungen im Solobetrieb sind verhalten. 14,4 Sekunden vergehen für den Sprint von 0 auf 100 km/h, 0,2 Sekunden mehr, als der Hersteller verspricht. Bei der Höchstgeschwindigkeit allerdings überbietet der Kyron die Werksangabe ein wenig. Statt der versprochenen 166 marschiert er 168 km/h. Der Verbrauch lag zwischen 7,5 und 10 Liter, als Durchschnitt ergab sich ein günstiger Wert von 8,5 Liter für 100 Kilometer. 75 Liter Tankvolumen erlauben ordentliche Reichweiten, ein Rußpartikelfilter ist allerdings nur als Zubehör erhältlich.

Die Bedienung des Kyron ist nur in Maßen einfach. Die wesentlichen Funktionen sind mit den Lenkstockhebeln zu kontrollieren, das Fahren und das Manövrieren fallen leicht, dabei kommen keine Unsicherheiten auf. Kniffliger wird es bei den Sekundärfunktionen. Hier leiden die Übersicht und das schnelle Erkennen der jeweiligen Schalter und Tasten unter dem verspielten Interieur-Design, das SsangYong so gern als besonderes Merkmal der Marke herausstellt. Im Kyron werden die verschiedenen Funktionseinheiten in kreisrunden Elementen zwar hübsch, aber nicht immer logisch zusammengefaßt. Das Feld links neben dem Lenkrad vereint die elektrische Verstellung der Außenspiegel mit dem Schalter für das serienmäßige ESP und die Nebelschlußleuchte. Das Rund auf der rechten Seite des verstellbaren und mit Leder bezogenen Volants nimmt die Tasten für die Bergabfahrkontrolle, die Warnblinkanlage und den Heckscheibenwischer auf. Weitere Knöpfe auf der Mittelkonsole steuern die Sitzheizungen vorn, die Höhenverstellung der Scheinwerfer und die Antriebsweise, Hinterrad- oder Allradantrieb und Geländeuntersetzung. Das birgt die Gefahr der Fehlbedienung, zumal die Beschriftung der einzelnen Elemente eher klein geraten ist. Einzig die Klimaautomatik mit einer zentralen Steuereinheit in der Mittelkonsole ist eindeutig symbolisiert. Ablagen finden sich in ähnlich verstreuter Anordnung, im Dachhimmel gibt es Klappfächer für die Sonnenbrille, auf dem Getriebetunnel, wo ein weiterer in aluminiumfarbenem Kunststoff abgesetzter Kreis den Automatik-Wahlhebel, einen Getränkehalter und eine Ablage einfaßt, nimmt ein unter der Armlehne plaziertes Fach größere Mengen von Kleinigkeiten auf.

Einsteigen fällt leicht

Die Sitzposition am Lenkrad ist sehr hoch, dennoch fällt das Einsteigen dank weit öffnender Türen leicht. Die Verstellbarkeit des belederten Gestühls ist ebenfalls gut, nur beim Seitenhalt kann es nicht viel bieten. Wer erwartet, daß von solch erhabener Unterbringung eine vortreffliche Sicht auf die Karosserie möglich ist, wird enttäuscht. Der Kyron bewegt sich formal im Fahrwasser der großen SUVs, er siedelt irgendwo zwischen einem Nissan Murano und der ML-Klasse von Mercedes-Benz. Die wuchernden Karosserieausprägungen mögen einen anspruchvollen Design-Gedanken vermitteln, verbergen aber ihre Dimensionen geschickt vor den abschätzenden Augen des Fahrers. Der Parkpilot, den SsangYong zum Preis von 400 Euro anbietet, ist ein höchst willkommener Helfer nicht nur beim Rangieren, sondern auch in engen Auf- und Durchfahrten.

Die Paradedisziplin des Kyron ist sein außerordentliches Raumangebot. Vorn herrscht beinahe barocke Großzügigkeit, im Fond bleibt Raum für Lockerungsübungen der Beine fast jeder Art auf langen Reisen. Die Wagenbreite schafft ebenso für die Ellbogen Platz, Fahrten auf der Rückbank zu dritt sind keineswegs ermüdend. Der Raumvorteil zieht sich bis zum Heck des SUV, das Gepäckabteil bietet schon in seiner kleinsten Konfiguration reichliches Volumen. Wenn die Lehnen der Rücksitze nach vorn geklappt werden, wobei eine Mechanik die Sitzflächen nach unten sinken läßt und eine beinahe ebene Ladefläche entsteht, markiert die Ladekapazität von 2322 Liter einen rekordverdächtigen Wert. Ein Netz zur Gepäcksicherung ist vorhanden, nur seine Befestigung mit Sicherheitsgurten und entsprechenden Schlössern wirkt ein wenig rustikal. Weniger üppig ist die Zuladung. 480 Kilogramm sind angesichts der Größe des Frachtraums nur knapp ausreichend.

Der Kyron wartet mit einem interessant gestalteten Innenraum auf, ist aber dennoch nicht der Klassenbeste in der SUV-Riege dieser Größe. Dafür reichen seine zwar weitgehend sicheren, aber holprigen Fahreigenschaften mit kräftiger Karosserieneigung in Kurven, die bei starker Beanspruchung schnell nachlassende Bremswirkung, die ungenaue Lenkung und die unkomfortable Federung nicht aus. Seine Stärken liegen im überdurchschnittlichen Raumangebot und einem durchaus günstigen Preis. Was in einem engbesetzten Starterfeld in dieser Liga heute allerdings nicht mehr genügt.



Text: F.A.Z., 19.09.2006, Nr. 219 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
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