Von Wolfgang Peters
06. März 2006 Der Kombinationskraftwagen ist eine bedrohte Art. Vans und SUVs machen ihm seine Rolle als Raumfahrzeug mit Manieren und als Familienfreund mit Hang zum milden Abenteuer streitig. Aber der Kombi will sich nicht ohne Gegenwehr ins Abseits drängen lassen. Das belegen nicht nur die deutschen Kombikönige von VW, Ford und Opel. Renault hat den Laguna Grandtour fünf Jahre nach seinem Debüt neu herausgeputzt, und wir haben mit ihm die Reize der alten Kombikultur wiederentdeckt.
Die Preise für den Laguna mit dem Raum im Heck beginnen bei sehr freundlichen 21200 Euro. Dann ist man allerdings mit einem 1,6-Liter-Vierzylinder (82 kW/112 PS) bescheiden motorisiert. Besser kann mit dem 4,60 Meter langen und leer 1,4 Tonnen wiegenden Kombi der Zweiliter-Ottomotor mit Vierventiltechnik umgehen. Der Laguna Grandtour 2.0 16V kostet 22400 Euro in der Emotion-Ausstattung, die durchaus ausreichend sein kann. Für 23950 Euro kommt die Dynamique-Version, fast schon eine Luxusvariante, die nur noch wenige Wünsche unerfüllt läßt.
An Technik mangelt es dem Grandtour ohnehin nicht. Renault hat es ja verstanden, sich in der jüngeren Vergangenheit nicht nur als "createur", sondern auch als Konstrukteur zu positionieren. Dazu gehören beachtliche Fortschritte in der passiven Sicherheit und bei den Fahrwerkssystemen. Auch die Benzinmotoren sind laufend verbessert worden. Der auch in anderen Renault-Modellen tätige Vierzylinder mit 99 kW (135 PS) ist laufruhig, durchzugsstark und bei entsprechender Fahrweise auch sparsam. Wir verbrauchten zwischen 8 und 12,7 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer, der Tank faßt 70 Liter. Die Werte zeigen, wie stark der Einfluß des Fahrers auf den Verbrauch sein kann: Sanftes Rollen und frühzeitiges Hochschalten senken den Konsum, der Motor kommt mit niedrigen Drehzahlen gut zurecht. Starkes Beschleunigen und längerer Aufenthalt in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit machen ihn durstig. Statt 215 km/h (Tachowert) fährt man auf freier Strecke besser 180 km/h, man ist kaum langsamer und verbraucht deutlich weniger Sprit. Mit Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit kann man zufrieden sein, die Schaltung für das Fünfganggetriebe fordert eine kräftige Hand und ist sehr präzise geführt. Eine Antriebsschlupfregelung verhilft den Vorderrädern zu bestmöglicher Traktion, aber mitunter zeigte sich die hierfür zuständige Elektronik überfordert. Beim Fahr- und Federungskomfort kann der Grandtour mit jeder Limousine seiner Klasse konkurrieren, die Nutzlast von 555 Kilogramm ist lediglich ausreichend. Die Anhängelast wird mit 1300 Kilo angegeben.
Der Innenraum hat durch die jüngste Überarbeitung gewonnen, Renault setzt im Laguna auf ruhige Linien und weiche Formen und bietet dem Fahrer die Konzentration auf das Wesentliche. Klar ablesbare Armaturen, gute Positionen für Hebel und Bedienungsknöpfe sowie sympathisches Material für Lenkrad und Schalthebel und feine Fugen an Mittelkonsole, Handschuhfach und an den Türausschnitten sorgen für jenes Klima einer lässigen Entspanntheit, das wir mit der Marke verbinden. Der Bildschirm für das Navigationssystem Carminat 3 (Radio/CD-Wechsler/Bluetooth für 2100 Euro) thront auf dem Armaturenträger und ist nicht immer gefeit gegen Sonneneinstrahlung.
Im Heck dominieren die Kombieigenschaften. Es wirkt ausreichend dynamisch und ist dennoch praktisch: Die Ladekante liegt gerade 53 Zentimeter über dem Niveau der Straße, und sie geht ohne Stufe in den Stauraum über. Dieser mißt bis zur teilbaren Rückbank (ein zu zwei Drittel) 101 Zentimeter, legt man diese mit zwei Handgriffen um, dann entsteht eine Ladetiefe von 165 Zentimeter. Die Breite beträgt 107 Zentimeter, das Gepäckabteil verjüngt sich nach oben kaum und bietet eine Höhe bis zum Dach von 76 Zentimeter. Es gibt vier Ösen für die Ladungssicherheit. Das Trennetz ist mit 150 Euro extra zu bezahlen. In der über Stehhöhe hinausschwingenden Heckklappe kann man die Scheibe separat öffnen (Aufpreis 300 Euro), damit läßt sich der letzte Rest an Stauraum noch bestücken. Allerdings: Nur nicht die Klappe vor dem Fenster jetzt wieder öffnen.
Im Vergleich zu ähnlichen Kombiofferten aus deutschen Landen ist der Renault Laguna Grandtour 2.0 16 V eine schöne Alternative. Kritik ist an der Zusammenstellung von Ausstattung und Extras zu üben. So gibt es die separate Öffnung für das Heckfenster nicht für die Emotion-Basisversion, Seitenairbags hinten sind mit 300 Euro extra zu bezahlen, und die Vorteile aus dem "Keycard Handsfree" (Aufpreis 500 Euro) haben sich uns nicht erschlossen. Aber man muß es ja nicht kaufen. Wer nicht selbst schalten möchte, kann den von uns geprüften Zweiliter-Motor allerdings nur mit einer Viergangautomatik verbinden. Sie kostet 1300 Euro. Der modernere Fünfgangautomat ist nur für die stärkeren Versionen zu haben. Vielleicht hätte Renault mit der für Design, Ausstattung und Technik aufgewendeten Sorgfalt auch an die Ausstattungslisten herangehen sollen. Dennoch muß man sich um die Zukunft des Kombis angesichts dieses Renault-Beitrags keine Sorgen machen.
Text: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite T4