Fahrtberichte

Fahrtbericht Kia Cee'd 1.6 EX

Ein weites Stück des Weges ist zurückgelegt

Von Boris Schmidt

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22. Mai 2007 Die Alte Welt ist doch der Nabel der Dinge. Zumindest in Sachen Auto. Wie anders ist es zu erklären, dass ein koreanischer Hersteller wie Kia (gehört zum Hyundai-Konzern) sein neues Kompaktmodell nicht nur in Europa entwickelt hat, sondern es auch noch in Europa (im slowakischen Zilinia) bauen lässt? Offenbar glaubt man, so besser beim Kunden dazustehen als mit rein koreanischer Ware. Ob Opel weniger Antaras verkauft, nur weil der Geländewagen in Korea produziert wird? Sei's drum, wir nehmen das Auto so, wie es ist, und es ist gut.

Das ist schlichtweg so. Kia hat schon ein weites Stück des Weges zurückgelegt, der es zu einem wirklich ernstzunehmenden Autobauer führen soll. Wir sind sicher, Kia wird dieses Ziel erreichen.

Unbeholfenes Apostroph

Dass der Name Cee'd mit seinem Apostroph etwas unbeholfen daherkommt, ist verziehen, kleine Schwächen müssen sein. Doch sonst überzeugte der von der Redaktion bewegte Kia mit 1,6-Liter-Motor (90 kW/122 PS) beinahe durch die Bank, was nicht heißen soll, dass es nicht noch Verbesserungspotential gibt. Kaum verbessern lässt sich zunächst das Garantiepaket, das dem Wagen mitgegeben wird: Fünf Jahre plus zwei weitere Jahre auf Motor und Antriebsstrang (oder 150 000 Kilometer) sind in der Branche einmalig und tun davon kund, dass die Koreaner von ihrem europäischen Auto überzeugt sein müssen.

Nun, um zu überzeugen, braucht ein neues Auto zunächst eine Form, die viele anspricht, ohne irgendwo anzuecken. Hier holt der Kia die ersten Punkte. Er ist zwar nicht aufregend oder außergewöhnlich gestylt, sondern gefällig-sportlich. Aber vier Türen sind Serienausstattung, das praktisch schräge Heck machte vor 33 Jahren der VW Golf 1 salonfähig, heute ist es aus der Kompaktklasse nicht mehr wegzudenken. Mit einer Länge von 4,24 Meter hat der Cee'd das Format eines Golf von heute, wobei der Radstand von 2,65 Meter aufhorchen lässt: Das sind sieben Zentimeter mehr als im Klassenprimus.

Großer Mensch sitzt bequem

Tatsächlich sitzt es sich im Fond vorzüglich, selbst wenn ein großer Mensch am Volant arbeitet, kann man hinter diesem noch bequem logierenn. Und auch die Kopffreiheit im Fond lässt nicht zu wünschen übrig. Im Übrigen ist der Innenraum des Kia sehr wohnlich gestaltet. Unser EX war für 2410 Euro Aufpreis für zwei Ausstattungspakete praktisch zum TX geworden - bis auf die Leichtmetallfelgen und den Tempomaten, dafür hatten wir noch ein elektrisches Schiebedach, was sonst 550 Euro kostet. So sind die Sitze zumindest zum Teil mit Leder bezogen, die Mittelkonsole, in der die Bedienelemente für die Heizung, die Audioanlage und das Display des Bordcomputers untergebracht sind, ist mit schickem Aluminium-Imitat umrandet, die Instrumente sind weiß unterlegt. Alles ist sehr übersichtlich gestaltet, die Schalter sind dort, wo man sie erwartet. Optisch und haptisch ist kein großer Unterschied zu europäischen Autos festzustellen, sieht man von Golf und Audi A3 ab.

Außerdem wirft der Cee'd als TX noch zahlreiche Nettigkeiten in die Waagschale, wie ein gekühltes Handschuhfach, elektrisch anklappbare Außenspiegel, einen Anschluss für einen MP3-Spieler, Lenkradtasten für das Bedienen des Radios oder ein Sonnenbrillenfach am Dachhimmel. Ein Audiosystem, elektrische Fensterheber vorne, Zentralverriegelung, Bordcomputer und ein verstellbares Lenkrad sind schon in der Basisversion Standard, bei EX gibt es obendrein elektrisch verstellbare Außenspiegel, Fernbedienung für die Zentralverriegelung, Alarmanlage, die Klimaanlage, vierfach elektrische Fensterheber, ein Lederlenkrad und beleuchtete Spiegel in den Sonnenblenden dazu. Und die Aufzählung ist noch nicht vollständig. TX bietet neben dem schon Erwähnten auch ein Navigationssystem (ohne Kartendarstellung), Parksensoren am Heck, Regensensor und Scheinwerfer, die nach dem Abstellen des Motors noch eine Weile weiterleuchten.

Ausstattungstechnisch ist alles da

Wer noch mehr will, der bestelle (nur bei EX oder TX möglich) das Schiebedach, Lederausstattung (650 Euro, nur bei TX) oder auch ein Automatikgetriebe (1230 Euro). Metalliclack kostet in jedem Fall 360 Euro. Ausstattungstechnisch ist also alles da, was ein Auto braucht, um in der so hartumkämpften Golf-Klasse bestehen zu können.

Platz für vier bis fünf Personen hat der Cee'd zudem, und der Kofferraum ist mit einem Fassungsvermögen von 340 Liter klassentauglich. Will man ihn erweitern (Sitzfläche und Lehne der Rückbank sind asymmetrisch geteilt), ist das mit wenigen Handgriffen bewerkstelligt. Es ergibt sich nach dem Umbau eine ebene Ladefläche von 1,45 Meter Länge, das Ladevolumen beträgt dann 1300 Liter. Außerdem ist im Kofferraumboden noch Platz für Krimskrams und ein Notrad. Früher hätte es dafür ein Minus gegeben, heute sind wir ja schon froh, wenn es mehr gibt als nur Tirefit, das bei einem völlig zerstörten Reifen nicht helfen kann.

Zwei Dieseltriebwerke

Zum Fahren: Für den Cee'd werden fünf verschiedene Motoren angeboten, zwei davon sind Dieseltriebwerke. Bei den Benzinern staffeln sich die Hubräume auf 1,4 und 1,6 sowie 2,0 Liter. Die Redaktion bewegte den 1,6er-Motor, die Basis hat 80 kW (105 PS), der 2,0-Liter 105 (143 PS). Mit den Leistungsdaten der mittleren Maschine kann man durchaus zufrieden sein. Sie dreht kraftvoll hoch, bekommt nach Überschreiten der 4000 auf dem Drehzahlmesser noch mal eine Art zweite Luft und wird erst bei 6300 Umdrehungen in der Minute vom Begrenzer gestoppt. Die 100er-Marke ist aus dem Stand hurtig erreicht (10,9 Sekunden), früher hatten deutsche Autos der oberen Mittelklasse solche Beschleunigungswerte. Leider ist der Motor vor allem bei höheren Geschwindigkeiten aufdringlich laut, und das schon von 120 km/h an. Luft nach oben ist noch bis Tacho 200, die Kurbelwelle dreht dann 6000 Mal in der Minute. Die gemessene Höchstgeschwindigkeit beträgt 191 km/h.

Das Fünfganggetriebe schaltet sich etwas knochig, der dritte Gang reicht bis gut 130, der vierte bis 180. Schaltfaules Fahren ist möglich, die Beschleunigungswerte von 50 bis 100 km/h in den großen Gängen sind gut (siehe Daten und Messwerte). Was gar nicht mehr in die heutige Zeit passt, ist der doch recht hohe Bedarf an Superkraftstoff. 8,6 Liter im Schnitt sind mindestens ein Liter zu viel, und wenn man den Wagen forsch fährt, sind es deutlich mehr als neun Liter auf 100 km, die sich der kompakte Kia genehmigt. Der Normwert von 6,4 Liter ist weit weg von der Realität, es zeigt sich wieder einmal die alte Erfahrung, dass der Wert für den Stadtverkehr (in diesem Fall 8,0) plus ein kleiner Aufschlag dem sehr nahe kommt, was ein Auto tatsächlich verbraucht.

Fahrverhalten und Fahrkomfort

Kein Blöße hingegen gibt sich der Cee'd hinsichtlich Fahrverhalten und Fahrkomfort. Das mag vielleicht am meisten erstaunen. Die Federung arbeitet sehr ausgewogen, der Kia ist ein wenig straff abgestimmt, aber er ist keineswegs ein unkomfortables Auto. Und wer den Kia über Landsträßchen scheucht, wird mit ihm viel Freude haben, präzise lenkt er, und auch Bodenwellen bringen ihn nicht aus der Ruhe. Die Servolenkung tut das, was sie soll, und auch die Bremsen sind über jede Kritik erhaben. ESP ist natürlich serienmäßig, und auch bei der passiven Sicherheit lässt der Kia nichts anbrennen. Er hat unter anderem zehn Airbags, aktive Kopfstützen, Gurtstraffer, und wenn sich hinten jemand abschnallt, wird dies dem Fahrer angezeigt. Für den, der Kinder hat, ist das ein nützliches Extra.

Preislich ist der Cee'd aber kein Super-Sonderangebot mehr. 17 900 Euro werden für den Kia mit diesem Motor verlangt, das Basismodell kostet 14 300 Euro, das Topmodell 21 425 Euro. Der preisliche Abstand zum VW Golf ist natürlich weiterhin gegeben, dort kostet das Basismodell mit 1,4-Liter-Motor und nur 80 PS rund 16 200 Euro. Mit dem Cee'd hat Kia ein beachtenswertes Stück Technik auf die Räder gestellt. Weiter so! Konkurrenz belebt das Geschäft.



Text: F.A.Z., 22.05.2007, Nr. 117 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

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