Von Wolfgang Peters
02. Februar 2004 Das wahre Genie streckt schon als Bub die Zunge raus, ist klein und unscheinbar, und die komprimierte Sinnlichkeit des Weibes brodelt in einem kleinen Leib, und überhaupt ist das Kleine jene Erscheinungsform, die künftig ganz groß rauskommt: Der VW Lupo, so tönt derzeit die Werbung des größten europäischen Autokonzerns, sieht nur so aus und hat es faustdick hinter den Türen. Kleinsein allein genügt nicht, meinen wir allerdings und haben den knappsten VW über zwei Wochen und fast 2.000 Kilometer hinweg tüchtig rangenommen.
Daß der VW Lupo jede Menge Aufsehen erregt, liegt nicht an seinen Abmessungen. Wenn es um Winzigkeit geht, gibt der Smart die Maßstäbe vor und zeigt gleichzeitig mit seinem eigenen Anderssein das Wesen des kleinen VW auf: Der Lupo ist die eingedampfte Version des Vollwertautos, er ist der ziemlich zu Ende gedachte Mini der konventionellen Art. Sein frisches, appetitliches Design lieben die Leute, und es entfernt ihn gleichzeitig von der kantigen Unverbindlichkeit seines Zwillingsbruders Seat Arosa, mit dem er technisch eng verwandt ist. Vielleicht ist der Genügsamkeit und Robustheit sowie eine gebremste Trendigkeit signalisierende Lupo ja der eigentliche Nachfolger für den VW Käfer. Außerdem profitiert er von der Neugier und der unpräzisen Nachrichtenaufnahme der Menschen: "Nein, das ist nicht das Drei-Liter-Auto von VW", war ungefähr die häufigste Auskunft während unseres Zusammenlebens.
Kein neues Auto kommt als Single, auch der VW Lupo ist eine kleine Familie. Man hat die Wahl zwischen drei Motoren und einer schönen Menge an Sonderausstattungen. Neben dem von uns gefahrenen und aus dem Polo bekannten Einliter-Aggregat gibt es den gleichfalls bereits erprobten 1,4-Liter-Vierventiler mit 55 kW (75 PS) und den bewährten 1,7-Liter-SDI (44 kW/60 PS). Für 2.000 Mark Aufpreis übernimmt bei den stärkeren Versionen eine Viergangautomatik das Schalten, und auch sonst ist Gelegenheit zum Geldausgeben. Schändlich finden wir, daß Extra-Scheine fällig sind für das ABS und die Servolenkung, auch das Vario-Plus-Paket mit der Easy-Entry-Funktion (beim Kippen der vorderen Sitzlehne rutscht der komplette Sessel nach vorn) ist eigens zu bezahlen, ebenso wie die Klimaanlage. Das von uns bewegte Exemplar kam auf 23.520 Mark - keine Kleinigkeit, aber auch keine Unverschämtheit.
Während das Exterieur-Design des Lupo noch mit seiner Kleinheit kokettiert, ist das Interieur dem Vollkorngefühl verpflichtet. Der Armaturenträger bringt sich mit riesigen Hutzen über den Instrumenten ins Spiel, er wölbt sich massiv, und hier sowie auf dem Schalthebel und dem Griff der Handbremse wird eine besondere Form des Kunststoffs verwendet, mit einer Struktur auf seiner Oberfläche, die teuer und edel wirkt. Alle Hebel geben sich solide, Schalter knacken beruhigend, und mit den Türverkleidungen wird demonstriert, daß nacktes Blech nicht wie armes nacktes Blech aussehen muß. Die Sitze sind bequem und transferieren das Gefühl des Fahrers vollends mindestens eine Klasse höher: Im Innenraum verläßt der Lupo die Schublade der Minis. Zumal man vorn ordentlich Raum hat, über den Köpfen ohnehin, aber auch auf Höhe der Schultern. Wertvoll wollen die Instrumente wirken, sie sind etwas gewollt sportiv gewirkt, aber große Ziffern und gute Hintergrundbeleuchtung sind schöne Eigenschaften. Der Fahrer kann seinen Sitz vielfältig verstellen, auch der Volant ist unterschiedlich zu positionieren. Die beiden Airbags sind unaufdringlich verpackt, Seitenbags kann man nicht bekommen. Dank dem Easy-Entry-Entern ist der Einstieg nach hinten überhaupt zu bewältigen, unbequem ist er trotzdem, vier Türen sind nicht verfügbar. Die zwei vorhandenen sind mit 124 Zentimeter ungewöhnlich breit, deshalb benötigt man zum bequemen Einsteigen viel Raum neben dem Lupo. Hinten lebt es sich spürbar knapper als vorn, der Knieraum schrumpft bei zurückgeschobenem Vordersitz auf eine kaum noch zumutbare Menge, und die Fond-Sitzbank mißt in der Breite gerade mal 111 Zentimeter. Man kann sich hinten für die Aufnahme von zwei oder drei Passagieren entscheiden, nur bei der Zweierlösung sind Sitzfläche und -lehne geteilt klappbar. Es gibt auch einen Kofferraum, er kommt in der Tiefe auf 36 Zentimeter, und das spürt man auch.
Daß sich VW mit dem Lupo mehr Mühe gegeben hat, als man in einen Kleinwagen noch vor fünf Jahren investiert hätte, erfährt man mit Kleinigkeiten. Und damit meinen wir nicht nur die sanft zurückgleitenden Haltegriffe über den Türen. Es gibt viele kleine Ablagen, ein schön ausgekleidetes Gelaß für Münzen, den obligatorischen Becherhalter, ein kräftiges Fach mit Netz in jeder Tür und hinten neben der Sitzbank jeweils einen Schacht für größeren Krimskrams; beide Sonnenblenden tragen einen Spiegel, und im Kofferraum sind Zurrösen vorhanden. Klappt man die Rücksitze um, wird ihre Fläche als Schutz gegen nach vorn rutschendes Gepäck tätig. Lobenswert sind auch die spontan anspringende Heizung und das sehr helle und gleichmäßige Scheinwerferlicht. Allerdings gibt es auch über Schatten zu berichten: Außen wirken die lackierten Prallflächen vorn und hinten nicht nur verletzlich, sie sind es auch, und die beiden manuell über Drehknebel zu verstellenden Außenspiegel sind zu klein; innen sucht man ein verschließbares Handschuhfach ebenso vergebens wie im Kofferraum eine Beleuchtungsmöglichkeit. Die Schalter für die elektrischen Fensterheber sind in den Türen viel zu weit hinten plaziert, und die Regelung für die Heizung liegt beinahe unter dem Bodenteppich. Die Rückseite der nach vorn geklappten Rücksitze ist unverkleidet und scheint erster Kratzer nur zu harren.
Die kleine Maschine ist mit dem immerhin 909 Kilogramm wiegenden Lupo nicht überfordert. Aber sie wirkt auch nicht so, als ginge sie damit spielerisch um. Für flottes Vorwärtskommen muß man mit dem ebenso leicht wie präzis schaltbaren Getriebe viel arbeiten und den Motor noch flotter drehen lassen. Bei Tacho 150 km/h liegen schon 5.000 Umdrehungen in der Minute an, und auf Gefällstrecken treibt es den Lupo wegen seiner kurzen Übersetzung fast in den roten Bereich des Drehzahlmessers, der bei 6.000/min beginnt. Angenehmer rollt es sich mit etwa 130 km/h dahin, dann ist die Maschine auch von empfindlichen Ohren zu ertragen. Mit den Verbrauchswerten waren wir nicht zufrieden, hier darf noch geknausert werden, und der Tank ist zu klein.
Die Servolenkung verleiht dem Lupo die Handlichkeit, die man ihm schon im Stand zutraut. Sie arbeitet sehr direkt, aber nicht nervös, und hält Antriebseinflüsse wirksam vom Lenkrad fern. Die Fahrsicherheit ist hoch, der Lupo neigt sich in schnell genommenen Kurven zwar zur Seite, schaukelt sich aber nicht auf, und er schiebt weder vorn aus der Spur, noch bricht er hinten aus der Bahn. Mit der Fahrwerksabstimmung ist den VW-Ingenieuren ein kleines Wunder gelungen. Kein anderer Kleinwagen federt besser, verschont seine Insassen wirksamer von den Unbilden der Straße und schluckt Schlaglöcher williger, bevor sie den Innenraum erreichen. Dazu kommt ein sehr geschmeidiges Abrollen auch bei geringen Geschwindigkeiten, und die Abrollgeräusche treten auf, als fänden sie drüben in dem Auto auf der anderen Spur statt. Kein Zweifel, dieser Kleine ist im Kreis der Kleinen das komfortabelste Angebot.
Der VW Lupo ist ein ungewöhnlich appetitlich auftretendes Auto, der kleine Prinz unter den Minis. Mit diesem vornehmen Knirps hat VW gewiß ganz bewußt die andere Position auf der Suche nach dem Kleinwagen von morgen bezogen. Exaltiertheit ist seine Sache nicht, der Lupo taugt für kurze Strecken und lange Distanzen gleichermaßen, er ist rundum Auto und will dafür entlohnt werden. Fahrzeugpreis und Kraftstoffverbrauch zeigen, daß der Weg zum knauserigen Kleinwagen noch längst nicht zu Ende ist.
Daten und Meßwerte
Vierzylinder-Reihenmotor
Hubraum 999 Kubikzentimeter
Leistung 37 kW (50 PS) bei 5.000/min
Höchstes Drehmoment 86 Nm bei 3.000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1.800 bis 4.800/min
Fünfganggetriebe mit Mittelschaltung
Antrieb auf die Vorderräder
Reifengröße 155/70 R 13 75 S
Vorn Einzelradaufhängung an Querlenkern und Federbeinen, Stabilisator
Hinten Verbundlenkerachse, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer
Radstand 2,32 Meter, Wendekreis 10,6 Meter
Länge/Breite/Höhe 3,53/1,64/1,46 Meter
Leergewicht 893 (tatsächlich 909), zulässiges Gesamtgewicht 1.380,Anhängelast 650 Kilogramm
Höchstgeschwindigkeit 154 km/h
Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 17,9 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5.Gang in 15,5/21,8 s
Verbrauch 5,6 bis 8,3, im Durchschnitt 6,9 Liter Superbenzin je 100 km,
34-Liter-Tank
Ausstattung serienmäßig:
Airbag für Fahrer/Beifahrer; gegen Aufpreis: ABS 600,
Klimaanlage 2.050,
Zentralverriegelung und el. Fensterheber 1.180,
geteilt klappbare Rücksitzbank im Paket 490 DM;
nicht lieferbar:
Seiten-Airbags, Schiebedach, integrierte Kindersitze
Versicherungs-Typklassen HP 12, TK 16, VK 10
Vollkosten je km (bei 16.000 km/Jahr) 0,46 DM
Empfohlener Preis 17.990 DM
Bildmaterial: Hersteller