Fahrtberichte

Fahrtbericht: Bentley Continental Flying Spur

Die ideale Kombination von Luxus und Sport

Von Boris Schmidt

21. Dezember 2005 Keiner Luxusmarke geht es zur Zeit so gut wie Bentley. Die von VW adoptierte Marke bietet Autos, die gewiß nicht billig, aber auch nicht so teuer sind, daß man sich damit nicht auf die Straße traut. Keine 30 Maybachs (Grundpreis 370 000 Euro) wurden dieses Jahr bisher in Deutschland verkauft, Bentley kommt allein mit dem Continental (inklusive Coupe) auf fast 600 Einheiten. Wer Bentley statt Maybach wählt, spart 200 000 Euro. So kann man das auch sehen. Und wird man wesentlich schlechter bedient?

Der im Sommer in den Markt gestartete Continental Flying Spur ist der Viertürer zum Coupe, die beiden Varianten wurden gemeinsam entwickelt und kommen mit einem turbobeatmeten W12-Motor mit sechs Liter Hubraum und Allradantrieb. Es steckt viel Technik von VW und Audi im Wagen, zudem wird er jetzt auch in der Gläsernen Fabrik in Dresden gebaut. Spötter sagen, der Bentley sei ohnehin nur ein aufgemotzter VW Phaeton. 559 PS muß der Mann am Bentley-Volant bändigen, und er tut das gern. Die größte Überraschung für uns war das leichtfüßige Fahrverhalten des Deutsch-Briten. Er fährt so, als wöge er 1,3 und nicht 2,6 Tonnen. Auch von der immensen Länge (5,31 Meter) spürt man kaum etwas. Fast wie ein Sportwagen frißt der Fliegende Sporn Taunuskurven. Über Bodenwellen fegt er, als wären sie nicht vorhanden. Der Allradantrieb trägt viel zu dieser nahezu unglaublichen Agilität bei.

Statur eines britischen Landschlosses

Um das ESP zum Eingreifen zu bewegen, muß man schon wilde Sachen machen. Zum vorzüglichen Fahrwerk (Luftfederung, vierfach einstellbare Dämpfung) gesellt sich der formidable Motor. Kraft ist stets im Überfluß vorhanden. Um die Sportlichkeit zu unterstreichen, können die Stufen der Sechsgang-Automatik (von ZF) mit Schaltpaddeln am Lenkrad eingelegt werden. Auch das klappt prima, zwei Nachteile gibt es: Die Paddel sehen häßlich aus, und das linke stört immer wieder beim Betätigen des Blinkers.

Verlassen wir die Landstraße, jedoch nicht ohne vorher die Bremsen zu prüfen: Mehrere Brachial-Stopps übersteht der Continental ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen, der Bremsweg aus 100 km/h ist dem Augenschein nach trotz des hohen Gewichts kürzer als 40 Meter.

Käufer dieses Autos werden die 169 000 Euro jedoch nicht wegen der Sportwagen-Qualitäten ausgeben, sie nehmen diese als Beigabe und fragen nach der Luxuslimousine im Bentley. Hier ist sie: mehr als drei Meter Radstand, vier nahezu gleich große Türen, Beinfreiheit satt im Fond und eine Inneneinrichtung, die in Leder und Holz nur so schwelgt. Der Continental hat die Statur eines britischen Landschlosses, ohne protzig zu wirken. Von britischem Understatement zeugt das Fehlen eines Bentley-Schriftzugs.

Auch bei hohem Tempo sehr leise

Das Reisen sollte eine weitere Stärke einer Luxuslimousine sein. Natürlich enttäuscht der Bentley nicht. Am wunderbar gestalteten Armaturenbrett kann man sich kaum sattsehen. Den Designern ist es nahezu perfekt gelungen, moderne mit klassischen Elementen zu paaren. Die silbernen Zugknöpfe für die Lüftungsdüsen sind eine wahre Wucht. Die klassischen Rundinstrumente sitzen in tiefen Höhlen, verzichten sollte Bentley auf das VW-artige Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser. Schließlich prangt in der Mittelkonsole der große Monitor des Navigationssystems (für 1200 Extra-Euro mit Fernseh-Empfang), der statt des Displays für Bordcomputer, Anzeige des Radiosenders, Reifendruckkontrolle genützt werden könnte. Zwei weitere kleine Rundinstrumente (sonst nur Wassertemperatur- und Tankanzeige, in der Mitte des Armaturenbretts sitzt eine kleine Breitling-Uhr) wären schöner gewesen.

Die Vordersitze sind 16fach zu verstellen, außerdem zu beheizen oder zu belüften, es sitzt sich sehr gut darin, auch auf langen Autobahn-Strecken. Hier ist der Bentley doch mehr zu Hause als auf der Landstraße. Souverän schreitet er fort, 220 km/h bringen die Kurbelwelle kaum in Verlegenheit, nur 4000 Mal muß sie in der Minute rotieren. 250 km/h sind mit einer solch spielerischen Leichtigkeit erreicht, daß wir die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 295 km/h gern glauben. Wir hatten keine Gelegenheit, sie zu fahren. Von Schaltvorgängen der Automatik merkt man nichts, und natürlich ist der Bentley auch bei hohem Tempo sehr leise.

Viel zu geringe Zuladung

Nicht ganz klar wird, ob der Wagen ein Auto für den Chef selbst oder eines für den Chauffeur ist. Die Freude beim Fahren spricht für das erste, die riesige Beinfreiheit im Fond für das andere. Allerdings gibt es weder Picknicktische, Kleiderhaken noch Schminkspiegel oder vernünftige Leselampen im Fond. Das ist ein klares Manko, wie wir meinen. Bei Bentley arbeite man daran, hieß es auf Nachfrage. Der Continental ist eben doch mehr ein Auto von der Stange, die Ausstattung ist nicht völlig frei wählbar. "Bur Walnut"-Holz für den Innenraum ist serienmäßig, vier weitere Hölzer zu je 1195 Euro Aufpreis stehen zur Wahl. Oder man entscheidet sich für "Olive Ash" für 2230 Euro extra. Was im Innenraum nicht mit Holz verkleidet ist, versteckt sich unter Leder, auch der Himmel. Elf Rinder müssen ihre Haut für einen Continental lassen.

Zwei Passagiere sitzen im Fond prima, sie genießen fast einen Meter Beinfreiheit; die Bank ist aber etwas flach. Der Mittelplatz ist wie in jedem Allerweltsauto nicht viel mehr als ein Notbehelf, als Viersitzer für 5690 Euro Aufpreis kommt der Bentley mit einer durchgehenden Mittelkonsole im Fond. Sonst hat man in der Mitte eine herausklappbare Armlehne und sogar eine kleine Öffnung zum Kofferraum hin, wenn es zum Skifahren nach St. Moritz gehen soll. Der Kofferraum selbst ist unglaublich tief (1,25 Meter), aber nicht sehr hoch, das Volumen von 475 Liter ist strenggenommen dürftig für die Gesamtlänge. Vielleicht hat das etwas mit der viel zu geringen Zuladung zu tun. Daß eine automatische Kofferraumöffnung 715 Euro Aufpreis kostet, ist kleinlich, zumal sich die schweren Türen elektrisch zuziehen und sonst nicht mit Ausstattung gegeizt wird.

Warum Bentley?

Auch ein Notrad kostet 185 Euro Aufpreis (statt Reparaturkit). Als wohltuend empfinden wir es, daß Bentley nicht jede technische Neuerung, die möglich ist, in den Wagen gepackt hat. Natürlich ist das Fahrwerk mit der Luftfederung elektronisch geregelt, und acht Airbags stehen für den Ernstfall bereit, Xenonlicht erleuchtet die Straße, um Scheibenwischer und Licht muß sich der Fahrer nicht kümmern, wenn er nicht will, aber einen Abstandsregeltempomat gibt es ebensowenig wie ein Head-up-Display oder eine Nachtsichthilfe (Extras aus der neuen Mercedes-Benz S-Klasse). Was es gibt, sind Keyless-Go und ein Startknopf. Der W12-Motor läßt sich zudem konventionell mit dem Schlüssel anwerfen, das Schloß sitzt links vom Lenkrad im Armaturenbrett. Bentley hält eben noch viel vom mündigen Fahrer und warnt ihn auch nicht, wenn er sich nicht anschnallt: weder optisch noch akustisch. Daß der Tankdeckel wie bei einem japanischen Auto mit Knopfdruck geöffnet werden muß und nicht in die Zentralverriegelung einbezogen ist, buchen wir unter britische Schrulligkeit ab. Der Leichtmetall-Tankdeckel entschädigt - für 200 Euro extra.

Spielen Aufpreise in dieser Autoklasse überhaupt eine Rolle? Wahrscheinlich nicht. Auch die 16,8 Liter Sprit (Super Plus sollte es sein), die der Bentley im Schnitt auf 100 Kilometer benötigte, sind kein Kaufhindernis. Jeder Porsche Cayenne Turbo verfeuert mehr.

Warum Bentley? Er ist die ideale Kombination von einem Sportwagen und einer Luxuslimousine: das beste aus zwei Welten. Dazu bietet er lebendige Tradition, die Marke existiert ununterbrochen seit 1919. Wir haben kurze Zeit später einen Maybach 57 S gefahren: Auch nett und noch 50 PS mehr, aber 420 000 Euro? Bentley ist die bessere Wahl, auch die (Erfolg-)Reichen haben nichts zu verschenken. Es sei denn, sie wollen zeigen, wie viel Geld sie haben.



Text: F.A.Z., 20.12.2005, Nr. 296 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
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