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Fahrtbericht: Maybach 57

Auf der vergeblichen Suche nach dem vollkommenen Auto

Von Wolfgang Peters

Der Maybach 57 hat den Fahrkomfort eines fliegenden Teppichs

Der Maybach 57 hat den Fahrkomfort eines fliegenden Teppichs

05. Januar 2005 Wir sind kleine Geister. Mit dieser beschämenden Erkenntnis zu leben wird nicht einfach sein. Gefangen in kleinbürgerlichen Finanzvorstellungen, geprägt vom Raster automobiler Bewertungen über Jahrzehnte hinweg, näherten wir uns dem Maybach 57. Unser Auftrag: Suchet in den Krümeln, und ihr werdet finden. Wir suchten und wir fanden.

Der Maybach 57 ist die kleinere Version im Duo der absoluten Luxusklasse aus dem Daimler-Chrysler-Konzern. Noch länger ist der Typ 62. Weil man den am besten aus dem hinteren Abteil erlebt, gibt es hierzu einen speziellen Bericht auf dieser Seite. Im kürzeren Typ 57 fährt der Chef selbst, und diese Rolle haben wir für unseren Fahrtbericht übernommen.

Mit einem Auto dieser Kategorie wird man rasch zu einer Person des öffentlichen Interesses. Man fühlt sich beobachtet, beäugt, von Neugier begleitet. Aber - und das hat uns doch überrascht - in keinem Fall von vierzehn Kontakten, die wir protokollierten, begegneten wir Häme, bösem Neid oder negativen Beurteilungen. Der Maybach gefällt, er wird akzeptiert, an seiner Größe stößt sich niemand, keiner fragt nach Verbrauch oder Preis. Allerdings, und diese Erfahrung sollte den Marketingstrategen zu denken geben: Die Marke Maybach kannte keiner. Die Einschätzungen bewegten sich zwischen Morris (!), Maserati und Mercedes. Wobei die letztere Vermutung so falsch nicht war, wurde doch der Maybach von Mercedes-Technikern, -Designern und -Kaufleuten auf die Räder gestellt.

Das wird dem Maybach häufig als Nachteil angekreidet. Zu nahe an der S-Klasse, zu wenig innovativ, nicht spektakulär genug oder mit zu weichen Linien gezeichnet, so lauten die häufigsten Argumente gegen die große Limousine. Das endgültige Design ist mittlerweile mehr als vier Jahre alt. Und tatsächlich erscheint es auf den ersten Blick wie die logische Fortsetzung der S-Klasse mit einem überhöhenden Modell. Erst eine intensivere Beschäftigung mit Proportionen und Details läßt die Erkenntnis dämmern: Dies alles ist wohl so gewollt und einem erklärten Ziel untergeordnet worden. Der Maybach sollte unaufdringliche Eleganz ebenso verbreiten wie auf unnötige Aggressionen verzichten. Das erscheint uns durchaus gelungen, aber vielleicht wurden diese Vorgaben deutlich übererfüllt. Sein Auftritt enthält sehr wohl eine kräftige Prise an Prestige, aber man hat mitunter den Eindruck, das Auto entschuldige sich gleichzeitig für seinen - nach den Dimensionen der Alltagsvehikel gemessenen - überwältigenden Auftritt. Der Maybach ist unter den Top-Autos dieser Welt jenes mit dem geringsten Selbstbewußtsein.

Dabei enthält der Maybach genügend Gründe für einen Auftritt mit Pauken und Trompeten: Es gibt kein Auto, das besser federt, das geschmeidiger abrollt, dessen Fahrkomfort in der Summe höher ist und dessen Antriebseinheit konsequenter auf höchstmögliche Bequemlichkeit ausgelegt ist. Hier setzt der Maybach wirklich Maßstäbe, und sein einziger Konkurrent in dieser absoluten Luxusklasse vermeidet mit einem anderen Charakter wohl auch bewußt die Konfrontation auf diesen Gebieten. Die elektronisch gesteuerte Luftfederung des mit Fahrer mehr als 2,8 Tonnen wiegenden Wagens kommt dem Ideal des fliegenden Teppichs sehr nahe. Mit der Gemütslage eines Stoikers absolviert er selbst ärgste Schlaglochpisten und hält die allermeisten Widrigkeiten von seinen Passagieren fern. Das gilt auch für jene Geräusche, die beim Abrollen der Räder auf rauhem Belag oder bei den Bewegungen des Karosseriekörpers unvermeidlich sind. Der Maybach ist ein schweigsamer Riese.

Dabei kommt er niemals ins Wiegen oder Wanken, es wird einfach perfekt gefedert und gedämpft, und dennoch erhält sich das massige Gefährt eine unerwartet hohe Menge an Agilität. Der Maybach ist bereit zum Tanz in den Kurven wie ein austrainierter Sumoringer, der am Tanztheater der Pina Bausch gearbeitet hat. Präzise läßt er sich auf Kurs setzen, unerbittlich zieht er seine Bahn, unerwartet agil folgt er der Biegung, erst bei wirklich hohem Tempo allmählich und ganz sanft auf der Hinterhand etwas leichter werdend. Überraschende oder heimtückische Reaktionen sind ihm fremd, eher ist dem Auto so etwas wie Erstaunen anzumerken, als wir es mit hohem fahrerischen Einsatz über die ebenso einsamen wie schlechten Straßen des inneren Spessarts trieben.

Allerdings fordert die sogenannte Parameterlenkung ein hohes Maß an Gewöhnung. Auf den ersten Millimetern der Volantdrehung fordert sie mehr Kraft als später, es ist zunächst ein kleiner Widerstand zu überwinden. Das führt anfänglich zu einer eckigen Fahrweise, weil man mehr einlenkt als nötig. Die Bremsen sind Gewicht und Geschwindigkeit und der daraus resultierenden dynamischen Energie jederzeit gewachsen. Zudem störte bei vollem Einschlag der Lenkung das pfeifende Arbeitsgeräusch der Servopumpe. Und voll muß man die Räder auch des kleinen Maybach sehr häufig einschlagen. Sein natürlicher Feind sind die genormten Parkhäuser. Die Karosserie ist extrem unübersichtlich, der Blick nach hinten endet an der Heckscheibe und muß ersetzt werden durch die piepende Hilfe zum Abstandhalten.

Der Innenraum des Maybach folgt mit gutem Erfolg der Vorgabe des ultimativen Luxus. Leder, Holz, Flausch, HiFi, Klimatisierung in Bestform, TV-Bildschirme auf der Rückseite der Vordersitze, üppige Fauteuils sind das, die Rückbank hinten ist zweiplätzig, alles läßt sich mit Elektromotoren modifizieren, die Muskelkraft des Fahrers zu bemühen ist in dieser Fahrzeugkategorie offensichtlich ein verwegenes Vorhaben. Die Verarbeitung scheint perfekt zu sein, nirgendwo gibt es feinere Nähte im Leder, kaum jemals sind wir weicher und dennoch entschlossener von einem Sitz empfangen worden, und nur selten verströmen vorzüglich abzulesende Instrumente diese Aura von Präzision. Allerdings wohnt in dieser wohligen Austariertheit von Farben und Formen auch eine gewisse Fadheit. Der Innenraum des Maybach ist wie das wohltemperierte Klavier nach dem sechzehnten Hörerlebnis: Man wartet schon auf den nächsten Klang, auf die nächste Überraschung im Luxus, die dann nicht kommt.

Der in den allermeisten Fahrzuständen nicht zu hörende Motor im Maybach ist ein Statement der seriösen Stärke. Er geht mit der Masse des Wagens derart spielerisch um, daß sie unterwegs in Vergessenheit gerät. Die Fahrleistungen sind hervorragend, man wird sie nur im Alltag nicht so herauskitzeln, wie wir das getan haben. Aus dem Stand wuchtet sich der Maybach unter dem Druck des Fahrerfußes in 5,5 Sekunden auf 100 km/h und läuft bei Tacho 263,4 sehr milde in den auf 250 km/h eingeschworenen Begrenzer. Die Fünfstufenautomatik schaltet spontan und weich, sie wechselt wunschgemäß sofort in den niedrigeren Gang, bei vollem Beschleunigen arbeitet sie mit spürbarem Rucken, und der Motor klingt, als würde er jetzt aus der Kiste springen. Wer sich über den Verbrauch beklagt, ist in diesem Auto fehl am Platze. 16 Liter Super waren unser Mindestverbrauch, erzielt bei gleitender Autobahnfahrt in der Nähe von 150 km/h, die forschen Landstraßenetappen forderten 22 und die wirklich zügig absolvierte Autobahnetappe 26 Liter. Wird das Tankvolumen ausgereizt, dann konfrontiert die Zapfsäule den Fahrer mit einer Rechnung über mehr als 100 Euro.

Rasch zu den Krümeln: Der Maybach 57 ist natürlich teuer; seine Unterhaltskosten sind enorm; ab 220 km/h traten starke Windgeräusche auf; die Rücksitzbank ist nicht variabel; er hat kein Reserverad, und die Kinder sitzen auf den Rücksitzen zu weit entfernt von der väterlichen Hand. Man sieht, der Maybach ist nicht vollkommen. Aber das wußten die Kleingeister schon vorher.

Nächste Woche: Mitsubishi Colt 1.5 DI-D; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 365 400 Euro

Preis des Testwagens 365 400 Euro

Zwölfzylinder-V-Motor, drei Ventile je Zylinder, zwei Turbolader, 5513 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 405 kW (550 PS) bei 6000/min

Höchstes Drehmoment 900 Nm bei 2300/min, 90 Prozent davon ab 1800 bis 4300/min

Erfüllt Euro 4

Automatikgetriebe mit fünf Schaltstufen

Antrieb auf die Hinterräder

Länge/Breite/Höhe 5,72/1,98/1,57 Meter

Radstand 3,39, Wendekreis 13,4 Meter

Leergewicht 2660 (tatsächlich 2780), zulässiges Gesamtgewicht 3260, Anhängelast nicht geprüft; Kofferraumvolumen 500 oder 605 Liter mit Tirefit

Reifengröße 185/65 R15 88H

Höchstgeschwindigkeit 250 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 5,5 s

Verbrauch 16,0 bis 26,0, im Durchschnitt 22,0 Liter Superbenzin je 100 km; Tankinhalt 110 Liter

Versicherungs-Typkl.: HP 24, TK 40, VK 40

Vollkosten je km: keine Angaben

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2005, Nr. 2 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

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