Von Walter Wille
15. Juni 2006 Die Kawasaki ZZR 1400 gibt es hierzulande ausschließlich mit ABS. Das klingt nach Vernunft und Fürsorge. Ja, bei der giftgrünen Marke wird an die Sicherheit der Kunden gedacht. Andererseits ist es so, daß es die Kawasaki ZZR 1400 auch hierzulande ausschließlich mit 190 PS Nennleistung gibt. 190 PS! Das klingt erschreckend.
Es ist erschreckend. Es gibt Gründe, sich diesem Fahrzeug mit Skepsis zu nähern. Die zentrale Frage dabei lautet: Mußte das wirklich sein?
Man kann argumentieren, daß niemand gezwungen ist, diese ungeheure Kraft tatsächlich einzusetzen. Und daß es schon andere Maschinen mit kaum weniger Dampf gibt. Doch das stärkste Serienmotorrad der Welt, seit dieser Saison auf dem Markt, setzt ein Zeichen, und es gibt Zweifel, ob es das richtige Zeichen ist. 190 PS (140 kW) bei 9500 Kurbelwellenumdrehungen in der Minute; unter Berücksichtigung des Staudruckeffekts, der für eine zusätzliche Beatmung des Vierzylinders über einen Luftschacht zwischen den Scheinwerfern (Ram air) sorgt, errechnet Kawasaki sogar 200 PS. Das reicht theoretisch für eine Höchstgeschwindigkeit von weit mehr als 300 km/h. In der Praxis wird bei 298 abgeregelt. Es kann gut sein, daß andere Hersteller das Vorpreschen Kawasakis nicht einfach so hinnehmen werden. Von einer neuen, nochmals erstarkten Version der Suzuki Hayabusa ist schon die Rede. Vielleicht ist es Zeit für eine Abrüstungskonferenz.
Aussehen: Nicht gerade sympatisch
Die Kawa ist moralisch angreifbar. Ihr Aussehen macht sie für Außenstehende auch nicht gerade sympathisch. Mit solch einem Gesicht erschreckt man junge Mütter und ältere Passanten, ein unverwechselbares Flutlicht-Arsenal dominiert die Front. Das ganze Design sprüht nicht gerade vor Leichtigkeit und Finesse, es zeugt mehr von der Ernsthaftigkeit der Aerodynamiker als von der Kreativität der Ästheten. Allein die strömungsoptimierte Formgebung der Rückspiegel sieht nach mancher japanischen Überstunde in dieser Hinsicht aus. Niedrig und gestreckt steht die ZZR da, mit dem weit nach vorn gezogenen Bug sieht sie aus, als versuche sie ständig, das eigene Vorderrad zu überholen. Und die Fahrbahn vor sich zu räumen. Die Versuchung ist groß, diesem Ding wegen Sittenwidrigkeit die Daseinsberechtigung abzusprechen.
An dieser Stelle aber nimmt der Artikel eine Wendung, die wir zunächst selbst nicht für möglich gehalten hätten: Das Motorrad widersetzt sich nämlich hartnäckig allen Versuchen, nicht gemocht zu werden. Auf den ersten Kilometern: Stau in der Stadt, vollkommene Verstopfung. Die ZZR gleitet hindurch mit einer Beweglichkeit, die man ihr nie und nimmer zugetraut hätte. Mit sattem Vierzylinderklang, aber ohne Gebrüll ist man unterwegs, überraschend entspannt ohne Gefahr des Abwürgens, ohne Schweiß auf der Stirn. Mit ruckfreier Fahrt ab Standgas, einem präzisen, geräuschlosen Getriebe, wie man es sich wünscht (nur der erste Gang rastet oft mit einem fürchterlichen Schlag ein). Erstaunlich klein der Wendekreis, und die rund fünf Zentner Kampfmasse fallen gar nicht so auf dank einer gelungenen Gewichtsverteilung. Respekt.
Motor: bewundernswert abgestimmt
Draußen auf der Landstraße gibt sich die Maschine unerwartet gutmütig - zumindest bei niedrigen Drehzahlen. Auch ein entschlossener Dreh am Gasgriff führt nicht gleich dazu, daß sie ihren Hinterreifen verschmirgelt oder eine Furche in den Asphalt zieht. Statt dessen geschmeidige, berechenbare Kraftentfaltung, selbst auf nasser Fahrbahn gut zu dosieren, hohe Laufruhe, weder lästige Vibrationen noch unangenehme Lastwechsel. Kawasakis Entwickler haben enorm viel Arbeitsaufwand in die "Fahrbarkeit" der Maschine gesteckt, um zu verhindern, daß sich Unvorsichtige oder Unbedarfte mit einem Zucken der rechten Hand gleich die Böschung hinunterkatapultieren. Man kann natürlich darüber ins Grübeln kommen, welchen Sinn es hat, ein Zweirad mit einem derartigen Potential auszustatten, um es zugleich unter größter Anstrengung so weit zu zähmen, daß es ohne Waffenschein in fremde Hände gegeben werden darf. Die Abstimmung des Motors jedenfalls ist auf bewundernswerte Weise gelungen.
Das Erlebnis unbeugsamen Durchzugs aus niedrigen Drehzahlen bleibt die Kawa schuldig. Überholvorgänge aus dem Handgelenk schütteln können andere genausogut, auf der Landstraße hat man - bei normaler Fahrweise - vielen Mittelklassemotorrädern eigentlich nichts voraus. Die ZZR verlangt - trotz ihrer fast 200 PS aus 1352 Kubikzentimeter Hubraum - nach dem Einsatz des Getriebes. Sehr schaltfaul gefahren, ist das Erlebnis nicht betörend. Bis 4000 Umdrehungen ist die Glut nur am Glimmen. Aber dann.
Wie eine Rakete nach vorne
Dann zündet die zweite Stufe, ab 6000/min lodern die Flammen wie wild. Wenn es soweit kommt, sollte man sich auf einer Autobahn befinden, auf einer ganz leeren. Dort bewegt sich die Kawasaki wie ein Strahl. Dort fühlt man sich wie Zorro, der notorischen Linksfahrern in Premiumkarossen im Vorbeihuschen ein "ZZR" aufs Dach ritzen könnte. Bei 11000 Umdrehungen beginnt der rote Bereich, dann ist man im ersten Gang bei 130 km/h, im zweiten bei 180, im dritten bei 220 und im vierten bei 260. Im fünften erreicht die Tachonadel das Nirwana jenseits von 280, wo in einem kuriosen Akt politischer Korrektheit die Beschriftung endet. Ohne Ermüdungserscheinungen stürmt das Motorrad im sechsten weiter und treibt die Nadel bis an den Anschlag, was knapp 300 bedeuten muß.
Wir haben es einmal getan, nicht weil wir große Lust dazu verspürt hätten, sondern weil wir das Gefühl hatten, es einmal tun zu müssen. Die Kawasaki vermittelt dabei nicht den Eindruck von Unsicherheit; Fahrwerk und Bremsanlage schaffen höchstes Vertrauen. Bei 200 liegt sie wie ein Brett, und auch weit darüber hinaus ist sie durch nichts zu beirren. Das Problem ist, daß sich die Autobahn zu einem schmalen Streifen verzerrt, auf dem andere Verkehrsteilnehmer wie festgenagelt herumstehen. Es darf bezweifelt werden, daß jeder einschätzen kann, mit welcher Raketenartigkeit da etwas von hinten heranschießt. Zumal Autofahrer einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit mittlerweile dem Telefonieren, Navigieren und ihrem Entertainmentsystem widmen müssen.
Wenn es so einfach wäre
Die eigenen, übersichtlichen Instrumente liegen perfekt im Blick, die Anordnung von Stummellenker, Sitzbank und Fußrasten sorgt für eine sportliche Grundeinstellung des Körpers, dennoch lassen sich zwei, drei Stunden im Sattel beschwerdefrei aushalten. Die Kawa hat Tourerqualitäten, ist viel komfortabler, als sie aussieht, auch für zwei. Der 22-Liter-Tank ermöglicht ordentliche Reichweiten, obwohl man sich nicht anstrengen muß, um auf einen Verbrauch von sieben Liter Super auf 100 Kilometer zu kommen. Daß die Maschine nur die Euro-2-Abgasnorm erfüllt, ist nicht mehr zeitgemäß, der Preis von rund 14000 Euro aber recht fair.
Man könnte alles Macho-Gehabe, das Getöse um das stärkste Serienbike einfach zu ignorieren versuchen, Tempo 298 als rein theoretische Größe betrachten und diese Kawa schlicht ein gutes, beherrschbares, gastfreundliches Motorrad sein lassen. So einfach ist es aber wohl nicht.
Text: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite T4
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