Fahrtberichte

Fahrtbericht Ford Focus TDCi Titanium

Die neue Freude am Auto der Vernunft

Von Wolfgang Peters

20. Oktober 2004 Jetzt ist Ford am Zuge. Mit dem neuen Focus, der am 13. November bei den Händlern steht, könnte es zu einer Kölner Eröffnung kommen, die in wenigen Zügen alle Herrscher auf dem Schachbrett des Marktes ins Wanken bringt. Der Focus in der jüngsten Generation ist mit allen Konkurrenten gleichauf, in etlichen Punkten übertrifft er sie sogar. Er hat in den meßbaren Disziplinen unserer Alltagsfahrten keine wirklichen Schwächen gezeigt und muß nur in den Kategorien subjektiven Inhalts Trübungen hinnehmen.

Vom Start weg gibt es den neuen Focus als Schrägheck-Limousine mit zwei und vier Türen, jeweils mit Heckklappe, oder als viertürigen Kombi, der bei Ford seit je Turnier heißt. Zur Wahl steht eine große Focus-Familie, die erste Preisliste enthält etwa 115 Varianten, man kann mit fünf Ausstattungsstufen und vier Otto- sowie zwei Dieselmotoren, mit Fünf- oder Sechsganggetrieben sowie mit konventioneller Automatik oder mit der stufenlos schaltenden CVT-Box herumspielen. Die Preise reichen von 14 375 Euro bis 24 425 Euro. Wir haben den Focus jetzt in der üppigen Titanium-Version gefahren, angetrieben von dem in Kooperation mit Peugeot entstandenen Zweiliter-Common-Rail-Diesel. Serienmäßig sind hier das Sechsganggetriebe und der Dieselpartikelfilter.

Der Focus I hatte 1998 mit seinem New-Edge-Design, das sich aus geometrischen Flächen und gewölbten Formen ergab, für Aufregung gesorgt. Auch am Armaturenträger tobten sich die Designer aus. Damit ist beim Focus II Schluß, man kehrt wieder zurück zu einem eher konservativen Auftritt. Das ruft wiederum Kritik hervor: Die viertürige Schrägheck-Limousine sei hausbacken, das Heck pummelig, und irgendwie wirke die Karosse unharmonisch. Der Vorgänger erschien uns zwar wirrer, aber gleichzeitig schärfer und in sich konsequenter. Doch der neue Focus tritt gewichtiger und selbstbewußter auf, besonders die Frontpartie macht sich breit und deutet schon an, was sich beim näheren Kennenlernen offenbart: Ford bietet wieder viel Auto fürs Geld. Außerdem zeigt sich, daß die Kerle in Köln nicht nur ein neues Auto auf die Räder gestellt, sondern sich dabei auch noch Gedanken gemacht haben. Manchmal meint man sogar, sie sorgten sich um die Menschen, die künftig mit ihrem Produkt zu leben haben. Der Focus II ist gefüllt mit einer Aura des erfolgreichen Bemühens um ein angenehmes Leben auf Rädern, das nicht in Luxus abkippt. Der neue Schlüssel trägt sich ohne Gefahr für das Sakkofutter, der Türgriff ist stabiler als anderswo, die Tür öffnet weit, man steigt vorn und hinten gut ein, der Sitz ist bequem und nicht zu weich, er hat einen weiten Verstellbereich, die Gurte liegen prima, alle Schalter und Hebel passen, es gibt genügend Ablagen, das Handschuhfach wird gekühlt: alles einfache Dinge, deren Summe zum Wohlfühl-Ambiente wird. Der Armaturenträger macht sich nicht mehr so wichtig wie im Vorgänger, alles ist schlicht und wirkt hochwertig und ist zudem noch übersichtlich. Die Ausstattung der Titanium-Version läßt kaum noch Wünsche offen, die automatische Klimaanlage kommt hier serienmäßig, mit manueller Bedienung ist sie mit Ausnahme der Einstiegsvariante ebenfalls im Serienumfang aller Focus enthalten. Diese schlichten Gebrauchseigenschaften des Focus II sind kaum noch zu übertreffen. Allerdings wirkt gerade diese Ausgewogenheit des Praktischen ein wenig langweilig. Zudem entdecken wir doch Grund zum Mäkeln: Besonders bei Dunkelheit kommt es zu lästigen Spiegelungen der beiden wuchtigen Dachsäulen vorn in der Windschutzscheibe. Und bei hohem Tempo entstehen starke Windgeräusche, die von den hinteren Tür- und Fensterdichtungen sowie dem oberen Anschlag der Heckklappe initiiert werden.

Mit seinen Abmessungen definiert der Focus II eine neue Dimension in der kompakten Mittelklasse. Er ist VW Golf und Opel Astra im Radstand überlegen, er ist breiter und länger, aber niedriger. Daraus resultieren großzügige Wohnverhältnisse. Weil der Focus sogar breiter ist als der Markenbruder Mondeo, steht einem komfortablen Aufenthalt für fünf Passagiere nichts entgegen. Das gilt auch für die Kopffreiheit hinten, das abfallende Dach hat keine räumlichen Nachteile. Auch beim Kofferraumvolumen setzt der Focus mit 385 Liter den Maßstab. Die Ladekante hält sich allerdings fast 70 Zentimeter über dem Niveau der Straße auf. Umgeklappt wird die Rücksitzbank (ein Drittel zu zwei Drittel geteilt) mit zwei Handbewegungen. Der Laderaum ist an den Seiten gut verkleidet, auf dem Boden macht sich allerdings billige Auslegeware breit, und das Reserverad ist nur ein Notrad. Die Verarbeitung des Ford Focus II gibt keinen Anlaß zur Kritik. Überall sind die Fugen schmal, die Kunststoffe im Innenraum wirken wertvoll, Kanten sind sorgfältig entgratet, Hebel und Schalter vermitteln ein gutes Gefühl beim Anfassen. Sehr steif wirkt die Karosserie, Rumpeln, Klappern oder Knarzgeräusche gibt es selbst auf ganz schlechten Straßen nicht zu hören. Der Focus II wirkt solide.

Um den Antrieb kümmern sich der drehmomentstarke Turbo-Diesel und ein überaus präzise zu schaltendes Sechsganggetriebe. Es ist in den unteren Gängen gut auf das Triebwerk abgestimmt. Schon die fünfte Schaltstufe ist freilich zu sehr auf Senkung der Drehzahl ausgelegt, und die sechste ist erst von 80 km/h an vernünftig einzusetzen. Der sanft klackernde Motor ist ein Flüsterdiesel der jüngsten Common-Rail-Generation, er sorgt für gute Fahrleistungen, und in Verbindung mit dem Partikelfilter genügt er Euro 4. Ohne Filter schafft er nur Euro 3, dann ist das Auto aber auch 600 Euro billiger. Im Alltag fällt die Anwesenheit des Filters nicht unangenehm auf. Auch auf den Verbrauch hat er keine negativen Auswirkungen: 7,4 Liter auf 100 Kilometer ist guter Durchschnitt und liegt deutlich über jenem Wert, der aus der Norm heraus entsteht. Das erklärt sich aus den Einsatzbedingungen des Testwagens (hoher Anteil schneller Autobahnfahrten und strapaziöse Meßetappen). Deutlich sparsamer läßt sich der Focus bewegen, wenn man etwas Rücksicht übt. So errechneten wir nach der wie immer gefahrenen Verbrauchsrunde mit je einem Drittel Landstraße, Autobahn (130 km/h als Limit) und Stadt sehr günstige 5,5 Liter. Der Tank faßt 53 Liter, Volltanken ist zeitraubend.

Schon die erste Focus-Generation wurde ob ihres Fahrwerks gelobt. Auch beim Focus II gibt es hier Anlaß zum Schulterklopfen. Er ist komfortabel gefedert und gedämpft, Unebenheiten aller Art werden ohne unhöfliche Erschütterungen gut weggesteckt. Gleichzeitig ist in Kurven und beim Bremsen eine schöne Menge Straffheit vorhanden. Daraus resultiert in Zusammenarbeit mit der sehr direkt, aber ohne jede Nervosität und ohne Antriebseinflüsse ans Werk gehenden elektrohydraulischen Servolenkung eine überaus hohe Agilität. Der über die Vorderräder angetriebene Focus II freut sich auf Kurven, er zeigt bis in hohe Geschwindigkeiten hinein ein sehr neutrales Kurvenverhalten, und beim Gaswegnehmen dreht er sich leicht und gut kontrollierbar, die Handlichkeit erhöhend, in die Biegung hinein. Sein Geradeauslauf ist unerschütterlich, er reagiert etwas empfindlich auf Seitenwind.

Der Focus II ist in seiner viertürigen Form ein überaus vernünftiges Auto ohne spektakulären Auftritt. Vielleicht ist er zu sehr vernünftig und zu unauffällig. Aber die Karosserievariante mit zwei Türen ist eine Spur exaltierter, und sie sollte auch mehr Emotionen mit sich führen. Als wir Freunden den Focus II neben dem neuen Einser-BMW zeigten, waren sie beeindruckt. Diesen Focus hätten sie Ford nicht zugetraut. Aber, sagten sie, er bleibt noch immer ein Ford. Manchmal hat man wirklich die falschen Freunde. Denn jetzt ist Ford am Zuge.

Nächste Woche: Mercedes-Benz A 170 Classic

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 23 400 Euro

Preis des Testwagens 23 400 Euro

Vierzylindermotor, Common-Rail-Diesel, Abgasturbolader, vier Ventile je Zylinder, 1997 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 100 kW (136 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 320 Nm bei 2000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1800 bis 3000/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Sechsganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,34/1,84/1,44 Meter

Radstand 2,64, Wendekreis 10,8 Meter

Leergewicht 1424 (tatsächlich 1468), zulässiges Gesamtgewicht 1875, Anhängelast 1500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 385/1245 Liter

Reifengröße 205/55 R 16 91 V

Höchstgeschwindigkeit 205 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 9,8 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 7,0/15,0 s

Verbrauch 5,5 bis 8,1, im Durchschnitt 7,4 Liter Diesel je 100 km, Tankinhalt 53 Liter

Versicherungs-Typklassen HP 18, TK 23, VK 20

Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,32 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2004, Nr. 244 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Ford

 
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