Fahrtberichte

Fahrtbericht Smart forfour passion 1.3

Aus einer Marketingidee wird allmählich eine Automarke

Von Boris Schmidt

07. Juli 2004 Ein Smart ist nicht irgendein Auto. Seit bald sechs Jahren gibt es den zweisitzigen Stadtflitzer schon, und er hat unsere Auto-Sicht verändert. Wir wissen jetzt: Zwei Sitze genügen, und kleine Autos können Spaß machen. Eigentlich verwunderlich, daß sich noch kein anderer Hersteller in das neue Segment gewagt hat. Smart sucht jetzt die Konkurrenz und ist nach dem Roadster-Zwischenschritt endgültig im Markt angekommen. Aus der marketinggeförderten Öko-Idee eines Uhrenfabrikanten ist eine Automarke geworden. Fortan hat auch ein Smart vier Türen und vier Sitze. Alle, die sich durch die Zweisitzigkeit ausgeschlossen fühlten, dürfen Platz nehmen: Tatsächlich sei die fehlende Rückbank bisher immer der Hauptgrund gewesen, einen Smart nicht zu kaufen, auch bei den Fans der Marke, sagen die Marketingstrategen.

Und der forfour heißt nicht nur so, er ist tatsächlich ein Auto für vier Personen (und eine Kleinigkeit Gepäck). Aufgrund seiner Zweifarbigkeit und des vom kleinen Bruder übernommenen Karosseriekonzepts mit der Tridon-Sicherheitszelle ist er sofort als Familienmitglied zu erkennen; auch die Heckpartie mit den jeweils drei übereinanderstehenden Rundleuchten erinnert stark an den kleinen Bruder. Da es drei Farben für die Außenteile der Tridon-Zelle gibt (Silber, Schwarz, Titan) sowie zehn weitere für die übrige Karosserie und dazu vier für den Innenraum, steht nach einer Kaufentscheidung ein munteres Farbenpuzzle an.

Zuvor sollte man sich Gedanken über den Motor machen, wobei sich Dieselfreunde noch bis September gedulden müssen. Zur Zeit hält Smart drei Ottomotoren parat: Der kleine Dreizylinder mit 1,1 Liter Hubraum dürfte freilich etwas überfordert sein, obwohl der forfour zu den wenigen Autos gehört, die weniger als eine Tonne wiegen. Den 1,3-Liter-Vierzylinder mit 70 kW (95 PS) erlebten wir als überaus ausreichende Motorisierung für alle Tage. Daneben gibt es noch einen 1,5-Liter-Motor mit 80 kW (109 PS). Weil man nicht zu bescheiden sein will, wählt man zum 1.3 die Ausstattungslinie "passion" und fährt dann ein trendiges Stadtmobil mit Überlandtauglichkeit für reichlich 16 000 Euro.

Im Innenraum ist der 3,75 Meter lange forfour weitaus weniger verspielt als der kleine 2,50-Meter-Smart. Helle Farben (in unserem Fall eine Art Orange, "brick red" genannt) im Mix mit Silbergrau schaffen eine helle und freundliche Atmosphäre, das Glasdach (bei "passion") trägt sein Teil dazu bei. Die Sitze sind sehr bequem und bewähren sich auch auf langen Strecken. Tacho und Drehzahlmesser schauen aus zwei Röhren aus dem Cockpit hervor, der Tacho ist leider schwer abzulesen (30er-Einteilung) und nachts nur funzelig beleuchtet. Dafür zeigt er absolut exakt an. Wer eine analoge Zeituhr und ein Kühlwasserthermometer will, bekommt diese für 140 Euro Aufpreis auf das Armaturenbrett gepflanzt. Leider finden sich die Knöpfe für die elektrischen Fensterheber zwischen den Sitzen - das reduziert die Produktionskosten. Zentralverriegelung mit Fernbedienung ist generell serienmäßig, elektrische Fensterheber hinten und elektrisch verstellbare Spiegel kosten bei "passion" Aufpreis. Unbedingt gönnen sollte man sich das große Schiebedach (bei "passion" nur 350 Euro). Es macht die serienmäßige Klimaanlage fast überflüssig und sorgt dank Windschutz erst oberhalb von etwa 110 km/h für unangenehmes Getöse.

Im Fond sitzt man erstaunlich gut, allerdings nur, wenn die verschiebbare Rückbank (15 Zentimeter) in der hintersten Position verharrt. Dann bleibt nur noch Raum für einen stehenden Koffer. 120 Euro Aufpreis kostet es, wenn man einen Smart "forfive" fahren will. Der dritte Rückbank-Passagier bekommt einen Dreipunktgurt und eine Kopfstütze. Das Verschieben der Bank geht mittels eines Hebels ganz leicht. Selbstverständlich können die Sitzbanklehnen umgeklappt und die zusammengefaltete Bank senkrecht gestellt werden. Dann ergibt sich eine Laderaumlänge von 1,15 Meter. Smart gibt die maximale Kofferraumkapazität mit 910 Liter an. Es könnten gut 150 Liter mehr sein, wenn sich die Bank gänzlich entfernen ließe. Nicht zu haben ist eine Kofferraumabdeckung, statt dessen ist ein Heckscheibenrollo im Angebot (65 Euro). Ein modernes Auto wie der Smart hat natürlich kein Reserverad, sondern für den Notfall ein Pannenset mit kleinem Kompressor, wahlweise kann man ein Notrad haben. Was bei unserem Smart immer wieder auffiel, waren die sehr schlecht schließenden Türen, außerdem war die linke hintere Tür nicht perfekt eingepaßt.

Im übrigen wurde das Verhältnis zum Smart noch in zwei weiteren Punkten getrübt: Der Wagen wird bei hohen Geschwindigkeiten sehr laut, und die Übersichtlichkeit ist sehr schlecht. Das Umdrehen beim Rückwärtsfahren kann man sich sparen, weil man wegen der dicken C-Säulen und dem nach hinten abfallenden Dachabschluß fast nichts durchs Rückfenster sieht. Da kann man sich gleich an den Außenspiegeln orientieren. Daß Parksensoren nicht angeboten werden, ist unverständlich, denn andere eher luxusorientierte Technik-Extras sind sehr wohl zu haben: Regensensor (nur in Kombination mit Scheinwerferreinigung, 230 Euro), Navigationssystem (von 1700 Euro an) oder Ledersitze (1350 Euro). Ein Radio ist nicht im Lieferumfang enthalten, das billigste kostet (mit CD-Player und zwei Lautsprechern) 450 Euro.

Fahrerisch gibt sich der große Smart keine Blöße. Er ist ein agiler Stadtflitzer, der mit Verve auf der Landstraße in die Kurven geht und dabei sehr lange neutral bleibt. Wer es zu toll treibt, der kann immer noch auf die Hilfe des ESP hoffen. Das nicht abschaltbare elektronische Stabilitätsprogramm ist wie ABS samt Bremsassistent, vier Scheibenbremsen, vier Airbags für Fahrer und Beifahrer überall Grundausstattung. Windowbags (von der A- bis zur C-Säule) erfordern dagegen 250 Euro Zuzahlung. Sicherheitstechnisch brennt also nichts an, die Bremsen überzeugen mit Standhaftigkeit und kurzen Anhaltewegen. Die Servolenkung arbeitet hinlänglich präzise, sie läßt vielleicht etwas Gefühl vermissen, aber wir wollen nicht kleinlich sein. Das gleiche Urteil kann man über die Federung fällen: durchaus vorhanden, aber von gesunder Härte. Das Sportfahrwerk (690 Euro) dürfte in dieser Hinsicht deutliche Defizite bringen. Besonders wichtig: Endlich gibt es einen Smart mit einer herkömmlichen Schaltung. Das Fünfganggetriebe arbeitet prima mit dem Motor zusammen, es gibt nichts zu kritisieren, außer daß die Schaltwege etwas kürzer sein könnten. Der Schaltknauf ist bei "passion" wie das Lenkrad mit Leder bezogen, er liegt sehr gut in der Hand. Das aus den übrigen Smart bekannte und wegen der langen Schaltpausen oft bemängelte automatisierte Sechsganggetriebe kostet 550 Euro Aufpreis.

Die 70 kW (95 PS) ergeben für ein 970-Kilo-Auto kein schlechtes Leistungsgewicht: In 11 Sekunden kann man von 0 auf 100 km/h spurten, maximal sind 186 km/h möglich. Auch bei diesem hohen Tempo - unser Smart lief 6 km/h mehr als versprochen - liegt der Wagen satt und sicher auf der Straße, der Geradeauslauf ist vorzüglich. Aufgrund des lärmigen Motors erscheinen aber 140 km/h (bei 4000/min) als ideale Reisegeschwindigkeit. Zu loben ist das Triebwerk für seine ziemlich sauberen Abgase (alle Motoren erfüllen die Euro-4-Norm), und mit Kraftstoff geht es einigermaßen genügsam um. Ein Schnitt von 8,1 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer ist zwar nicht rekordverdächtig, aber akzeptabel, zumal der Wagen fast immer stark gefordert wurde.

Der Smart forfour legt im Segment der Kleinwagen auf Anhieb einen beachtenswerten Auftritt hin. Er sollte seinen Weg machen, auch weil der kleine Smart so eine prächtige Vorarbeit geleistet hat. Kaum etwas spricht gegen den forfour (der Preis vielleicht); wie akzeptiert teure Kleinwagen mit Aussage zur Zeit sind, zeigt der große Erfolg des Mini. Und der ist allenfalls ein 2+2-Sitzer.

Nächste Woche: Honda Accord 2.2-CDTi; weitere Artikel unter www.FAZ.net/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 16130 Euro, Preis des Testwagens 18155 Euro

Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1332 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 70 kW (95 PS) bei 6000/min

Höchstes Drehmoment 125 Nm bei 4000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 3600 bis 5800/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,75/1,68/1,42 Meter

Radstand 2,50, Wendekreis 10,50 Meter

Leergewicht 970 (tatsächlich 995), zulässiges Gesamtgewicht 1455, Anhängelast 750 Kilogramm

Kofferraumvolumen 268/910 Liter

Reifengröße 195/50R1582H

Höchstgeschwindigkeit 186 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 11,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 14,6/20,5 s

Verbrauch 7,7 bis 8,8, im Durchschnitt 8,1 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 47 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 13, TK 27, VK 16

Vollkosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,29 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2004, Nr. 154 / Seite T3
Bildmaterial: , F.A.Z., Smart

 
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