Fahrtberichte

Fahrtbericht: Fiat Grande Punto 1.3 Multijet (75 PS)

Ein Retter soll er sein

Von Gerold Lingnau

15. März 2006 So klein und schon so verantwortungsbeladen: Der neue Fiat Punto soll den matten Turiner Konzern wieder in eine leuchtende Zukunft führen und seine Kompetenz in Sachen Kleinwagen dick unterstreichen. „Aber ich bin doch gar nicht klein“, protestiert der Neue und buchstabiert uns noch einmal ganz langsam seinen Namen: G-r-a-n-d-e Punto, könnt ihr nicht lesen? Nun, Größe ist relativ, doch der Große Punkt ist in der Tat fast 20 Zentimeter länger als sein Vorgänger, der deswegen aber nicht piccolo hieß. Damit folgt der jüngste Fiat dem Trend der ehemaligen Kleinwagen, über die vier Meter hinauszuwachsen, in eine Region, die unlängst noch untere Mittelklasse hieß - und deren bisherige Bewohner sich längst in Richtung echte Mittelklasse aufgemacht haben.

Aber auch in absoluten Zahlen kann dieser Punto punkten. Seine Innenraumlänge hat sogar Mittelklasse-Maß: Das heißt, die Vorn- und die Hintensitzenden müssen nicht dauernd faule Kompromisse schließen, sondern haben jeder für sich auskömmlichen Knieraum (und reichlich Kopfhöhe). Auch für fünf ist es erträglich, der Mittelplatz hinten ist kein Armesündersitz. Die vorderen Sessel haben sogar höchst bequeme Abmessungen. Mit seiner äußeren Form, die den italienischen Stil wieder beherzter herauskehrt, ist der Grande Punto fast schon ein Minivan. Die riesige und sehr schräge Frontscheibe wächst fast ohne Knick aus der Motorhaube und fließt ebenso glatt ins Dach. Daraus ergeben sich ein sehr großzügig anmutender Innenraum und andererseits die Nachteile des Van-Formats: Vom Bug sieht der Fahrer absolut nichts, und der Einstieg ist nur hinten wirklich bequem, weil sich der Türausschnitt dort mehr dem Rechteck nähert. Der Zwei- und der Viertürer sind sich im Design sehr nahe, und so empfehlen wir sehr die zusätzlichen Zugänge, auch wenn sie 650 Euro mehr kosten.

Auch in Turin kann man nicht zaubern

Im Innenraum hat sich Fiat viel Mühe gegeben, zu beweisen, daß man ohne allzu großen Aufwand eine wohnliche, ja heitere Umgebung schaffen kann. Die Farbe der Sitz-Mittelbahnen kehrt als Kontrast im Armaturenbrett wieder, und das sah bei unserem Wagen - Außenlackierung in Psychedelic(!)-Blau - ansteckend fröhlich aus. Abgesehen davon, daß sich nicht einmal Fahrer und Beifahrer ihre Gurte autonom in der Höhe einstellen können, fehlt es nicht an den zeitgemäßen Sicherheitsvorkehrungen: fünf Kopfstützen (einstellbar und hoch genug, vorn gegen Aufpreis auch aktiv), sechs Airbags, zwei Isofix-Kindersitzhalterungen im Fond. Vermißt haben wir einen asphärischen Außenspiegel. Bei den Instrumenten herrscht - nach einzelnen Turiner Sündenfällen - wieder konservativer Geist. Sie liegen direkt im Blickfeld des Fahrers und sind, wie auch Hebel und Schalter, von schöner Zweckmäßigkeit. Die Ablagen sind ungleich verteilt: vorn hui, hinten pfui. Da hätte man besser bei den Minivans abgeguckt.

Die Insassen können ihre Reise also guter Dinge antreten - bis sie merken, daß man auch in Turin nicht zaubern kann. Denn die Annehmlichkeiten des Innenraums gehen zu Lasten des Gepäcks. Hier kann der Punto als Fünfsitzer nur 275 Liter Volumen aufbieten, und das ist gar nicht grande: Der zwölf Zentimeter kleinere VW Polo hat genausoviel und der ebenfalls kürzere neue Renault Clio sogar mehr. Natürlich kann man den Fiat-Kofferraum mit Klappen der geteilten Rückbank vergrößern. Dann wächst die Ladelänge auf fast 1,30 Meter, doch dabei entsteht eine 7 Zentimeter hohe Stufe. Störend beim Verstauen ist auch die recht kleine Heckklappe, an der die hohe Bordwand des Gepäckabteils schuld ist: Ihretwegen muß man alles Ladegut 75 Zentimeter hochheben und dann wieder 25 Zentimeter hinabsenken. Unter dem Kofferraumboden ruht ein vollwertiges Ersatzrad - wenn man für 50 Euro das serienmäßige Reparaturkit abgewählt hat.

Akustisch ein Charmeur

Bei den Motoren für den Grande Punto herrscht kein Mangel an Auswahl. Es gibt zwei (und bald drei) Benziner und vier Diesel, von 48 kW (65 PS) bis 70 kW (95 PS). Wir hatten es mit dem kleinsten der Diesel-Fraktion zu tun, einem 1,3-Liter-Common-Rail-Direkteinspritzer mit vier Zylindern, der aus der Zusammenarbeit mit Opel stammt und auch im dortigen Programm heimisch ist. Beim Punto gibt es ihn in zwei Leistungsstufen - 75 und 90 PS -, und wäre da nicht der happige Preisunterschied von 850 Euro, würden wir noch leichteren Herzens von dem schwächeren abraten. Nicht daß der große kleine Fiat damit kraß untermotorisiert wäre: Das Maschinchen tut sein Bestes, ihn nicht zum Underdog im Verkehr zu stempeln. Aber die 165 km/h Höchstgeschwindigkeit (unser Exemplar erreichte nur 161) sind ebenso wie die 16 Sekunden von 0 auf 100 km/h, die statt der versprochenen 13,6 zustande kamen, für den hektischen Verkehrsalltag von heute sehr knapp bemessen. Zudem ist der 5. Gang auch für das kräftige Drehmoment des Motors fast zu lang übersetzt, angemessen flottes Vorankommen setzt somit häufige Gangwechsel voraus, und dabei stört das mulmige Wesen der Schaltung. Auch akustisch ist der Vierzylinder kein Charmeur: Er nagelt deutlich hörbar in allen Lebenslagen. Und im Verbrauch kann er ebenfalls keine Wunder wirken, weil er einschließlich Fahrer schon weit mehr als 1300 Kilogramm zu schleppen hat. Da muß man ihm den Durchschnitt von 6,4 Liter Diesel je 100 Kilometer nicht zum Vorwurf machen.

Von einem italienischen Auto erwarten wir Nordländer Leichtfüßigkeit und quirliges Temperament: Und da enttäuscht der Grande Punto, was sein Fahrwerk betrifft, auf keinen Fall. Er liebt Kurven und macht nie Anstalten, den Radius mit dem Bug in Geradeausrichtung zu verlassen. Auf plötzliches Gaswegnehmen reagiert sein Heck sogar ein bißchen zum Außenrand hin, so daß man mühelos und mit wenig Lenkarbeit jede Schlängelstraße meistert. Trotzdem ist es nicht sehr freundlich von Fiat, ESP erst mit der 90-PS-Version des Motors anzubieten (gegen 500 Euro Aufpreis). Weniger vermißt man die damit verbundene Antriebsschlupfregelung, denn Traktionsschwierigkeiten kennt der Punto selbst auf winterglatten Straßen kaum. Bei der Lenkung hat man - eine Fiat-Spezialität - auf Knopfdruck die Wahl zwischen einem normalen und einem besonders leichtgängigen City-Modus. Dieser paßt auch außerhalb der Stadt gut zum Charakter des Punto, zumal die Normal-Option um die Mittellage stets etwas verklemmt wirkt. Gute Arbeit leisten die Bremsen, doch weniger Freude macht der Federungskomfort: Das Fahrwerk des Fiat ist sehr straff, fast hart abgestimmt, grobe Stöße kommen fühlbar im Innenraum an, auch Poltergeräusche sind dann zu hören.

Das Grundmodell ist ordentlich ausgestattet

Unter den derzeit 19 Motor- und Ausstattungskombinationen des Grande Punto liegt der 1.3 Multijet im Mittelfeld. Als Viertürer in der Version Dynamic steht er mit 14.650 Euro in der Liste. 1310 Euro spart man, wenn man die Basisausführung Active nimmt, verzichtet dann aber auf die Klimaanlage (die beim Dynamic für 300 Euro Aufgeld sogar zur Zweizonen-Klimaautomatik wird), die asymmetrisch klappbare Rückbank, die Funkfernbedienung für die Zentralverriegelung und ein paar andere Dinge. Aber das Grundmodell ist schon ordentlich ausgestattet, nur kann man es nicht mit dem 90-PS-Diesel bekommen, ebensowenig wie den 75-PS-Multijet mit dem Top-Paket Emotion. Da heißt es, seine Wahl klug zu treffen. Das Zeug zu Fiats Renner hat der vergrößerte Punto jedenfalls - ob er auch Fiats Retter wird, muß sich zeigen.



Text: F.A.Z., 14.03.2006, Nr. 62 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
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