Fahrtberichte

Fahrtbericht

Vier offene Sitze zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Von Michael Kirchberger

10. Juli 2003 Kein Kind von Traurigkeit ist dieses Auto. Schwarz lackiert wirkt es auch nicht unseriös, aber dem New Beetle von Volkswagen in seiner offenen Form wohnt eine grinsende Fröhlichkeit inne, die herausfordernd ist und arrogant sowie etwas einfältig wirkt. Es fehlte nur das Boxermotorknattern des Urahns Käfer, um voll die Erinnerung an jene Zeit zu wecken, in der wohl jeder zweite Führerscheinneuling in Deutschland mit Heckantrieb und schlechter Heizung unterwegs war.

Nach der Einführung der mit weichen Linien der knubbeligen Urgestalt nachempfundenen Limousine im Januar 1998 widmet sich VW nun einer Spezialität. Seit diesem Frühjahr gibt es das Rundstück in einer Cabrio-Version, und deren Aufmerksamkeitsfaktor liegt einige Punkte über dem der fast alltäglich gewordenen, geschlossenen Version. Und mehr noch gilt für den 22.025 Euro teuren, zur Zeit einzigen offenen VW, was einst an dieser Stelle zur geschlossenen Version gesagt wurde: Er ist keine Reinkarnation der Legende, sondern ihre Karikatur.

Wahres Cabrio-Erlebnis

Doch die Form weckt Sympathie, wenngleich sie weniger der Funktion als dem Vorbild folgt. Ihr Luftwiderstandsbeiwert ist längst überholt, es klafft der Spalt zwischen Design-Mühen und vorgegebener Gestaltungspflicht. Ein sich weit zwischen dem Fahrer und der Windschutzscheibe ausdehnendes Armaturenbrett ist kein geliebtes Gestaltungsmerkmal. Wenn es obendrein aus billig wirkendem Kunststoff gefertigt wird, ist die Enttäuschung doppelt groß. Die Sitze dagegen erfreuen mit langen Beinauflageflächen und angenehm straffer Polsterung. Im Cabrio ist der Lederbezug dringend angeraten, 1.515 Euro Aufpreis will VW dafür. Ein angenehmes Detail sind die serienmäßig elektrisch betätigten Fensterheber vorn und hinten. Da sie die hinteren Scheiben vollständig in der Seitenwand verschwinden lassen, entsteht wahres Cabrio-Gefühl beim Offenfahren.

Das Zweiliter-Ottotriebwerk mit 85 kW (115 PS) ist die stärkste zur Zeit in Europa erhältliche Motorisierung des VW Cabrios, nur für den Verkauf in den Vereinigten Staaten ist ein Motor mit 110 kW (150 PS) vorgesehen, dafür kann sich die Alte Welt zusätzlich für einen Turbodiesel mit 74 kW (100 PS) entscheiden. Doch der Benzin-Vierzylinder kommt dank des hinreichenden Drehmoments (172 Newtonmeter bei 3200 Umdrehungen in der Minute) noch gut klar mit dem 1,4 Tonnen schweren Wagen. Ein BMW Z4 hat etwa das gleiche Gewicht. 11,7 Sekunden braucht der Motor für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h. 184 km/h Höchstgeschwindigkeit sind möglich, die Fahrleistungen beziehen sich freilich auf Messungen mit geschlossenem Dach, bei geöffneter Haube sinken die Werte spürbar.

Feiner Zwirn mit klassischen Käfer-Merkmalen

Der Treibstoffverbrauch dagegen steigt. Schon die Limousine ist mit einem Konsum von 8,8 Liter Super für 100 Kilometer kein Sparbrötchen (F.A.Z. vom 16. Februar 1999), das Cabrio legt noch eins drauf und verlangt 9,1 Liter Sprit im Durchschnitt. Das ist fern einer zeitgemäßen Zurückhaltung, kann aber kaum verwundern, denn der offene New Beetle bringt fast 130 Kilogramm mehr auf die Waage als die geschlossene Karosserieform. Das bremst die Agilität und steigert den Konsum. Aber das Mehrgewicht, es sind vor allem Bauteile, die der Karosserie die durchs fehlende Stahldach verlorengegangene Steifigkeit wiedergeben, ist nutzbringend. Denn bei jedweder Unebenheit bleibt das Beetle-Cabrio straff, kein Zittern geht durchs Blech und der Wagen rollt gleichermaßen unbeirrbar geradeaus oder spurstabil durch die Kurven. Allein Seitenwind mag der VW nicht, egal ob geschlossen oder offen, die seitliche Bö zwingt seinen Fahrer zur kräftigen Kurskorrektur.

Das Stoffverdeck gehört zur feineren Sorte. Es dämmt den Innenraum zuverlässig gegen Kälte und Hitze, öffnet für 750 Euro Aufpreis elektrisch statt manuell unterstützt in etwa 13 Sekunden. Vollautomatisch geht das nicht, per Hand muß der im Stil der sechziger Jahre gestaltete Drehknauf innen an der vorderen Verdeckkante bewegt werden. Er entriegelt zentral die Verbindung zwischen Fensterrahmen und dem Stoffdach. Dann läßt der Knopfdruck den gepolsterten Fetzen nach hinten schnurren, er verschwindet jedoch nicht in einem Verlies, sondern liegt wie ein provozierendes Zitat vom einstigen VW Käfer Cabriolet obenauf. Eine Persenning soll die empfindliche Mechanik vor Verschmutzung schützen. Das Überziehen geht schnell, nur ist ihre Befestigung mit zwei Kunststofflaschen schwierig und erfordert hohen Kraftaufwand. Das Schließen des Dachs gelingt recht flink, besonders das Verriegeln ist leicht und schnell erledigt.

Überlebensraum automatisch gesichert

Davon, daß der gefaltete Hut des Beetle nicht vollständig verschwindet, hat das Kofferraumvolumen nicht profitieren können. Es schrumpft im Vergleich zu dem der Limousine um fast zehn Liter, 201 Liter Stauraum sind nicht eben angemessen, zumal der Aufenthalt im Fond des viersitzigen Cabrio durchaus komfortabel ist und so schon mal vier Frischluftfreunde auf Reisen gehen können. Die Ladekapazität für Gepäck schränkt diese Möglichkeit jedoch drastisch ein. Dies tut das Windschott ebenfalls, für 270 Euro Aufpreis sorgt es für Windstille im Innenraum und dafür, daß die zarte Nelke in der serienmäßigen Plastikvase am Armaturenbrett auch bei zügiger Fahrt nicht ihre Blätter verliert. Das voluminöse Gestänge des Schottes verschlingt aber weiteren, wertvollen Stauraum.

Ein Manko der New-Beetle-Karosserie ist die Übersichtlichkeit. Vorn läßt sich das Ende des Wagens nur erahnen, nach hinten ist der Blick wegen des aufliegenden Verdecks noch schlechter. Eine Einparkhilfe ist ein sinnvolles Extra, für 330 Euro Aufpreis signalisiert sie den Abstand, läßt sich aber nicht mit einer abnehmbaren Anhängerkupplung kombinieren. Das Fünfganggetriebe ist präzise zu schalten, die Bremsen gefallen mit feiner Dosierbarkeit und packen im Ernstfall kräftig zu. ABS und ESP sind mit von der Partie und helfen Fahrerfehler auszugleichen. Wenn es trotzdem zu einem Überschlagunfall kommt, schnellen in einer Viertelsekunde verdeckte Überrollbügel hinter den Fondsitzen 26,5 Zentimeter in die Höhe und sollen den Passagieren einen Überlebensraum sichern.

Mängel mit Charme

Die Bedienung des New Beetle ist einfach, das kombinierte Rundinstrument für Geschwindigkeits- und Drehzahlanzeige gut ablesbar. Das Handschuhfach hat eine noch akzeptable Größe, Fächer in den Türen und Taschen in den Sitzlehnen bieten Platz für Ablagen. In der Mittelarmlehne ist ein abschließbarer Behälter integriert, hier können Wertsachen verstaut werden. Gegen Einbruchsversuche wehrt sich das Cabrio mit einer Innnenraumüberwachung, die mit der Diebstahlwarnanlage kombiniert ist und gemeinsam mit einem automatisch abblendenden Innenspiegel und dem Regensensor zum 370 Euro teuren Technikpaket gehört. 435 Euro kostet das Paket Highline, zu dem die Höheneinstellung für den Beifahrersitz, ein Lederlenkrad mit drei Speichen, Fußmatten und Sitztaschen gehören, außerdem erleichtert die Sitzverstellung Easy Entry in diesem Paket den Einstieg nach hinten. Die Extras summieren sich zu einer beachtlichen Endsumme. Wo doch das New Beetle Cabrio ohnehin nicht zu den besonders günstigen Angeboten zählt. Ein Astra Cabrio mit richtigem Kofferraum gibt es bei Opel zum etwa gleichen Preis, der Peugeot 307 CC mit einem automatischen Stahlverdeck kostet nur wenig mehr.

Aber es ist das Zitat der Vergangenheit, das die Herzen wärmen und die Brieftasche öffnen mag. Oder es ist vielleicht die Heizung, die auch in der Kabriolett-Version des New Beetle prächtig funktioniert, sich feinst dosieren läßt und selbst im strengen Winter garantiert keine Eisbildung an den Scheiben zuläßt. Oder war es exakt der charmante Mangel, der den Reiz des Käfers ausmachte?

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 22 025 Euro,

Preis des Testwagens 25 125 Euro

Vierzylindermotor, 1984 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 85 kW (115 PS) bei 5400/min

Höchstes Drehmoment 172 Nm bei 3200/min, 90 Prozent davon ab 1600 bis
5100/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,08/1,72/1,50 Meter

Radstand 2,51, Wendekreis 10,9 Meter

Leergewicht 1249 (tatsächlich 1390), zulässiges Gesamtgewicht 1770,
Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 201 Liter

Reifengröße 205/55 R 16 H

Höchstgeschwindigkeit 184 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 11,7 s; von 50 bis 100 km/h im 4./5. Gang 11,1/14,9
s

Verbrauch 8,1 bis 10,9, im Durchschnitt 9,1 Liter Super je 100 km;
Tankinhalt 55 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 15, TK 14, VK 16

Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,34 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juli 2003
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

 
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