Fahrtberichte

Fahrtbericht

Der Beweis dafür, daß man nichts geschenkt bekommt

Von Gerold Lingnau

29. Juli 2003 Langsam faßt die koreanische Marke Daewoo an der Hand ihrer Pflegemutter General Motors wieder Tritt. Der Einstieg der Amerikaner hat ihren Untergang abgewendet und ihr eine Aufgabe im Konzern zugewiesen, in der sie sich neu bewähren kann. Gewiß: Glanzvoll ist die Rolle eines Billiganbieters nicht. Aber man kann etwas daraus machen, denn überall auf der Welt gibt es Käufer, die ein günstiges fabrikneues Auto einem gleichteuren Gebrauchtwagen vorziehen - selbst wenn der das bessere Image haben sollte. Daher ist eine viertürige Limousine von fast E-Klasse-Größe, die Daewoo Evanda heißt und nicht einmal 21.000 Euro kostet, allemal einen Blick wert. Natürlich gibt es keine Zauberei im Autogeschäft, und gespart wurde wohl nicht nur an den Löhnen der Autowerker in Korea. Doch was zählt, ist das Endprodukt. Und vielleicht erweist sich dann ein niedriger Preis als immer noch zu hoch.

Was die schieren Dimensionen betrifft, hat der Evanda da nichts zu befürchten. Als Größter im Angebot der Marke - er löste den etwas kürzeren Leganza ab - bietet er fünf Personen angemessen, wenn auch nicht reichlich Platz und ist mit 435 Liter Kofferraum urlaubstauglich. Zweifelhafter ist die Verpackung. Der Gewinn aus der Zusammenarbeit mit dem Turiner Designer Giugiaro ist hier weniger offenkundig als bei den kleinen Daewoo-Modellen Matiz und Kalos: das Heck zu schwer, der Bug mit dem Fächergrill zu aufgedonnert. Die Form stößt an die Grenzen des europäischen Geschmacks, wenngleich eine gewisse Stattlichkeit - über die reinen Abmessungen hinaus - nicht zu leugnen ist. Innen enden die Anflüge von Repräsentation schon am Aussehen des Armaturenbretts. Die funktionell untadeligen Instrumente sind von einem Kunststoff umgeben, dessen speckiger Glanz jeden Gedanken an Qualität ersterben läßt. Auch die Holzimitation in Mittelkonsole und Türen wirkt nicht vornehm, und den serienmäßigen (!) Lederbezügen der Sitze fehlt die Ausstrahlung wertvollen Materials. Schade, denn an der Verarbeitung des Werkstoff-Gemischs ist wenig auszusetzen. Trotzdem: Bis zur Luxusklasse - zu der Daewoo seinen Evanda allen Ernstes zählt - ist es noch ein weiter Weg.

Gutbürgerlicher Motor

Schon beim Einsteigen gibt sich die Stufenheck-Limousine als großer Wagen. Auch in den Fond kommt man in aller Würde und findet eine bequem für drei ausreichende, doch etwas schlaffe Sitzbank, drei Dreipunktgurte und viel Knieraum vor, aber eine nur knappe Scheitelhöhe und zu kurze Kopfstützen. Vorn dürfen dagegen auch Lange sitzen. Der Fahrer findet sich schnell zurecht, freut sich über recht exakt anzeigende Instrumente (nur die Tankuhr spielte bei uns vorübergehend verrückt) ebenso wie über die ordentlich klingende, am Lenkrad bedienbare Audioanlage mit Fünf-CD-Wechsler und bemängelt den schlechten Überblick nach hinten. Die Klimaautomatik nimmt zwar wenig Rücksicht auf Zug- und Lärmempfindliche, doch temperiert sie den Innenraum selbst an heißen Tagen angenehm. Frontund Seiten-Airbags wachen an den Vordersitzen, Kopf-Airbags werden nicht angeboten. Wer Koffer einladen will, muß sie über eine nur 68 Zentimeter hohe Bordkante heben. Genügt das Normalvolumen nicht, kann man die Rückbanklehne über etwa zwei Drittel ihrer Breite umklappen - ganz oder in zwei ungleichen Teilen. Die so entstehende Fläche ist allerdings nur über eine begrenzte, trapezförmige Durchladeöffnung mit dem Gepäckraum verbunden. Was hindurchpaßt, darf immerhin bis zu 1,80 Meter lang sein. Ein vollwertiges Reserverad und allerhand Kleinkram haben unter dem Kofferraumboden Platz. Die erlaubte Zuladung war bei unserem Wagen mit 432 Kilogramm genügend, die Anhängelast ist mit 1.500 Kilo sogar sehr hoch.

Ob man sie voll ausnutzen sollte, ist eine andere Sache, denn die bisher einzige Version des Evanda ist keineswegs besonders stark motorisiert. Mit den 1.480 Kilogramm Leergewicht muß sich ein Zweiliter-Vierzylindermotor abplagen, der mit 96 kW (131 PS) und einem maximalen Drehmoment von 181 Newtonmeter erst bei 4.200 Umdrehungen je Minute nicht gerade aus dem vollen schöpft. Die Fahrleistungen fallen denn auch nicht aus dem gutbürgerlichen Rahmen. 100 km/h erklimmt der Daewoo aus dem Stand in 11,3 Sekunden (die versprochenen 9,8 Sekunden schafften wir nicht), bei 201 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Im durchaus nicht extrem lang übersetzten 5. Gang verstreichen mehr als 20 Sekunden, bis der Evanda von 50 auf 100 km/h beschleunigt hat. Herunterschalten darf man also nicht scheuen, doch diesem Vorgang geht jede Finesse ab - schwergängig und hakelnd ist der Schalthebel, und bei Lastwechseln wackelt er in einer Weise, die heute nicht mehr hingenommen werden muß.

Erfreulich leise

Dem Motor, der nur die Abgasnorm Euro 3 erfüllt, fehlt es ebenso an Feinschliff. Er läuft rauh und jenseits von 5000/min zunehmend lärmig, obwohl er willig bis zu den erlaubten 6.500/min vorstößt. Mäßigung bei den Drehzahlen ist aber ein ökonomisches Gebot, denn besonders sparsam ist der Daewoo schon von Hause aus nicht. Wir verbrauchten im Durchschnitt 9,9 Liter Superbenzin je 100 Kilometer und waren auf Langstrecke sehr dankbar für die 65 Liter Tankinhalt, die ganz einzufüllen ohne weiteres eine Viertelstunde kosten kann.

Über den Durchschnitt ragen auch die Fahreigenschaften des Evanda nicht hinaus. Der Fronttriebler folgt brav untersteuernd dem Lenkeinschlag, doch die Lenkung paßt schlecht in unsere Zeit: Die geschwindigkeitsabhängige Servowirkung ist in den meisten Situationen zu stark, am ungewöhnlich großen Volant stellt sich kein Gefühl von Präzision ein - das beeinträchtigt auch den Geradeauslauf bei hohem Tempo -, und in unebenen Kurven kommt zudem Stößigkeit auf. Andererseits verdient der enge Wendekreis ein Lob. Ein ESP steht nicht auf der Ausstattungsliste, doch da der Daewoo bei vernünftiger Fahrweise ohne Tücken bleibt, kann man das verschmerzen. Angenehm ist die Anwesenheit einer (abschaltbaren) Traktionskontrolle, die beim scharfen Beschleunigen allerdings überfordert ist. Die Bremsen beißen kraftvoll zu, verlangen dafür viel Pedalkraft und lassen bei hoher Beanspruchung spürbar nach. Mit dem Federungskomfort des Evanda kann man zufrieden sein, doch die deutsche Konkurrenz kann es durchweg besser. Grobe Schlaglöcher bleiben den Insassen nicht verborgen, es kommt aber nicht zu Durchschlägen; kleinere Unebenheiten werden befriedigend ausgebügelt, auch das Abrollen auf rauhen Fahrbahnbelägen ist gut gedämpft. Die Karosserie erweist sich auf schlechten Straßen als erfreulich steif und geräuschfrei.

Umsonst gibt es nichts aber vieles ist inbegriffen

Die 20.990 Euro für den Evanda CDX sind eine kleine Mogelei: Denn 390 Euro zusätzlich kosten Metallic- und Mica-Lackierungen, und das sind acht von neun - nur Weiß ist aufpreisfrei. Sonst ist aber alles inbegriffen, was man sich nur wünschen kann, von Nebelscheinwerfern, funkgesteuerter Zentralverriegelung und Alarmanlage über elektrisch betätigte Fenster und Außenspiegel (diese auch klapp- und heizbar), Leichtmetallräder, zu beheizende Vordersitze und Außentemperaturanzeige bis hin zum automatisch abblendenden Innenspiegel und zu vielerlei Ablagen vorn und im Fond. Für 1.400 Euro bekommt man ein adaptives Vierstufen-Automatikgetriebe von ZF, das aber nach den Prospektangaben die Fahrleistungen deutlich dämpft und den Verbrauch im üblichen Umfang erhöht. Eins steht fest: 4,80 Meter Auto nebst drei Jahren Fahrzeug- und Mobilitätsgarantie sind allein bei den koreanischen Kollegen von Hyundai und Kia noch für einen ähnlichen Preis zu haben. Doch sein Niveau spiegelt auch schonungslos den Abstand, der zwischen dem Evanda und Konkurrenzmodellen wie Ford Mondeo, Opel Signum, Renault Laguna, Mazda6 oder Toyota Avensis liegt, von 5er-BMW, E-Klasse oder Audi A6 ganz zu schweigen. Geschenkt gibt es nun einmal nichts auf dieser Welt.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 20 990 Euro
Preis des Testwagens 21 380 Euro

Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1998 Kubikzentimeter
Hubraum

Leistung 96 kW (131 PS) bei 5400/min

Höchstes Drehmoment 181 Nm bei 4200/min, mindestens 90 Prozent davon ab
1800 bis 5600/min

Erfüllt Euro 3

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,77/1,82/1,44 Meter

Radstand 2,70, Wendekreis 10,40 Meter

Leergewicht 1422 (tatsächlich 1480), zulässiges Gesamtgewicht 1912,
Anhängelast 1500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 435 Liter

Reifengröße 205/55 R 16 90 V

Höchstgeschwindigkeit 201 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 11,3 s, von 50 bis 100 km/h im 4. (5.) Gang 14,0
(20,1) s

Verbrauch 9,5 bis 11,3, im Durchschnitt 9,9 Liter Superbenzin je 100 km,
Tankinhalt 65 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 18, TK 31, VK 23



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2003
Bildmaterial: Daewoo, F.A.Z.

 
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