Von Gerold Lingnau
27. Mai 2003 Limousinen mit Allradantrieb gehören bei der Marke Mercedes-Benz nicht - wie etwa bei Audi - zum Kerngeschäft. Aber wer den Markt breit zufriedenstellen will, muß auch hier ein Angebot haben. Das erste diesbezügliche aus Stuttgart im Jahr 1985, schon damals 4matic genannt, war nahezu perfekt, aber auch ein technischer Overkill. Die zweite Auflage, seit 1997 in der E-Klasse, blieb viel simpler, ohne entscheidend weniger tauglich zu sein. Seit jüngstem gibt es den permanenten Allradantrieb auch in der C-Klasse, und die Werbung scheut sich nicht, damit eine Menge Fahrspaß zu versprechen. Ob der - wenn er denn spürbar sein sollte - vielen Käufern den heftigen Aufpreis von 4.118 Euro wert ist, wird die Zulassungsstatistik zeigen.
Wir machten uns ein Bild von der 4matic in einem C 320 T, also einem Kombi der C-Klasse. Zum ganzjährigen Renommieren taugt das neue Extra schon einmal nicht, vom Vorzeigen der Zusatzbezeichnung am Heck einmal abgesehen. Seine Talente entfaltet es vielmehr in Ausnahmesituationen, in denen Bewunderer nicht unbedingt zur Stelle sind. Daß der Allrad- den Hinterradantrieb unter winterlichen Straßenverhältnissen ins Abseits stellt, versteht sich von selbst. Die technische Konzeption der 4matic genügt hier allemal: permanente Kraftübertragung auf alle vier Räder, konstante Drehmomentverteilung mit Vorrang der Hinterachse (65 Prozent) - das sichert die vom Hinterradantrieb gewohnten Fahreigenschaften - und statt Sperren der Einsatz der ESP-Elektronik, die auch als Traktionshilfe dient und durchdrehende Räder gezielt abbremst. Damit kommt man mühelos die steile Hotelauffahrt in Zürs hinauf oder befreit sich locker aus einem zugewehten Parkplatz.
Schmucke Sache
Diesseits von Schnee und Eis sind die Vorteile weit weniger greifbar. Normalerweise merkt man von der 4matic nichts, zum Glück auch keine Antriebsrauhigkeiten oder akustischen Belästigungen. Wenn man in Kurven das Tempo forciert oder beim Beschleunigen auf Nässe zuviel Gas gibt, hat das ESP weniger zu tun als bei Hinterradantrieb, doch diesen Unterschied kann ein Fahrer leicht mit etwas mehr Vernunft ausgleichen. Und wer rational denkt, wird auch die negativen Seiten des Allradantriebs ins Kalkül ziehen, zum einen das Mehrgewicht - im Fall des C 320 T satte 175 Kilogramm, also zwei Passagiere samt Gepäck - und zum anderen dessen Spiegelbild, den höheren Verbrauch. In unserem Fall kam ein Durchschnitt von 12,7 Liter Superbenzin je 100 Kilometer heraus, und das geht selbst für eine Sechszylinder-C-Klasse mit 160 kW (218 PS) über die Hutschnur. Geboten werden immerhin ansehnliche Fahrleistungen, mit 235 km/h Höchstgeschwindigkeit und einer Sprintzeit von 8,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Der Motor ist leise und vorbildlich laufruhig, und die serienmäßige Fünfstufen-Automatik mit Tippschaltung arbeitet so sinnvoll, daß sich manuelle Eingriffe erübrigen. Den Federungskomfort und die hervorragende Leistung der Bremsen beeinträchtigt das Mehrgewicht in keiner Weise.
Das T-Modell der C-Klasse ist ein reiner Schmuck-Kombi: Sein schon früh abfallendes Rundheck schmälert das Laderaum-Maximum erheblich (1.384 Liter). Die 470 Liter Normalvolumen reichen jedoch für übliche Reisezwecke aus, und wer mehr Nutzraum braucht, muß sich ohnehin der E-Klasse zuwenden, denn das Passagierabteil der C-Baureihe verdient nur knapp das Prädikat Mittelklasse. Den Fahrer erwartet auch hier die vertraute Mercedes-Umgebung. Lästig und dem sturen Widerstand des Hauses gegen einen separaten Lenksäulenhebel zu verdanken ist, daß zum (häufig notwendigen) Einschalten von Heckscheibenwischer und -wascher ans Armaturenbrett gefaßt werden muß. Schon mit seinem Basispreis von 42.746 Euro ist der C 320 T 4matic ein teures Auto, und Zusatzwünsche machen ihn rasch zu einem sehr teuren. Unser Exemplar kam auf deutlich mehr als 56.000 Euro. Da will erst recht überlegt sein, ob sich der Allrad-Aufpreis wirklich lohnt.
Daten und Meßwerte
3,2-Liter-Sechszylinder-V-Motor; Leistung 160 kW (218 PS);
höchstes Drehmoment 310 Nm bei 3000 bis 4.600/min;
Beschleunigung 0 bis 100 km/h in 8,4 s;
Höchstgeschwindigkeit 235 km/h;
Leergewicht 1.625 kg, Zuladung 600 kg;
Verbrauch 12,7 Liter Superbenzin je 100 km; empfohlener Preis 42.746 Euro.
Charakter:
Nicht auf maximalen Nutzraum ausgelegter Kombi;
temperamentvoller Motor;
technisch recht einfacher Allradantrieb mit guter Wintereignung;
erhebliches Mehrgewicht, hoher Verbrauch.
Text: 27. Mai 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: Hersteller