Von Michael Kirchberger
23. Juni 2009 Hoch war die Erwartungshaltung, als in diesem Frühjahr die neue E-Klasse von Mercedes-Benz debütierte. Für die Traditionalisten unter den Freunden der Marke schien der Wagen zu modern geraten, von vorn bis hinten ziehen sich Kanten und Ecken, an denen sie sich reiben. Dabei birgt die stramme Gestalt die Chance, über viele Jahre nichts an Attraktivität einzubüßen, sattsehen - so viel darf man glauben - wird sich an der Baureihe so schnell keiner. Den Einstieg in das große E markiert wie so oft ein Diesel-Modell. Der 125 kW (170 PS) starke E 220 CDI Blueefficiency kostet 41.591 Euro.
Im Innenraum setzt sich die Liebe zur Kante fort, fast T-förmig schmiegt sich die Mittelkonsole an die horizontal ausgeprägte, mit feingemasertem Holzdekor warm und weich gestaltete Schalttafel. Der Instrumententräger informiert mit fünf Uhren über die Fahr- und Betriebszustände. Klar ablesbar sind sie alle, und wer weitere Details zur Navigation, zum Verbrauch oder den Grundeinstellungen der Fahrzeugelektronik erfahren möchte, kann sich diese über die Bedientasten am Multifunktionslenkrad auf die Anzeige im Mittelfeld des Tachos rufen.

Auch die vielen Fahrerassistenzsysteme können über diese Funktion gesteuert werden. Der Müdigkeitswächter, von Mercedes-Benz Attention-Assist genannt, ist serienmäßig dabei, die Aufpasser für das Spurhalten und Überwachen des toten Winkels in den Außenspiegeln oder die Pre-Safe-Bremse, die Auffahrunfälle vermeiden oder deren Auswirkungen mindern sollen, kosten im Paket 2560 Euro Aufpreis.
Der Blinker ist schwer zu betätigen
Das Lenkrad ist nicht zu groß, es liegt trotz sanften Lederbezugs vielleicht eine Spur zu hart in der Hand. Die Bedienung entspricht den schnell verstandenen Standards in C- und S-Klasse, allein den Kombi-Hebel für Blinker und Scheibenwischer wünschten wir uns um einige Grad weiter nach oben versetzt.
So aber fällt die Betätigung schwer, wenn die Hände in korrekter Zehn-vor-Zwei-Stellung das Volant umfassen, besonders die Komfort-Blinkfunktion - leichtes Antippen des Hebels - ist beeinträchtigt.
Ablagemöglichkeiten gibt es in ausreichender Zahl, angenehm ist die schmale, geteilte Papierablage im großen Handschuhfach. Die Türtaschen sind von eher kleinem Format, große Flaschen passen hier nicht hinein. Unter der Armlehne auf der Mittelkonsole wartet das Telefon auf die Verbindung mit der Bluetooth-Schnittstelle, auch ein Anschluss für iPod und ähnliche Musikmaschinen fehlt nicht.
Leichtes Anschubsen für mehr Kofferraum
Im Fond sind die Passagiere gut aufgehoben. Selbst bei weit nach hinten gefahrenen Vordersitzen bleibt genügend Raum für die Knie. Beachtliches Volumen bietet der Kofferraum. 540 Liter passen hinein, störend ist nur die Kante in etwa halber Tiefe, die den bis dorthin ebenen Boden unterbricht und in Richtung Rückbanklehnen um knapp zwei Zentimeter anhebt.
Dafür versöhnt die Umklappfunktion der Sitzlehnen (517 Euro Aufpreis). Vom Kofferraum aus können sie über Bowdenzüge asymmetrisch geteilt entriegelt werden. Leichtes Anschubsen genügt, um sie in eine nahezu waagerechte Position nach vorn fallen zu lassen. Das steigert das Transportvermögen der E-Klasse ganz erheblich.
Der Diesel schiebt die E-Klasse mächtig an
Der Vierzylinder-Diesel springt unverzüglich und mit einem metallischen Hoppla an. Im Leerlauf klackert und rumort er auffällig, unter Volllast wird daraus ein vernehmliches Knurren, trotz Common-Rail-Einspritzung, die für gewöhnlich als sanft und leise gilt, ist der Selbstzünder des E 220 CDI eher ein Rauhbein - aber eines mit Kraft in den Knochen.
400 Newtonmeter Drehmoment stemmt die Maschine maximal in den Antriebsstrang, diese immense Ausbeute aus nur 2,2 Liter Hubraum wird vom fünfstufigen Automatikgetriebe mühelos und feinfühlig verarbeitet. Acht Sekunden genügen dem 1760 Kilogramm schweren Wagen, um von 0 auf 100 km/h zu beschleunigen, und 227 km/h Höchstgeschwindigkeit sind kein überraschender Wert.
Dabei ist es nahezu egal, bei welcher Motordrehzahl der Befehl zum Bescheunigen erteilt wird. Stets schiebt der Diesel die E-Klasse mächtig an, Zwischenspurts zum Überholen werden selbst bei höherem Tempo auf der Autobahn nie zum nervenzehrenden Fahrmanöver.
Die E-Klasse genehmigt sich einen ordentlichen Schoppen
Dieser Leistungsklasse angemessen, arbeiten die Bremsen. Sie verzögern nicht nur mit höchster Dosierbarkeit, beherrschen ein Programm von sanftem Verzögern bis zur brachialen Vollbremsung, sondern zeigen sich selbst nach dem Durcheilen einer serpentinen-gespickten Gefällstrecke in höchster Frische und Einsatzbereitschaft.
Weniger beeindruckend ist der Treibstoffverbrauch. Zwar lässt sich der E 220 CDI sehr effizient und ohne große Mühen mit 5,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer fahren, doch neun Liter sind bei zügiger Fahrt schnell erreicht.
Der Durchschnittswert von 7,1 Liter Diesel geht in Anbetracht des hohen Fahrzeuggewichts aber noch in Ordnung. Ein ordentlicher Schoppen ist es dennoch, den sich die E-Klasse genehmigt, zumal der Praxisverbrauch weit über den von Mercedes-Benz versprochenen Werten liegt. Aber das ist ja bei jedem Auto so.
Querfugen werden mit Unmut quittiert
Der Geradeauslauf ist stoisch, auf kurvigen Strecken lastet das Gewicht dagegen spürbar auf der Vorderachse. Der Wagen ist trotz der Direktlenkung, die mit kleinsten Einschlägen größte Kurskorrekturen fast ohne Wanken der Karosserie ermöglicht, kein Maßstab für Agilität, wohl aber für vorzüglichen Langstreckenkomfort.
Der würde noch mal gewinnen, wenn die Stahlfederung etwas feinfühliger agierte. Besonders Querfugen werden mit deutlichem Unmut quittiert. Immerhin sind die Windgeräusche gering, der Sitzkomfort ist hoch, und die ebenso feine wie ausgezeichnete Verarbeitung und Ausstattung trösten über dieses Komfort-Manko hinweg.
Beim Rangieren verlässt sich der Fahrer gern auf die Abstandssensoren des Parkpiloten. Zwar ist die Karosserie übersichtlicher als die manch eines Konkurrenten, der große Wendekreis empfiehlt jedoch das Ausnutzen der letzten Zentimeter beim Vor- und Zurücksetzen. Das Wenden auf enger Straße ist nicht die Paradedisziplin der E-Klasse.
Schnell mal 14.000 Euro für Extras
Die Ausstattung des Niveaus Elegance ist zwar umfangreich, jedoch weit davon entfernt, komplett zu sein. Die Liste der Begehrlichkeiten ist lang und treibt den Grundpreis der E-Klasse in bislang unerreichte Höhen.
Klimaanlage, Leichtmetallräder und eine Audioanlage mit CD-Spieler gibt es ebenso wie das Sicherheitspaket mit sieben Airbags und ESP unter anderem serienmäßig. Aufpreispflichtig sind dagegen Komfortzutaten wie Navigation, Telefon, elektrische Sitzverstellungen, die Multikontursitze, Lederausstattung sowie Sitzheizung und automatisch geregelte Klimatisierung, so dass schnell noch mal 14.000 Euro nur für Extras zusammenkommen.
Aber das ist Absicht. Schließlich bietet die neue Mercedes-Benz E-Klasse ein Niveau, das dem der aktuellen S-Klasse sehr nahe kommt, wenn nicht gar mit dieser gleichzieht. Und in Zeiten eines sich verändernden Kaufverhaltens, das manch einen Kunden beim Vertragsabschluss eher E als S sagen lässt, könnte dieser Umstand den Erfolg der Volumen-Baureihe der Stern-Marke sichern.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 41.591 Euro
Preis des Testwagens 55.380 Euro
Vierzylinder-Diesel, Common-Rail-Einspritzung, Abgas-Turbolader, vier Ventile je Zylinder, 2143 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 125 kW (170 PS) bei 4200/min
Höchstes Drehmoment 400 Nm bei 1400/min, 90 Prozent davon ab 1300 bis 4300/min
Fünfstufiges Automatikgetriebe
Antrieb auf die Hinterräder
Länge/Breite/Höhe 4,87/1,85/1,47 Meter
Radstand 2,87, Wendekreis 11,3 Meter
Leergewicht 1660 (tatsächlich 1760), zulässiges Gesamtgewicht 2270, Anhängelast 2000 Kilogramm, Kofferraumvolumen 540 Liter
Reifengröße 205/60 R 16 92W
Höchstgeschwindigkeit 227 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 8,0 s
Verbrauch 5,4 bis 8,8, im Durchschnitt 6,9 Liter Diesel je 100 km; 159 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6 Liter; Tankinhalt 59 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 21, TK 27, VK 24
Garantie zwei Jahre Servicegarantie, 4 Jahre Mobilitätsgarantie mit unbegrenzter Kilometerleistung, bis 30 Jahre auf Durchrostung, Serviceintervall einmal jährlich oder alle 25.000 Kilometer
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller