Von Wolfgang Peters
17. März 2008 Neu ist relativ. Ein paar Änderungen am Kühlergrill, andere Zierleisten außen und dunklerer Kunststoff innen: Schon fährt ein neues“ Automodell ins nächste Jahr. Beim jüngsten A4 hat sich Audi mit diesen Modifikationen nicht begnügt: neue Plattform, neue Anordnung der Antriebseinheit, neue Karosserie, neuer Innenraum, neue Preise – natürlich. Der neue Audi A4 ist so neu wie es nur irgendwie geht in diesen Zeiten.
Zwei Ausstattungsstufen gibt es derzeit vom A4: Attraction und Ambition sollen die Wahl erleichtern, beide Versionen sind bereits ohne Zubehör sehr alltagstauglich ausstaffiert, aber dennoch gibt es einen Katalog der Nettigkeiten; die von uns bewegte Ambition-Variante steigerte sich durch Sonderausstattungen von 32.350 auf immerhin 40.490 Euro.

Größter Posten ist dabei die Multimedia-Navigationseinheit, sie schlägt mit 2.790 Euro auf die Rechnung durch. Ob man fast zehn Prozent des Preises vom Serienauto dafür ausgeben möchte, muss jeder selbst entscheiden. Wir glauben, dass man durchaus mit einem A4 ohne Sonderposten zufrieden fahren kann, zumal eine Klimaanlage serienmäßig an Bord ist. Dass man zum Beispiel für eine variabel zu klappende Rücksitzlehne mit 290 Euro zur Kasse gebeten wird, betrachten wir als unfreundlichen Akt.
Nichts für konservative Audi-Käufer
Der Modellwechsel vom alten A4 auf den jetzigen ist auch eine Frage der Generationen. Da kann man schon die Prognose wagen: Der konservative Audi-Käufer von früher wird den neuen A4 eher fliehen als feiern.
Dafür sorgen zum Beispiel die aufdringliche Beleuchtung im Scheinwerfer oder auch die ausgeprägte Unübersichtlichkeit der Karosserie. Die Einparkhilfe (380 Euro) ist hier durchaus angebracht, im Rückspiegel spielt sich wegen des hoch sitzenden und flach gebauten Heckfensters (bei schlechtem Wetter verschmutzt zudem das komplette Heck recht intensiv) alles Mögliche ab, nur nicht das Geschehen unmittelbar hinter dem A4.
Auch nach vorn seitlich trägt die Karosse stärker auf, als man schätzte. Unangenehm macht sich der mittlere Dachpfosten bemerkbar: Etwa zwanzig Zentimeter ist er breit, und zusammen mit der Kopfstütze für den Beifahrer summiert sich hier eine veritable Sichtbehinderung für den Fahrer.
Großer Kofferraum mit kleiner Öffnung
Über die Größe des glattflächig ausgekleideten Kofferraums kann man nicht klagen, 480 Liter Volumen sind mehr, als die wichtigsten Konkurrenten bieten, ein Reserverad ist nicht mehr an Bord.
Aber die Öffnung ist nur 48 Zentimeter hoch, die Ladekante liegt 66 Zentimeter über der Straße, und der Kofferraumboden wiederum ist 14 Zentimeter tiefer angesiedelt. Da ist kräftiges Heben und kluges Senken gefordert. Vielleicht ist das auch eine Methode, den Kunden gleich zum A4 Avant zu führen.
Nüchterne Sinnlichkeit im Innenraum
Im Innenraum bietet auch der neue A4 jenes Audi-Ambiente, das man mögen kann, aber nicht muss. Es ist eine nüchterne Sinnlichkeit aus gut gewähltem Kunststoff, aus Glanz-Akzenten, unglaublich passgenau gefertigten Teilen und jenem Qualitätseindruck, der nicht unwesentlich an Aufstieg und Erfolg von Audi beteiligt ist.
Allerdings wurde dieser Eindruck in dem von uns bewegten Exemplar getrübt: Der Fahrersitz knackte deutlich hörbar bei Verlagerungen der nicht unbeträchtlichen Last von rund 93 Kilo, und rechts hinten, im Bereich der Tankanlage, entstanden mitunter lästige Klappergeräusche. Ansonsten gab sich der neue A4 auch auf grobem Geläuf keine Blößen.
Handbremse auf Knopfdruck
Die vorderen Sitze sind eine gute Kombination aus Funktion und Bequemlichkeit. Für den Fahrer ist alles prima angerichtet, das Cockpit richtet sich am Fahrer aus, mit dem MMI-System kommt man auch ohne Studium klar, zumindest für die Basisfunktionen. Die auf Tastendruck haltende Feststellbremse löst sich beim Anfahren von selbst, ein Hebel wäre uns lieber, die gute alte Stockhandbremse war nicht ohne Meriten (zum Blockieren der Hinterräder etwa), das Aufkommen der Tastenbremse liegt am Punktesystem der Crash-Prüfung.
Die Sitzverstellung ist von hoher Vielfältigkeit geprägt; bei normaler Position vorn ist hinten gut sitzen, es gibt dann noch 17 Zentimeter Knieraum, was sehr reichlich ist. Dieser tendiert gegen Null, wenn der Vordersitz ganz nach hinten geschoben wird. Dann sitzt aber vorn auch Dirk Nowitzki.
Wenig bequem ist wegen des stark ausgeformten Wulstes und der das Abstellen der Füße behindernden Mittelkonsole der Sitz in der Mitte hinten, am liebsten hätten es die Konstrukteure, wenn man dort auf den dritten Passagier ganz verzichtete. Der längere Radstand hat zwar mehr Raum gebracht, aber man fühlt den Zuwachs eher, als dass man ihn spürt.
Leichtes Fahrgefühl mit direkter Lenkung
Das ist beim Einfluss der Neupositionierung von Antriebsaggregat und Fahrwerk auf das Fahrgefühl ganz anders. Die Vorderachse sitzt jetzt wirklich vorn, dann erst kommen Motor, Differential, Getriebe mit Kupplung: man fährt den A4 so, als habe er nur diese Vorderachse, als bewege er sich auf den Spitzen der Schuhe eines Balletttänzers, präzise in der Kurve, nicht ohne Seitenneigung, aber sicher und klar auf Kurs.
Daran ändert man auch durch kräftige Lastwechsel wenig, wer mutwillig zu schnell ist, wird, namentlich auf wenig kraftschlüssigem Grund, mit mildem Schieben über die Vorderräder gewarnt. Neutral ist die bestimmende Wesensart, geprägt von einer bisher unbekannten Flinkheit.
Dazu trägt auch die neue Lenkung bei, sie arbeitet direkt, mit nicht zu hoher Unterstützung, doch fast immer frei von Einflüssen des Frontantriebs. Dieser hat im neuen A4 eine Qualität erreicht, die nach der Berechtigung von Hinterachsantrieb fragen lässt. Mal sehen, wie sich der A4 mit quattro-Antrieb fährt. Federn und Dämpfer arbeiten mit ausreichender Höflichkeit, das beim älteren A4 zu registrierende Stuckern tritt nicht mehr auf.
Leiser Common-Rail-Motor
Der Vorgänger des Zweiliter-Turbodiesels war der meistgefertigte Diesel der Welt. Dem wird der neue Common-Rail-Motor folgen: Er läuft mit einem Hauch von Vibrationen und ist bis knapp 3.000/min eine unaufdringlich-leise Quelle der Kraft. Er schiebt aus niedrigsten Drehzahlen kräftig an, niemand muss ihn selbst für zügiges Fahren wirklich ausdrehen.
Man lässt ihn am besten am Rande des Existenzminimums, bezogen auf die Drehzahl, dahinrollen, im sechsten Gang des exakt und leicht zu schaltenden, aber mit einer gewissen Knochigkeit aufwartenden Getriebes entsprechen 100 km/h etwa 1.950/min. Deshalb kommt man im Stadtverkehr meist über den fünften Gang nicht hinaus.
Hoher Spritverbrauch und schwache Heizung
Audi sagt, der Motor (schon Euro 5!) begnüge sich im Durchschnitt auf 100 Kilometer mit 5,5 Liter Diesel. Das können wir nicht bestätigen: Der niedrigste Verbrauch lag bei 6,8 Liter, der höchste bei 8,5 Liter nach zügiger Autobahnfahrt. Im Durchschnitt kamen wir auf 7,3 Liter. Das erscheint uns deutlich zu hoch, wir werden diesen Verbrauch nachprüfen.
Vielleicht lag es an den zur Zeit der Testfahrten niedrigen Außentemperaturen mit 8 bis 10 Grad minus. Dabei fiel auch auf, dass die Heizung recht träge reagiert und ihre Mühe hat, den Wagen auf kürzeren Strecken ordentlich zu erwärmen. Ein Audi sollte seine Passagiere aber niemals kalt lassen.
Der Audi A4 ist für die Marke das zweitwichtigste Auto: Das wichtigste ist der A4 Avant. Dieses Duo setzt in den Kategorien Fahrdynamik und Fahrkomfort jene Maßstäbe, die für die deutsche Mittelklasse typisch sind. Audi gehört auch hier zur Spitze der Bewegung.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 32.350 Euro
Preis des Testwagens 43.999 Euro
Vierzylinder-Turbodieselmotor, vier Ventile je Zylinder, Common-Rail-Direkteinspritzung, 1.968 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 105 kW (143 PS) bei 4.200/min
Höchstes Drehmoment 320 Nm bei 1.750 bis 2.500/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1.400 bis 3.200/min
Manuelles Sechsganggetriebe (stufenlose Automatik multitronic 2.150 Euro)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,70/1,83/1,43 Meter
Radstand 2,81, Wendekreis 11,4 Meter
Leergewicht 1.460 (tatsächlich 1.505), zulässiges Gesamtgewicht 2.010, Anhängelast 1.900 Kilogramm; Kofferraumvolumen 480 Liter
Reifengröße 225/55 R 16
Höchstgeschwindigkeit 215 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 9,4 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 7,9/11,7/16,6 s
Verbrauch 6,8 bis 8,5, im Durchschnitt 7,3 Liter Diesel je 100 km; 144 g/km CO2 bei Normverbrauch von 5,5 Liter; Tankinhalt 70 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 18, TK 21, VK 24
Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, drei Jahre auf Lack, zwölf Jahre gegen Durchrostung
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller
