Von Gerold Lingnau
01. Juli 2003 Der Wind des Fortschritts und der Frische bläst die Marke Mazda kräftig voran. Ihrer Mittelklasse mit der Ziffer 6 hat er bereits ordentlich Schwung gegeben. Jetzt ist die Nummer 2 an der Reihe, deren Vorgänger noch den Namen Demio trug. Und der 3 breitet schon die Flügel aus, um als nächster zum Höhenflug zu starten. Hauptantrieb des neuen Aufschwungs ist die Design-Revolution, die schon dem Mazda6 viel Aufmerksamkeit verschafft hat. Sie hat nun auch für den babyrundlichen Demio einen Nachfolger hervorgebracht, der wieder schärfere Konturen zur Schau trägt, ja mit seinen entschlossenen Linien am Bug einen Hauch von Aggressivität atmet. Der Mazda2 muß um so mehr um ein eigenes Gesicht bemüht sein, als er technisch ein Kooperationsprodukt mit dem Mazda-Großaktionär Ford darstellt. Die Verwandtschaft mit dem Fiesta - besser: mit dem Fiesta-Ableger Fusion - ist kaum zu verleugnen, und das muß, etwa was die Fahrwerksqualitäten betrifft, auch keineswegs genierlich sein. Das nicht freundlich gemeinte Wort Badge Engineering für Autos, die sich von ihren Pendants nur durch das Markenlogo unterscheiden (wie vordem der Mazda 121 vom Fiesta), trifft das Duo jedenfalls nicht. Der Fusion und der neue 2 haben mit ihren Karosserien ihre eigene Individualität, und die wird der Käufer schätzen.
Weniger als der Fusion kehrt der Mazda2 den Van heraus. Aber die Geräumigkeit beeinträchtigt das nicht: Vier Menschen reisen mit ihm in aller Bequemlichkeit. Was Innenraumlänge und Kniefreiheit betrifft, darf man hier ohne weiteres den Maßstab der heutigen Golf-Klasse anlegen - für ein nur 3,93 Meter messendes Auto ein großes Kompliment. Auch die Scheitelhöhe ist auf allen Plätzen reichlich, die fünf Kopfstützen genügen selbst Großgewachsenen. Die Zeche für den Insassen-Komfort zahlt erwartungsgemäß der Kofferraum, der mit 267 Liter Volumen nicht für große Bagage gerüstet ist. Auch wenn der Fondraum nach Umklappen der Rückbank samt Lehne - ein Drittel zu zwei Drittel geteilt - mit fürs Gepäck zur Verfügung steht, endet das Fassungsvermögen bei 1.044 Liter. Das kann der (freilich auch fast 10 Zentimeter längere) Fusion mit 337 und 1.175 Liter deutlich besser. Die beiden Halbbrüder eint die vorbildlich niedrige Ladekante und der gute Zugang dank der großen Heckklappe zur Ladefläche. Im Mazda fanden wir darunter ein reguläres Ersatzrad vor, wo im Ford ein Notrad schlummerte. Die erlaubte Zuladung war bei unserem Wagen mit 375 Kilogramm ziemlich knapp.

Eher frisch denn extravagant
Nicht nur außen, auch im Innenraum waren die Japaner um frisches Design bemüht. Die knalligen Farb-Applikationen an Sitz- und Türbezügen mögen zwar ein bißchen dick aufgetragen sein, doch der Armaturenbrettbereich, vor allem die Mittelkonsole, wirkt bei aller Funktionalität sehr appetitlich. Gar nicht dazu passen die grobschlächtigen, unverkleideten Klappscharniere an der Rückbank. Die Sessel für Fahrer und Beifahrer gefallen mit körperfreundlicher Form und bester Langstreckentauglichkeit. Wie im Fusion hat man beim Mazda2 freilich einen Abstellplatz für den linken Fahrerfuß vergessen, er muß sich quälend verdreht zwischen Radhaus und Kupplungspedal einordnen. Die recht hohe Sitzposition und die für heutige Begriffe gute Übersichtlichkeit der Karosserie sind im Stadtverkehr ebenso Gold wert wie der enge Wendekreis von 10,3 Metern. Ärgerlich dagegen, daß nicht einmal der linke Außenspiegel einen asphärischen Teil gegen den toten Winkel bietet. In Sachen Bedienung steht Mazda nicht im Verdacht ergonomischer Extravaganz. Für den Fahrer ist alles dort zu finden, wo man es beim Gros der Autos gewohnt ist. Höchstens die serienmäßige Audioanlage, erfreulich ergänzt um zusätzliche Tasten im Lenkrad, verlangt ein kurzes Studium. Bei den Ablagen geht es vorn großzügig, im Fond dagegen knapper zu: So wurde nur auf der Fahrerseite eine Tasche an die Vordersitzlehne genäht.

Ford gehört in der Kunst der Fahrwerksabstimmung zu den Besten , und davon profitiert auch der Mazda
Unter der Motorhaube ist es dann aus mit der Eigenständigkeit des Mazda. Hier herrscht Ford mit seinen Duratec-Ottomotoren und einem Duratorq-Diesel aus der Kooperation mit Peugeot/Citroën - noch internationaler geht es wohl kaum noch.
Flotter Federungskomfort
Die beiden Vierzylinder-Benziner mit 1,4 und 1,6 Liter Hubraum werden auch im Fusion angeboten, im Mazda2 gibt es dazu noch eine auf 1,25 Liter reduzierte Version. Der 1,6-Liter als das stärkste Angebot leistet 74 kW (100 PS), und damit ist der kleine, aber leer immerhin 1.140 Kilogramm wiegende Wagen sehr ordentlich motorisiert. Da man bei Ford und Mazda auch nicht der Versuchung erlegen ist, die - etwas knochig zu schaltenden - Getriebegänge aus Verbrauchsgründen zu lang zu übersetzen, ist er stets voll bei der Sache: Er beschleunigt flott schon aus Drehzahlen um 1.100 je Minute, erreicht 100 km/h aus dem Stand bereits nach 11,6 Sekunden und ist mit 177 km/h Höchstgeschwindigkeit (die versprochenen 181 schaffte unser sehr junges Exemplar noch nicht) auch auf der Autobahn nicht verloren. Hier allerdings fordert die nur durchschnittliche Windschlüpfigkeit der Karosserie ihren Tribut, der Verbrauch steigt bis zu 10 Liter Super je 100 Kilometer. Mit einem hohen Autobahnanteil erklärt sich auch unser nicht eben bescheidener Durchschnitt von 8,2 Liter. Der nur 45 Liter fassende Tank kann da auf Reisen schon ein Hemmschuh sein. Der Motor klingt kernig und mit dem untergründigen Singen eines ganz aus Leichtmetall gefertigten Triebwerks, bei hohem Tempo lärmt er mit dem Fahrtwind um die Wette. Mehr als 6.000/min gesteht ihm der Drehzahlmesser nicht zu, und die werden bei Höchstgeschwindigkeit fast ausgenutzt.
Ford gehört in der Kunst der Fahrwerksabstimmung zu den Besten der Zunft, und davon profitiert auch der Mazda. Leichtfüßig eilt er durch Kurven aller Art, hilft dabei, wenn der Grenzbereich naht, mit einem sanften Leichterwerden des Hecks nach, enthält sich aber aller überraschender Reaktionen beim Lastwechsel. ESP, hier DSC (Dynamische Stabilitäts-Kontrolle) genannt, gibt es selbst in der teuersten 2-Version nur gegen 520 Euro Aufpreis - trotzdem eine ratsame Investition. Im Bedarfsfall greift der elektronische Helfer spät, aber rechtzeitig und eher sanft ein. Auch auf Schnellstraßen und bei Seitenwind zieht der Mazda spurtreu seine Bahn, die Lenkung ist allerdings um die Mittellage etwas unsensibel. Ein Sonderlob verdient die Bremsanlage mit serienmäßigem hydraulischem Assistenten. Sie beißt vehement zu, läßt sich aber gut dosieren und zeigt nur leichte Schwächen in der Spurhaltung beim vollen Verzögern. Von hartem Einsatz läßt sie sich kaum beeindrucken. Vom Federungskomfort des Mazda2 gewannen wir einen besseren Eindruck als im Fall des Fusion. Das Fahrwerk pariert selbst grobe Stöße ohne Poltern oder Durchschlagen, spricht auf kleinere Unebenheiten ausreichend geschmeidig an und egalisiert rauhe Straßenoberflächen ohne lästige Schwingungen.
Größter Vorteil im Wettbewerb: Ein neues Gesicht
Mit einem Grundpreis von 15.790 Euro ist der 1.6 Top der teuerste Mazda2. Den gleichen Motor kann man für 1.400 Euro weniger auch mit der Exclusive-Ausstattung haben, muß dann aber für Kopf-Airbags (zusätzlich zu den Front- und Seiten-Airbags), Leichtmetallräder, Nebelscheinwerfer, elektrische Fensterheber hinten und elektrisch einstellbare Außenspiegel Aufpreise bezahlen. Selbst im Top gilt andererseits die Klimaanlage als Extra (930 Euro). Ein automatisiertes Schaltgetriebe gibt es nur zu den 1,4-Liter-Motoren (Otto und Diesel). Den Ford Fusion kann man mit 1,6 Liter Hubraum erst zu einem Preis von 14.975 Euro haben, die Spitzenversion Elegance kostet 16.950 Euro. Der kleine konzerninterne Preisvorteil wird dem Mazda vielleicht helfen. Aber auch im Wettbewerb mit Dritten hat er einiges zu bieten: vor allem ein neues Gesicht, das nicht nur heute gefällig ist, sondern auch morgen noch gefallen kann.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 15 790 Euro
Preis des Testwagens 17 620 Euro
Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1596 Kubikzentimeter
Hubraum
Leistung 74 kW (100 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 146 Nm bei 4000/min, mindestens 90 Prozent davon ab
1800 bis 5400/min
Erfüllt Euro 4
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,93/1,68/1,55 Meter
Radstand 2,49, Wendekreis 10,3 Meter
Leergewicht 1080 (tatsächlich 1140), zulässiges Gesamtgewicht 1515,
Anhängelast 900 Kilogramm; Kofferraumvolumen 267/ 1044 Liter
Reifengröße 195/50 R 15 82 H
Höchstgeschwindigkeit 177 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,6 s, von 50 bis 100 km/h im 4. (5.) Gang 13,1
(18,9) s
Verbrauch 7,1 bis 9,6, im Durchschnitt 8,2 Liter Superbenzin je 100 km,
Tankinhalt 45 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 13, TK 25, VK 16
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01. Juli 2003
Bildmaterial: F.A.Z., Mazda