Von Michael Kirchberger
30. März 2006 Toyota hatte im vergangenen Jahr für kurze Zeit die Spitze der Leistungsentwicklung bei Vierzylinder-Dieseln mit seinem 2,2-Liter-Aggregat markiert. Es arbeitet jetzt in den Baureihen Corolla und Avensis und im neuen RAV 4, bei der feinen Tochtermarke Lexus treibt es den IS an. 58,27 kW (79,34 PS) je Liter generiert der mit allen Ingredienzien hoher Ingenieurskunst ausgestattete Selbstzünder. Piezoinjektoren bringen den Kraftstoff mit bis zu 1800 bar direkt in die Brennräume, zehn Bohrlöcher je Düse vernebeln den Sprit ultrafein, und über jedem der zum Zweck der Reibungsminimierung an ihren Hemden mit Kunststoff verkleideten Kolben arbeiten vier Ventile. Ein Turbolader unterstützt die Beatmung des Motors, im Auspuff sitzt ein wartungsfreier Rußpartikelfilter. Mittlerweile finden sich zum Beispiel bei Renault und bei BMW Vierzylinder-Diesel mit höherer Literleistung.
Aber Toyota verweist werbewirksam auf die aufwendige Abgasreinigung und steckt die Maschine gar nicht erst in die Basisversion des Avensis. Die Ausstattungsstufe Sol muß es zumindest sein, wenn man den machtvollen Anschub von 400 Newtonmeter in der Toyota-Mittelklasse erleben will, die kostet dann 26.050 Euro. Das Spitzenmodell der Baureihe, Executive, mit würzigen Zutaten wie Lederpolsterung, kraftvoller Audioanlage, Sensoren für Licht und Regen sowie Xenon-Scheinwerfern pikant abgeschmeckt, kommt auf 27.450 Euro.

Der Diesel ist willig für Beschleunigungswünsche
Die Erwartungen an den Motor sind nach dem Studium der technischen Leistungsangaben hoch. Nicht alle werden erfüllt. Munter und spontan springt der Diesel an. Die keramischen Glühkerzen eilen der Selbstzündung selbst bei arger Kälte flugs voraus, das mag des Fahrers Herz erwärmen, Gliedmaßen und Nase bleiben noch eine Weile kalt. Wenn die Außentemperaturanzeige minus acht Grad zeigt, braucht der D-Cat-Motor (Diesel-Clean-Advanced-Technology) mehr als fünf Minuten oder ebenso viele stramm gefahrene Kilometer, bis ein laues Lüftchen endlich aus den Heizungsdüsen strömt. Hilfreich ist beim Start in der Kälte die Sitzheizung, sie nimmt besonders bei der Entscheidung für eine Lederausstattung (1500 Euro Aufpreis) den Bezügen den frostigen Biß.
Doch schon während der Warmlaufphase antwortet der Diesel willig auf Beschleunigungswünsche. Seine deutlichen Vibrationen verliert er jedoch auch nach Erreichen der Betriebstemperatur nicht. Leise kribbeln Lenkrad oder Schalthebel in den Handflächen, der Fuß auf dem Gaspedal macht selbst durch die dicke Wintersohle hindurch glauben, ein Heer von Ameisen wäre dort unten unterwegs. Aber der D-Cat-Motor erfüllt das Leistungsversprechen. Nur kurz verharrt er nach dem Befehl zum Beschleunigen, keine halbe Sekunde vergeht, bis der Ladedruck steht. Dann jagt der Avensis nach vorn, als gelte es die Pole-position am Start zum Sushi-Buffet zu gewinnen. 8,6 Sekunden dauert die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h, bedeutender ist die Durchzugskraft in nahezu jedem der sechs Gänge und beinahe jeder Drehzahl, solange die oberhalb von 1600 Umdrehungen in der Minute liegt. Wenn der Motor im sechsten Gang und bei 100 km/h verhalten raunend tourt, vergehen nach dem Tritt aufs Gaspedal kaum fünf Sekunden, bis 120 km/h erreicht sind. Für die nächsten 20 km/h an Mehrgeschwindigkeit braucht die Maschine nur noch zwei Sekunden. Da schiebt das hohe Drehmoment an.
Sehr gemäßigter Konsum
Anfahrschwächen kennt der Wagen nicht, eher das Gegenteil ist der Fall. Besonders auf nasser Fahrbahn neigen die angetriebenen Vorderräder beim Anfahren schnell zum Durchdrehen, selbst im zweiten Gang verlieren die Pneus ihre Haftung, wenn der Super-Diesel seine Muskeln spielen läßt. Die Traktionskontrolle bremst das ungestüme Wesen der Maschine zwar, dennoch leidet der Fahrkomfort aufgrund der Zugkraftunterbrechung. Dafür ist der Motor unter akustischen Gesichtspunkten durchweg ein sehr kultivierter Vertreter der Selbstzünder-Riege. Sein Klang ist nicht aufdringlich, dennoch kraftvoll und angenehm.
So unbeschwert der Vierzylinder sein Lied der Leistung anstimmt, so wenig anspruchsvoll ist er in den Dingen des Konsums. Wer früh schaltet und die Drehzahl niedrig hält, fährt den Avensis mühelos mit sechs Liter Diesel 100 Kilometer weit. Weniger Zurückhaltung beim Beschleunigen oder der spritverschlingende Wechselbetrieb zwischen stockendem Stadtverkehr und flinken Autobahn-Fahrten durch die Region treibt den Treibstoffbedarf auf 9,2 Liter für 100 Kilometer. Durchschnittlich ergaben die Berechnungen einen Wert von 7,5 Liter Diesel. Das sind zwar 1,4 Liter mehr, als die Norm-Messung angibt, ist angesichts des beeindruckenden Leistungspotentials aber immer noch ein sehr gemäßigter Konsum. Und dank eines Tankinhalts von 60 Liter kommt die 1000-Kilometer-Marke für die Reichweite bis zum nächsten Nachfüllen ganz nah ins Blickfeld.
Die Lenkung wirkt fast zu leichtgängig
Die sechs Gänge des Getriebes lassen sich mit angenehmer Präzision wechseln, das Zusammenspiel zwischen Kupplung und Gaspedal gelingt auf Anhieb. Das ist auch gut so, denn für die gefühlvolle Bedienung bedanken sich die Mitfahrer: Brachial eingesetzte 400 Nm diktieren schließlich die Choreographie des Kopf-Nick-Balletts unvorbereiteter Passagiere. Die straffe Federung fördert zwar die Spurstabilität und sicheres Kurvenverhalten bei Ausweichmanövern, aber beim Überfahren von Kanaldeckeln oder Querfugen gibt sie kräftige Stöße an die Karosserie weiter. Die Bremsanlage arbeitet feinfühliger, der Pedal-Druckpunkt ist schön definiert, die Möglichkeit der feinen Dosierung kann gut genutzt werden. Die Lenkung wirkt fast zu leichtgängig, vermittelt zwar etwas mehr an Informationen über Traktion und Fahrbahnzustand als in den Benzinerversionen der Baureihe (das liegt am höheren Gewicht des Diesels), dennoch bleibt ein leiser Eindruck der Ungenauigkeit zurück.
Das Lenkrad kann axial und vertikal justiert werden, in Verbindung mit den elektrischen Verstellungen der vorderen Plätze findet sich schnell eine passende Position für den Fahrer. Die Sitze bieten überdies dank kräftig konturierter Rückenlehnen guten Seitenhalt, der Avensis-Pilot kann sich in stramm gefahrenen Kurven ganz auf die Arbeit am Volant konzentrieren und den gutmütig untersteuernden Wagen mit kleinen Korrekturen auf Kurs halten. Verlassen kann er sich im Grenzbereich auf das serienmäßige ESP, das den Toyota nicht ganz sanft, aber wirkungsvoll um die Kurve bremst. Beim Rangieren hilft ein Parkpilot hinten (370 Euro Aufpreis), der am Lenkrad montierte und mit diesem sich bewegende Bedienhebel des Tempomat stört dabei allerdings, weil er gerne unhöflichen Kontakt mit den Knien des Fahrers aufnimmt.
Sehr unaufgeregtes Automobil
Der Innenraum des Avensis in Executive-Ausstattung wirkt dank guter Materialzusammenstellung und solider Verarbeitung hochwertig. Klimaautomatik und Audio-Anlage (beides gehört zur Serienausstattung) sind in der Mittelkonsole untergebracht, der elektrisch aufklappende Farbmonitor des Navigationssystems (mit Sprachsteuerung oder Infrarot-Fernbedienung und Europa-DVD für 2400 Euro im Angebot) thront über dem Ensemble. Ablagen gibt es zuwenig im Avensis, Handschuhfach und der Behälter auf dem Mitteltunnel sind zwar groß, aber es fehlt der Platz für Schlüssel oder Mautkarte.
Der Avensis ist ein sehr unaufgeregtes Automobil, daran ändert auch die beeindruckende Leistungsentfaltung der Dieselmaschine nichts. Er schwimmt im Hauptstrom des Gefälligen, birgt keine Ecken und Kanten, an denen sich irgend jemand reiben könnte. Er will einfach nur ein solides, kräftig motorisiertes Auto für den alltäglichen Nahverkehr und die Reise sein. Ach, wie langweilig, werden manche sagen. Aber immer mehr Menschen schätzen gerade diese Eigenschaft.
Text: F.A.Z., 28.03.2006, Nr. 74 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.
