Von Wolfgang Peters
11. Mai 2004 Li Edelkoort hat da kürzlich in einem Gespräch mit der Zeitschrift "Country" ein paar Dinge gesagt, die uns im neuen Renault Espace wieder einfallen. Die holländische Trendforscherin ließ wissen, daß gerade Menschen mit ausgeprägt individuellem Selbstbewußtsein eine immer größere Sehnsucht entwickeln, Teil einer sicheren Gemeinschaft zu sein. Daß es in Zusammenhang mit einem Wandel der Werte zum Schätzen jener Dinge komme, die aus dem Reich des immateriellen Luxus stammten. Da bringt sich der Grand Espace nicht wirklich fugenlos ein, aber irgendwie schon.
Raum, das lehrt uns nicht nur die Werbung, Raum ist der wahre Luxus. Freilich nur so lange, wie keine anderen Ansprüche dagegenstehen. Renault entspricht den Forderungen der Espace-Eigner und hält wie bisher zwei Varianten seiner Großraumlimousine bereit. Mit einem Radstand von 2,80 und einer Länge von 4,66 Meter werden bürgerliche und bei 2,87 Meter Achsabstand und 4,86 Meter Länge fast schon fürstliche Vorstellungen erfüllt. Renault hat uns den langen Espace zugeführt, mit fünf Sitzen, sieben sind das Maximum, aber das war nicht nötig. Die beiden zusätzlichen Sessel kosten mit Seitenairbags 920 Euro Aufpreis.

Motorisiert war der Espace mit dem 2,2-Liter-Common-Rail-Diesel und aufgefüttert mit der Privilège-Ausstattung, 34.700 Euro sind dafür fällig. Der kürzere Espace in sonst identischer Ausführung ist 1.200 Euro billiger, eigentlich kein Betrag, der zum Verzicht animierte. Die Ausstattung ist überaus komplett, die Sicherheitsvorsorge vorbildlich. Allerdings ist der Umgang mit dem längeren Espace nicht nur eine Frage der Finanzen.
Bustour
Schon auf den ersten Metern stellt sich dieses Omnibus-Gefühl ein: Wir hier vorne und ihr da hinten, Kinder entdecken die Lust an der Entfernung, der Fahrer holt vor Kurven gern aus, er hat mit Rück- und Außenspiegel alles und alle im Blick, nur die Dimensionen der Karosserie bereiten Probleme, und mit der Übersichtlichkeit nach vorn steht es nicht zum besten. Der Espace ist immerhin 1,89 Meter breit, kaum weniger üppig als der 7er-BMW. Da schrumpfen Garagen zu Nischen, Hofeinfahrten mutieren zu Schlupflöchern, und der Versuch, im frei verfügbaren Straßenraum einen Parkplatz zu finden, gerät zur Reise ohne Wiederkehr. Zudem wirkt sich die Figur des Grand Espace auf seine Beweglichkeit aus. Statt 11,3 wie beim Normal-Espace beträgt der Wendekreisdurchmesser 11,8 Meter, auch die Agilität beim Richtungswechsel ist von der Trägheit der Größe geprägt. In Kurven schiebt der nicht nur große, sondern auch gewichtige Grand Espace mit spürbarer Entschlossenheit geradeaus, 2.015 Kilogramm brachte das von uns gefahrene Exemplar auf die Waage. Einen Spitzentanz zwischen knappen Kurven würden wir nicht mit dem Grand Espace aufführen wollen, aber das verlangt auch keiner von diesem Auto. Es läuft unbeirrt geradeaus, zeigt keine tückischen Lastwechselreaktionen, bleibt von Bodenwellen und Längsfugen unbeeindruckt, Seitenwind rüttelt vergeblich an ihm. Aus dieser Ruhe und aus seinem vorzüglichen Federungsverhalten erwächst eine hohe Langstreckentauglichkeit. Allerdings arbeitet die Lenkung etwas träge, setzt Lenkbefehle nicht mit ultimativer Agilität um, die Bremsen gehen ihrer Tätigkeit sehr entschlossen nach.
Der mit praktischen Ablagen gespickte Innenraum, die Möblierung, deren Variabilität und die gesamte Architektur des Espace bieten weitere gute Voraussetzungen für ein kommodes Leben. Die vier Klapptüren öffnen weit für alle Plätze, man muß sich etwas aufrichten zum Hinsetzen, der Hochsitz wird zum Ausguck. Vorn lebt es sich wie in einem Panorama-Kino, die Landschaft wird als Video-Programm geboten, der Espace wird zum Erlebnisraum. Man sitzt auf sehr körpernah geschnittenen, allerdings ein wenig hart gepolsterten Sesseln, das Volant hat die richtige Neigung eingenommen, linker Hand liegen die Tasten für die Klimaanlage (mit separater Regelung für das rückwärtige Abteil), das Radio läßt sich vom Lenkrad aus beherrschen, und für die gesamte Information ist eine mit Ziffern und Symbolen überladene Leiste in der Mitte des dünenähnlichen Instrumentenbretts zuständig. Die meist digitalen Anzeigen sind nicht der Weisheit letzter Schluß, viele kann man unter bestimmter Sonneneinstrahlung kaum noch ablesen. Aber Ablenkung findet nicht statt, der Fahrer verkraftet die Umstellung von Fernsicht auf Nahblick sehr gut. So gleitet die Espace-Besatzung dahin wie in einem Raumschiff, besonders in der Nacht ist das ein Erlebnis jenseits von konventionellem Fahren. Hinten sitzt man besser als in früheren Espace, aber Oberklasse-Gestühl ist das noch nicht. Zwar sind die hinteren Einzelsitze zu verschieben, es gibt jede Menge Fußraum, der Mittelsitz wandert noch weiter nach hinten, alles gleitet leicht in den Schienen, aber diese sind nicht abgedeckt, wir vermissen noch immer zwei Legosteinchen. Die Sitze hinten sind etwas schmal geraten, die Sitzhöhe ist weiterhin zu gering, es gibt kaum Schenkelauflage, das Gurtschloß ist ungünstig plaziert, es kann zu Druckstellen kommen.
Feinfühliges Arbeitstier
Ein Espace kann auch für das Grobe dasein. Man baut ihn einfach zum Transportcontainer um. Das beginnt mit dem Entnehmen der auf Würfelform zu bringenden Sitze, etwa 25 Kilo wiegt einer, das geht sogar ohne Bedienungsanleitung. Bei fünf Sitzen gibt es hinten eine Ladelänge von 122 oder mit ganz nach vorn geschobenen Rücksitzen von 144 Zentimeter. Demontiert man die hinteren Sitze, wächst die Ladelänge auf mehr als zwei Meter, den Beifahrersitz kann man ebenfalls ausbauen, dann hat man hier eine Tiefe von ungefähr drei Meter. Die Heckklappe ist ein Scheunentor, fast 120 breit und 106 Zentimeter hoch. So wird der Grand Espace zum großen Raum auf Rädern; seine Variabilität ist seine Stärke geblieben, auch wenn die Konkurrenz aufgeholt hat und wir keine weiteren Überraschungen zur abermaligen Erhöhung der Alltagstauglichkeit finden konnten. Zwar liegt die Ladekante erfreulich niedrig, aber auf eine verschiebbare Hilfe zum Einladen hofft man vergeblich. Auch Staumöglichkeiten, die über Fächer oder Verzurren hinausgehen, sind noch nicht vorhanden, da hat Mercedes im neuen T-Modell eine Ecke weiter gedacht.
Eine sehr harmonische Motorisierung ist der schnurrig laufende 2,2-Liter-Common-Rail-Diesel. Er startet nach dem Einschieben einer Chipkarte auf Knopfdruck, der Fahrer muß nicht bis zum Erlöschen der kleinen Glühspirale warten, er drückt den Startknopf, und der Motor wird zur rechten Zeit erweckt. Seine Leistung ist ein guter Kompromiß zwischen Kraft und Konsum. Er bringt den immerhin 2.015 Kilogramm wiegenden Renault gut in Fahrt. Allerdings ist eine leichte Anfahrtschwäche zu überwinden, erst mit dem Einsetzen des Abgasturboladers wächst die Kraft spürbar, dann muß man schon wieder vorsichtig mit dem Gaspedal umgehen, damit die Räder nicht durchdrehen. Der relativ kleine Motor in dem großen Wagen hält selbst am Berg wacker das Tempo, zieht mit guter Elastizität aus niedrigen Drehzahlen durch und ist dennoch ausreichend sparsam. Etwa neun Liter für 100 Kilometer war der niedrigste von uns erzielte Verbrauchswert, 10,1 Liter Diesel errechneten wir nach zügiger Fahrt. Das Sechsganggetriebe operiert leichtgängig, präzise und mit langen Wegen.
Der Grand Espace macht aus jedem hetzenden Fahrer einen gleitenden Menschen. Die Ruhe von Karosserie und Design überträgt sich auf seine Passagiere, er verwöhnt sie mit Raum und jenen Annehmlichkeiten, die man zwar fast überall kaufen, aber nur mit dieser Espace-Grundstimmung auch genießen kann. Der wahre Luxus ist doch die Fähigkeit, gute Gefühle in Gemeinsamkeit zu erleben. Frau Edelkoort hat da nicht unrecht. Im Grand Espace ist das keine Frage.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 34 700 Euro,
Preis des Testwagens 36 840 Euro
Vierzylinder-Diesel, Turbolader, Common-Rail-Einspritzung, 2188 Kubik
Hubraum
Leistung 110 kW (150 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 320 Nm bei 1750/min, 90 Prozent davon ab 1500 bis
3200/min
Erfüllt Euro 3
Manuelles Sechsganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,86/1,89/1,75 Meter
Radstand 2,87, Wendekreis 11,8 Meter
Leergewicht 1985 (tatsächlich 2015), zulässiges Gesamtgewicht 2605,
Anhängelast 2000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 456 bis 3050 Liter
Reifengröße 225/55 R 17 101V
Höchstgeschwindigkeit 194 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 12,4, s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang
9,6/13,9/18,4 s
Verbrauch 8,9 bis 10,1 im Durchschnitt 9,5 Liter Diesel je 100 km;
Tankinhalt 83 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 20, TK 35, VK 20
Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,40 Euro
Text: 18. März 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller