Von Michael Kirchberger
07. September 2006 Es muß um die Jahrtausendwende gewesen sein, daß Audi-Chef Martin Winterkorn beim Nachdenken über den Q7 das Liedchen vom Schiff, das kommen wird, im Kopf hatte. Ein mächtiger Bug, fast wie die tropfenförmigen Nasen der Hochseedampfer, ein Fahrerplatz wie auf einer Kommandobrücke und genügend Platz für Mannschaft und Fracht dahinter. Zwei gute Entscheidungen haben die Unternehmenslenker nach dieser Vision getroffen. Die erste war, den Q7 tatsächlich zu bauen, weil die Marke trotz 25 Jahren Allrad-Tradition bis dahin in der Klasse der SUVs nicht vertreten war. Die zweite, ihn in den Weiten Kaliforniens vorzustellen. Dort wirkte der 5,09 Meter lange Wagen fast zierlich auf den überbreiten Straßen und im Vergleich zu den Riesen-Pick-ups der Amerikaner. Denn im kleinen Europa muß schon ein routinierter Fahrensmann auf der Brücke stehen, um den Kaventsmann zielsicher zu manövrieren. Die Dieselversion des Q7, der 3.0 TDI mit 171 kW (233 PS), kostet schließlich schon als Grundmodell 48900 Euro. Da schmerzt jeder Kratzer.
Die Ausstattung des Q7 wird der ersten Klasse gerecht. Feine Lederbezüge, wohin das Auge reicht und das Händchen fühlt, der Audi ist ein fast flauschiges Auto mit seinen tiefen Teppichen und samtigen Verkleidungen. Die Vordersitze sind elektrisch einstellbar, das Lenkrad rückt dank zweier Justierebenen schnell und einfach in eine passende Position. Die erwartete gute Aussicht bleibt jedoch trotz der thronenden Sitzposition aus. Die hohe Fensterlinie, die dem Q7 ein gutes Stück seiner bulligen Form und seinen Insassen ein kuscheliges Gefühl von Sicher- und Geborgenheit beschert, schränkt die Sicht arg ein. Wo der Audi hinten endet, läßt sich noch erahnen, nach vorn nur grob schätzen. Aber Hilfe naht, der Lotse ist in Form eines Park-Assistenten (850 Euro) an Bord. Eine Rückfahrkamera liefert obendrein Bilder aus der Gefahrenzone. Der Sicherheit dient außerdem der Side Assist genannte Helfer (550 Euro Aufpreis) beim Spurwechsel. Er detektiert den toten Winkel neben dem Wagen und zeigt mit orangefarbenen Blinkleuchten kurz hinter den A-Säulen auf Höhe der Außenspiegel an, daß die jeweilige Spur besetzt ist.

Zu zweit reist es sich königlich
Übersichtlich und aufgeräumt ist das Armaturenbrett, alle Bedienelemente finden sich an gewohnter Stelle, neu ist nur eine Taste rechts neben dem Monitor des Navigationssystems. Ein Druck darauf läßt das Handschuhfach aufgleiten, was dem Fahrer einen Komfortgewinn verschafft. Denn der Q7 ist nicht nur außen fast zwei Meter breit, der Innenraum hat Ballsaal-Format, und es erforderte schon ein ordentliches Maß an Gelenkigkeit, vom Fahrersitz aus weit nach rechts hinüber zu grätschen, um die Klappe zu öffnen. Geschlossen wird sie auf herkömmliche Weise, also doch noch turnen. Die Raummaße des Q7 sind vorn schon überdurchschnittlich, und im Fond herrscht beinahe noch mehr Großzügigkeit. Zu zweit reist es sich dort königlich, ein dritter Mitfahrer auf der Bank verdrängt die Passagiere immer noch nicht aus dem Adelsstand.
Das Q im Namen des Audi-SUV könnte für den permanenten Allradantrieb Quattro stehen, die Ziffer sieben für die höchstmögliche Passagierzahl. Allerdings nur, wenn der Wagen mit der optional angebotenen dritten Sitzreihe für 700 Euro ausgestattet ist. Audi empfiehlt aber die hintersten beiden Sitze nur für Menschen bis 1,60 Meter Körpergröße. Unser Wagen war nicht mit der im Kofferraumboden versenkbaren Bank ausgestattet, hieß aber trotzdem Q7.
Der V6-Turbodiesel des Q7 3.0 TDI ist serienmäßig mit einem Partikelfilter ausgerüstet und macht seine Sache im schwersten Audi der Unternehmensgeschichte sehr ordentlich. Schließlich muß er wenigstens 2450 Kilogramm zuzüglich des Fahrers anschieben. Das gelingt ihm ohne bemerkenswerte Mühe, 500 Newtonmeter Drehmoment sind ein Angebot, das selbst beim Anhängerbetrieb mit den maximal erlaubten 3,5 Tonnen im Schlepp ein souveränes Vorankommen verspricht. Neun Sekunden braucht er, um den Q7 von 0 auf 100 km/h zu beschleunigen. Er klingt dabei kraftvoll, ein bißchen metallisch, aber keineswegs angestrengt. Bei höherem Tempo bis hin zu maximal 218 km/h bewahrt er sich das sanfte Flüstern und nervt nicht mit Brumm- oder Dröhngeräuschen. Da sowohl Windlärm als auch das Abrollgeräusch der 18 Zoll großen Räder unter dem üblichen Niveau bleiben, gefällt der Audi auf langer Strecke besonders gut - er ist ein Leisetreter, aber einer mit kräftigen Muskeln.
Tankvorrat ermöglicht ausgedehnte Kreuzfahrten
Die serienmäßige Automatik mit Tiptronic-Funktion wechselt die Übersetzungen kaum merklich und zum rechten Zeitpunkt. Das Schaltprogramm Sport ist nicht wirklich notwendig, Durchzugsmangel oder gar Anfahrschwächen sind dem Diesel-Q7 bereits bei neutraler Stellung der Getriebesteuerung fremd. Bei zügigem Tempo oder häufigen Zwischenspurts entwickelt der V6 allerdings einen erheblichen Durst. 13,5 Liter für 100 Kilometer sind dann keine Seltenheit, unter die Zehn-Liter-Marke haben wir den schweren Audi trotz aller Mühen nicht fahren können. 11,8 Liter Durchschnitt sind ein nicht eben zeitgemäßer Wert, wobei sich die Frage aufdrängt, ob fast 2,5 Tonnen Leergewicht nicht ebenfalls das Gewissen über die Maßen belasten. Der Tankvorrat von 100 Liter ermöglicht ausgedehnte Kreuzfahrten, erschreckt allerdings beim Bunkern, wenn die Uhr an der Säule deutlich über die 100-Euro-Grenze hinaus zählt.
Dank der Luftfederung (2510 Euro Aufpreis) bietet der Audi einen vorzüglichen Federungskomfort. Weder Querfugen noch Wellen bereiten ihm Schwierigkeiten, wenn die Einstellung Komfort gewählt wurde. Wird die Strecke kurviger, empfiehlt sich die sportlichere Programmierung oder die Automatik-Funktion, denn sonst müssen deutliche Neigungen der Karosserie in Kauf genommen werden. Die straffere Abstimmung verleiht dem Q7 trotz des hohen Gewichts eine überraschende Agilität. Sein Fahrverhalten ist dabei sehr neutral, weder bremst überzogenes Untersteuern den Kurvenspaß, noch überrascht ein ausbrechendes Heck im Grenzbereich. Stets läßt sich die Fahrt mit der leichtgängigen, aber hinreichend genauen Lenkung kontrollieren, einzig das etwas abrupt einsetzende ESP mag manchen stören. Allerdings bemerkt dann auch der gefühlsärmste Fahrer, daß er es wohl ein wenig zu toll treibt. Die Bremsen arbeiten tadellos. Mit dem für Audi typischen geringen Pedaldruck und den sich schnell aufbauenden Verzögerungsleistungen entsteht eine gute Dosierbarkeit, Ermüdungserscheinungen der Anlage ließen sich nicht feststellen.
Bis zur Sonnenbrillen-Ablage im Dachhimmel
Kaum Einschränkungen gibt es beim Gepäcktransport. Wenigstens 775 Liter bietet der Kofferraum, das Maximum wird nach dem Umklappen der Rückbank erreicht, 2035 Liter Volumen markieren dann einen sehr beachtlichen Wert. Unter dem Kofferraumboden gibt es weitere Aufbewahrungsmöglichkeiten. Ablagen sind in stattlicher Zahl an Bord und von großen Getränkehaltern über kleine Fächer und Staukästen bis zur Sonnenbrillen-Ablage im Dachhimmel praxisgerecht bemessen.
Parkhäuser oder die Altstadt von Florenz sind nicht die bevorzugten Aufenthaltsorte des Ingolstädter Dickschiffs. Es fühlt sich auf der Autobahn und in den breiten Einfahrten der Vorstadt-Villen deutlich wohler. Dort wird es gewiß öfter zu beobachten sein. Deshalb hat Audi ihm zwar eine ordentliche Basisausstattung mitgegeben, hält aber eine endlos erscheinende Liste von Extras bereit. Unser Testwagen war nicht mit allen Optionen ausgerüstet, kostete aber trotzdem fast 20000 Euro mehr als das Grundmodell.
Text: F.A.Z., 05.09.2006, Nr. 206 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller