Von Boris Schmidt
08. April 2004 Neben ihm sehen fast alle anderen Geländewagen aus wie Spielzeug: Der Toyota Land Cruiser 100 ist ein mächtiger Bursche mit knapp fünf Meter Länge, fast zwei Meter Höhe und Breite und einem Leergewicht von exakt 2,5 Tonnen. Zwei Wochen waren wir mit ihm unterwegs, sind zu Terminen nach München und sogar nach Paris gefahren, haben den riesigen Toyota im Alltag bewegt und dabei mehr als 500 Liter Superbenzin durch die elektronisch geregelte Multipoint-Einspritzung gejagt. Ein Durchschnittsverbrauch von 18,7 Liter auf 100 Kilometer ist kein Ruhmesblatt, bei dem hohen Gewicht, dem permanenten Allradantrieb nebst Automatik und dem leistungsstarken V8-Motor (4,7 Liter Hubraum) aber auch zu erwarten. Wem das zu viel ist, der braucht jetzt nicht weiterzulesen, oder er entscheidet sich für den ebenfalls angebotenen Sechszylinder-Turbodiesel, der aus 4,2 Liter Hubraum zwar weniger Leistung (150 kW/204 PS statt 175 kW/238 PS), aber mit 430 Newtonmeter Drehmoment beinahe ebensoviel Kraft schöpft wie der V8 (434 Nm).
An das wunderbare Säuseln eines V8 wird der Diesel aber nicht herankommen. Der Land Cruiser ist eines der Autos, an dessen Lenkrad man sich wie ein Kapitän der Landstraße fühlt, nur daß man eine schnellere Gangart wählen kann. Der mächtige Motor verleiht dem Toyota einen souveränen Auftritt, in der Stadt kann man bei 50 km/h mit 1000 Umdrehungen je Minute dahinrollen, auf der Autobahn lassen sich die 2,5 Tonnen bis auf 180 km/h beschleunigen. Dann läuft der große Wagen bei rund 3800/min sanft in einen Tempobegrenzer. Trotz der hohen Masse ist der Antritt des Toyota vehement, in weniger als elf Sekunden ist aus dem Stand die 100-km/h-Marke passiert.

Das Automatikgetriebe (Schaltung wird im V8 nicht angeboten) harmoniert prächtig mit der Maschine, Gangwechsel sind so gut wie nicht zu spüren, ein zweites Schaltprogramm gibt es nicht, wohl aber die Möglichkeit, in der zweiten Stufe anzufahren. Auch dank der bequemen und vielfältig (elektrisch) verstellbaren Sitze ist das Dickschiff ein prima Reiseauto, solange die Straßen nicht zu schlecht werden.
Zwar bietet der immer noch in klassischer Bauweise gefertigte Toyota (Leiterrahmen, Starrachse hinten) durchaus Fahrkomfort, doch wieviel besser Personenwagen federn, merkt man erst, wenn man einen direkten und unmittelbaren Vergleich hat. Vor allem auf der Autobahn verwischen die Unterschiede, da ist das höhenverstellbare Fahrwerk mit regelbarer Dämpfungscharakteristik (vier Stufen) am besten aufgehoben. Wir fuhren immer mit "soft".
Auf der Landstraße mahnen schon die schiere Größe und die hohe Sitzposition zu einer vorsichtigeren Gangart, die Seitenneigung in schnell gefahrenen Kurven ist die beste Erinnerung, nicht zu übermütig zu werden. Wer mit dem dicken Geländewagen sportlich fährt, ist selbst schuld, dafür ist er nicht gebaut. Aber für den Ausflug ins schwere Gehölz: Die Bodenfreiheit läßt sich um 5 auf 27 Zentimeter erhöhen. Um das Einsteigen zu erleichtern, kann sie auf 17 Zentimeter gesenkt werden. Abseits befestigter Wege bietet der Toyota mit Untersetzungsgetriebe samt Sperre des Zentraldifferentials und sperrbarem Hinterachsdifferential (auf Knopfdruck) beste Voraussetzungen fürs So-weit-wie-möglich-Durchkommen. Der Allradantrieb erfolgt permanent, man muß sich nicht darum kümmern. Die Untersetzung läßt sich nur im Stand einlegen.
Traktion ist eigentlich immer vorhanden, dank einer elektronischen Schlupfregelung. Die Elektronik kümmert sich außerdem um die Kurvenstabilität. Daß sie ein mögliches Über- oder Untersteuern verhindert, wie im Pressetext behauptet, ist natürlich Unsinn. Noch gilt für Toyota wie für alle anderen die Physik: Wer zu schnell ist, fliegt raus. Gegen die Physik können auch die Bremsen nicht arbeiten. Sie werden zwar überraschend gut mit dem hohen Gewicht fertig, aber der Bremsweg ist doch länger als bei einem leichteren Personenwagen. Wie Studien aus Amerika zeigen, sind Geländewagen keineswegs sicherer. Das Risiko, tödlich zu verunglücken, ist sogar höher. Aber darauf kommt es nicht an, Hauptsache, man fühlt sich sicher, und das tut man. Denn gekauft wird der Land Cruiser 100 in unseren Breitengraden wahrscheinlich nur wegen seiner mächtigen Statur, die Eigenschaften als Zugfahrzeug (3,5 Tonnen Anhängelast) sowie die als Transportfahrzeug gibt es dazu.
Tatsächlich haben fünf Personen an Bord ein sehr gutes Auskommen. In unserem Fahrzeug war sogar noch eine dritte Sitzreihe montiert, inklusive doppelter Klimaanlage, Bedienung fürs Audio-System im Fond und seitlichen Ausstellfenstern hinten (2300 Euro Aufpreis). Diese Bank kann man aber allenfalls Kindern zumuten. Sie besteht aus zwei Hälften, sie läßt sich nur schwer ausbauen, noch komplizierter ist das Einsetzen. Hingegen ist die zweite Reihe im Nu weggeklappt (Sitzfläche nach oben, Lehne asymmetrisch geteilt nach vorn). Es entsteht dann eine ebene Ladefläche (ohne die dritte Reihe) von 1,90 Meter Länge. Toyota gibt das maximale Ladevolumen mit 2212 Liter an. Doch schon der Raum hinter der zweiten Reihe dürfte ausreichen: Das Volumen beträgt 1318 Liter, wenn man bis zur Decke belädt. Die Tiefe mißt immer noch stattliche 1,15 Meter, der Abstand zwischen den Radkästen beträgt knapp 1,10 Meter bei einer Höhe von gut einem Meter. Die Heckklappe ist wie beim Range Rover oder BMW X5 horizontal geteilt, das hat die bekannten Vorteile, aber auch den Nachteil, daß das Beladen durch den unteren Teil der Klappe, der einem entgegenkommt, erschwert wird. Das vollwertige Reserverad hängt unter dem Kofferraumboden.
Im Gegensatz zu der kleineren Land-Cruiser-Variante (ohne die Bezeichnung 100) enthält sich das Top-Modell jeglicher Design-Experimente. Die Formen sind einfach, aber funktional. Das Auto ist fast wie ein Schuhkarton auf Rädern, aber nicht häßlich. Das Ausstattungsniveau hinkt dem guten Platzangebot keinesfalls hinterher. In der Executive-Variante wird fast alles, was gut und teuer ist, verbaut - aber nicht nur das Übliche wie Ledergestühl, Klimaautomatik und aufwendige Audio-Anlage. Außer mit einem sehr guten Navigationssystem auf DVD-Basis (noch nie haben wir uns in Paris so gut und schnell zurechtgefunden) brilliert Executive mit einer Rückfahrkamera, die sich beim Einlegen der rückwärtigen Fahrstufe selbst einschaltet (Wiedergabe auf dem Display des Navi-Systems). So sieht man das kleine Kind, das unmittelbar hinter dem Wagen steht. Im Dunkeln erreicht die Kamera aber rasch ihre Grenzen.
In Sachen Verarbeitung wird das von Toyota gewohnt hohe Niveau geboten, freilich ist die Haptik der verwandten Stoffe und Materialien allenfalls durchschnittlich. Seinen Nutzfahrzeug-Charakter kann der Land Cruiser im Innenraum nicht ganz ablegen, aber das ist vielleicht beabsichtigt. Ablagen finden sich reichlich, besonders gut gefallen hat das riesige Fach zwischen den Vordersitzen, es läßt sich sogar kühlen. Auch eine Telefonvorbereitung mit Bluetooth gehört zum Executive-Lieferumfang. Jedes Mobiltelefon, das diesen Standard beherrscht, kann an die Freisprechanlage angeschlossen werden.
Mit 67 900 Euro Endpreis ist dieser Toyota das Top-Modell der Marke. Konkurrenz hat er im Grunde nicht, vom Format her können nur die großen amerikanischen Geländewagen mithalten, selbst ein Range Rover wirkt im direkten Vergleich zierlich. Trotz aller lobenswerten Laufruhe ist der V8 im Vergleich zum Diesel beim Verbrauch sicherlich um fünf bis sechs Liter auf 100 Kilometer im Nachteil. Da sich beide Varianten nach Gewicht besteuern lassen, muß die Liebe zum V8 groß sein. Ganz kühle Rechner verzichten auf Executive und nehmen den Diesel für 59 700 Euro mit Automatik (nur dann mit Stabilitätskontrolle). Mancher kauft eben nach dem Grundsatz "big is beautiful".
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 65 600 Euro Preis des Testwagens 67 900 Euro
V-Achtzylinder-Motor, vier Ventile je Zylinder, 4664 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 175 kW (238 PS) bei 4800/min
Höchstes Drehmoment 434 Nm bei 3400/min, 90 Prozent davon ab 2500 bis 5000/min
Erfüllt Euro 3
Automatikgetriebe mit fünf Stufen
Permanenter Allradantrieb
Länge/Breite/Höhe 4,89/1,94/1,85 Meter Radstand 2,85, Wendekreis 12,6 Meter
Leergewicht 2320 (tatsächlich 2500), zulässiges Gesamtgewicht 3260, Anhängelast 3500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 1318 Liter
Reifengröße 275/60 R 18 113H
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h Von 0 auf 100 km/h in 10,7 s
Verbrauch 16,3 bis 20,6, im Durchschnitt 18,7 Liter Superbenzin je 100 km; Tankinhalt 96 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 24, TK 40, VK 37
Vollkosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,70 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2004, Nr. 82 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.