Von Michael Kirchberger
29. Juni 2005 Bei Nissan arbeiten wohl auch Romantiker: "Murano" nennt der mit Renault verbandelte japanische Autohersteller seinen großen SUV. Das Sport Utility Vehicle ist bereits seit gut zwei Jahren erfolgreich in Amerika unterwegs. Mit einer den europäischen Bedürfnissen angepaßten Abstimmung taucht der 4,77 Meter lange Wagen nun auf den Straßen der Alten Welt auf.
Zum Preis von 43900 Euro gibt es permanenten Allradantrieb, den aus dem Nissan 350Z bekannten 3,5-Liter-V6-Benziner und eine komplette Ausstattung. Aber keine weiteren Wahlmöglichkeiten. Das Murano-Angebot ist steif wie seine Karosserie. Einzige Maßnahme zur Individualisierung ist Metallic-Lack, den bekommt der Kunde für 790 Euro.

Individuell und selbstbewußt
Die straffe Gestalt des Nissan-SUV kann auch bei uns Freunde finden. Nicht klobig oder klotzig, aber sehr kraftvoll und eigenständig tritt der Murano auf. Muß er auch, schließlich steht er im Wettbewerb zur M-Klasse von Mercedes-Benz, zum BMW X5 oder zum VW Touareg. Diesen begegnet er selbstbewußt und schnörkellos: ausgewogene Proportionen und eine ebenso klare wie gediegene Innenausstattung wecken Emotionen der positiven Art. Das in dezenten Farben gehaltene Interieur wird mit Aluminium und Holzeinlagen verfeinert, es grüßt die unaufgeregte Einrichtung eines Designerhotels.
Übersichtliches Cockpit
Das ausladende Armaturenbrett ist keineswegs überfrachtet, Schalter und Hebel sind eher zurückhaltend gestaltet und einfach zuzuordnen, ohne aufdringlich zu sein. Der Umgang mit dem Murano fällt leicht, das Studium der Bedienungsanleitung ist erst beim tieferen Einstieg in die Funktionsebenen notwendig. Ablagen gibt es in großer Zahl, die Türtaschen bieten, mit einem Klappmechanismus ausgestattet, auch größeren Atlanten Platz, Fächer auf dem Mitteltunnel und unter der Armlehne nehmen fast maßgeschneidert die Mitnehmsel des Alltags auf. Ungeeignet dafür ist die große Fläche unter der Frontscheibe, sie ist alles andere als rutschfest und daher eher als Designelement denn als Ablage zu betrachten.
Die Instrumentierung beschränkt sich auf Kühlmitteltemperatur, Tankinhalt sowie Drehzahl und Geschwindigkeit, die beigefarbenen Skalen sind gut ablesbar. Der Bordcomputer gibt nur über Fahrzeit und Strecke Auskunft, Außentemperatur oder Verbrauchswerte werden nicht mitgeteilt. In der Mitte des Armaturenbretts finden sich der Farbmonitor mit Bedienungstasten für das Navigationssystem, die CD-Audio-Anlage und die Klimaautomatik, alles ist serienmäßig. Der Volant liegt dank eines griffigen Lederbezugs gut in der Hand, kann aber nur in der Höhe justiert werden, in seine drei Speichen sind die Funktionen des Tempomats integriert, auch das Radio läßt sich von hier aus bedienen. Elektrisch angetrieben, schnurrt der Fahrersitz in eine angenehme Position. Gas- und Bremspedal lassen sich ebenfalls elektrisch justieren.
Kraftvoller Motor, hoher Verbrauch
Grollend erwacht der V6 zum Leben. Er wird ganz konventionell mit einem Zündschlüssel gestartet, der Wählhebel des Automatikgetriebes gleitet in die Fahrposition, und der Druck aufs Gaspedal hat einen sehr beachtlichen Antritt zur Folge. In 8,9 Sekunden beschleunigt der nicht eben leichte Murano von 0 auf 100 km/h, er tut dies mit Nachdruck, aber doch ohne jene Bissigkeit, die der V6 im leichteren 350Z demonstriert. Gut 200 km/h sind möglich, die vom stufenlosen Getriebeautomaten nivellierte Drehzahl irritiert anfangs. Sie schnellt hoch und bleibt beim Beschleunigen unter Volllast auf diesem Wert. Wer dies nicht mag, kann wie bei einer Tiptronic-Schaltung manuell durch sechs programmierte Übersetzungsstufen klicken, auf Dauer ist dies jedoch mühsam, da der Wählhebel rechts auf dem Mitteltunnel ungünstig weit entfernt vom Fahrer positioniert ist. Dennoch reagiert der Motor sehr spontan auf den Leistungsabruf, wirkt stets präsent und engagiert. Und niemals überfordert. Mit kraftvollem Klang schiebt er den 1870 Kilogramm schweren Murano an, der elektronisch gesteuerte Allradantrieb läßt keine Traktionsprobleme zu und hilft auf nasser Fahrbahn beim flinken Spurt. Die Kombination aus hoher Leistung, üppigem Fahrzeuggewicht, Allradantrieb und Automatik treibt erwartungsgemäß den Treibstoffkonsum in unrühmliche Höhen. Unser Minimalverbrauch wurde mit 9,7 Liter Superbenzin für 100 Kilometer ermittelt, scharfe Autobahnfahrt oder Stadtverkehr führten zu maximal 16,4 Liter. Der Durchschnitt von 13,6 Liter ist nicht zeitgemäß, aber ein sparsamerer Diesel ist zumindest für diese Murano-Generation nicht in Sicht. 82 Liter passen in den Tank, Geduld ist erforderlich, um das Behältnis wirklich bis zum Kragen zu füllen.
Komfortabel unterwegs
Geschwind und komfortabel ist das Reisen im mächtigen Nissan. Die Federung zeigt sich fein abgestimmt, straffer wohl als die der amerikanischen Brüder, doch immer noch weich, so daß der Murano mit deutlicher Karosserieneigung durch die Kurven eilt. Das hohe Gewicht bringt das serienmäßige ESP an die Grenzen seines Regelvermögens, und in schnellen Kurvenkombinationen schaukelt sich der Wagen auf, wenngleich seine grundsätzlich untersteuernden Kurveneigenschaften eher gutmütigen Charakters sind. Das zügige Bewältigen der gewundenen Landstraße bereitet ohnehin nur geringes Vergnügen, die Sitze bieten wenig Seitenhalt, und auf den zwar feinen, aber glatten Lederbezügen verliert der Fahrer lange vor den Reifen die Haftung. Die Lenkung spricht so leicht an wie die Bremsen, sie ist in der Mittellage ungenau, beim Beschleunigen sind die Antriebseinflüsse spürbar. Dies wird erheblich besser, wenn mit "4x4 Lock" die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse von variabel zu starr wechselt, dies macht den Wagen etwas ruhiger und das Geradeausfahren leichter. In engen Baustellenspuren verlangt der Murano dennoch Konzentration, schon wegen seiner üppigen Breite von 1,88 Meter. In der Stadt erweist sich die schmucke Karosserie als sehr unübersichtlich, immerhin hilft eine serienmäßige Rückfahr-Kamera beim Rangieren. Vorn jedoch verliert sich der Blick in der spiegelnden Wölbung der Motorhaube, was danach kommt, bleibt wegen des fehlenden Parkpiloten im ungewissen.
Großzügiger Innenraum
Innen müssen die Passagiere weniger unter der Schönheit leiden. Im Fond gibt es reichlich Raum, der Knieraum ist beachtenswert. Für Transportaufgaben klappt man die Lehnen der Rücksitze (sie können für besseren Sitzkomfort in drei verschiedenen Neigungswinkeln arretiert werden) asymmetrisch nach vorn, die drei Kopfstützen und Sicherheitsgurte hinten müssen dafür ihre angestammten Plätze nicht verlassen. Ein ausgeklügelter Mechanismus senkt die Sitzflächen bei diesem Vorgang ab, eine ebene Ladefläche entsteht. Hilfreich sind die Entriegelungsgriffe der Sitzlehnen im Kofferraum, allerdings bringt sich die filigrane Abdeckung der Ladefläche nicht selbst in Position, so sind immer mehrere Handgriffe nötig. Ein elastisches Netz zur Gepäcksicherung ist an Bord, es sollte genutzt werden. Denn auf dem glatten Teppich der 78 Zentimeter über der Straße siedelnden Ladefläche bleibt unterwegs nichts an seinem Platz. Die Zuladung von 510 Kilogramm sowie die maximale Anhängelast von 1,5 Tonnen sind in dieser Klasse nur ausreichend.
Der Nissan Murano genießt mit seinem stufenlosen Automatikgetriebe eine Alleinstellung in seiner Klasse. Auch sein Preis ist mehr wert als nur einen Blick zur Seite. Allerdings hätte Nissan auf dem Weg nach Europa gleich noch an einen drehmomentstarken Diesel denken können. Aber damit fühlte sich vielleicht wiederum die Automatik überfordert. Mit zurückhaltenderen Trinksitten wäre der sympathisch-romantisch klingende Nissan Murano ein gutes Angebot, ein feiner Wagen zum Reisen mit herausragendem Komfort.
Nächste Woche: Mercedes-Benz B 200; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte
Text: F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.