Von Wolfgang Peters
02. November 2006 Die Heinzelmännchen sind eine deutsche Erfindung. Sie sind Hoffnungsausdruck überlasteter Hausmänner und Zufluchtsvision von Steuerpflichtigen. 170 Jahre nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt in Köln haben die Heinzelmännchen neue Arbeitgeber in Korea gefunden: Kia, Hyundai und Co. müssen ein Abkommen mit den zu nächtlicher Stunde agierenden Werktätigen in Zwergenform haben. Denn aus dem fernöstlichen Land der Stille wachsen in immer kürzerer Folge immer neue Modelle heraus. Oder bestehende werden kurzfristig ersetzt, und die neuen Varianten werden nicht nur deutlich besser als die alten. Sie rücken auch immer näher an die Wünsche der europäischen Kunden heran.
Das ist Kia mit dem neuen Carens auch recht gut - natürlich nicht vollkommen, aber immerhin recht zufriedenstellend - gelungen. Das komplett neu konstruierte Raumfahrzeug in kompakter Form folgt ohne falsche Scheu den Vorgaben der wichtigsten Konkurrenten wie Opel Zafira, VW Touran oder Renault Scénic. Allerdings nicht bei den Preisen. Denn gleichzeitig verfolgen die Koreaner eine Strategie der behutsamen Beschränkung: Beim Carens kann man nur zwischen zwei Motoren wählen, es gibt einen Benziner (zwei Liter Hubraum, 106 kW/144 PS) und den von uns ausprobierten Diesel. Der Preisunterschied von fast 2000 Euro in jeder Version spricht für den billigeren Benziner, da kann man in der Familie schon mal einen Winterabend mit Berechnungen einplanen, und man sollte dabei die Ausstattung (drei Stufen, kaum Extras) nicht vergessen. Denn der billigste Carens ist schon für 18.455 Euro zu haben, eine besonders schöne Offerte: Wenn es in erster Linie um den Raum auf Rädern geht, dann ist das die erste Wahl.

Spitzenvariante kommt als CRDi
Wer nicht auf den Euro schaut, der greift zur Spitzenvariante. Sie kommt als CRDi (Common-Rail-Diesel) mit EX-Ausstattung und kostet wie im Falle des Testwagens inklusive der Multimedia-Festplatten-Navigation (1999 Euro), der dritten Sitzreihe (600 Euro) und dem schmeichelnden Lederpaket (inklusive Sitzheizung vorn für 1730 Euro) 27.579 Euro. Man sieht, auch Kia kann bei den Preisen nicht zaubern, aber wer sich billig nicht leisten kann, der muß eben tiefer in die Tasche greifen. Dabei ist das nicht immer lohnend. Denn die Kombination aus Navigation, Radio und DVD-Laufwerk ist ihr Geld nicht wert. Fast 2000 Euro werden hier fällig für ein unübersichtliches Sammelsurium winziger Drucktasten, einer undurchsichtigen Bedienung und einem höchst zweifelhaften Klangerlebnis. Ohne es geprüft zu haben: Das DIN-Radio-Navisystem für 400 Euro kann kaum schlechter sein. Mit der Entscheidung für sieben Sitze geht der Verzicht auf eine Laderaumabdeckung einher, die gibt es nur bei der Bestückung mit fünf Plätzen.
Ansonsten bleibt Kritik an der Ausstattung aus. Der gut verarbeitete, aber nicht durchweg mit wirklich wertvollen Kunststoffen versehene Carens kommt schon in der Basisversion zum Beispiel mit Klimaanlage und ESP sowie mit allen denkbaren Komfortzutaten. Zum elektronischen Stabilitätsprogramm gehört auch eine Traktionskontrolle, die zumindest bei der stämmig antretenden Dieselversion durchaus alle Hände voll zu tun hat. Das merkt man daran, daß auf nasser Fahrbahn schon bei mittlerem Gaseinsatz die Räder in den Gängen eins und zwei kurz durchdrehen, ehe die Leistung elektronisch zurückgenommen wird. Unzufrieden darf man bei sehr niedrigen Temperaturen mit dem Ansprechverhalten der Heizung sein; bis sie auf Touren kommt, ist man schon am Parkplatz des Sessellifts.
Der im Vergleich zum Vorgänger tüchtig gewachsene Carens trägt ein ansehnliches Karosseriekleid. Aus manchen Perspektiven wirkt er wie ein prestigeträchtiger Geländewagen, seine Silhouette ist bullig-elegant, und der Schwung in der seitlichen Fensterlinie verleiht ihm jene Keckheit, die wir bisher bei koreanischen Nutztieren vermißten. Allerdings führt er hier zu unangenehmer Behinderung beim Blick nach schräg hinten. Vorn sitzt man in angenehm erhabener Position auf bequemen, vielfältig und elektrisch verstellbaren Sesseln. Und auch die zweite Reihe hält sehr bequeme, gleichwohl wenig Seitenhalt bietende Plätze bereit. Zum leichteren Einstieg nach ganz hinten bewegen sich die mittleren Sitze mit einem Handgriff nach vorn, dann steigt man leichter durch, aber eine Restmenge an Geschmeidigkeit sollte man hierfür noch aufbieten können. Die beiden Einzelsitze hinten sind auch für Erwachsene geeignet, aber kaum für lange Strecken und für Menschen im XXL-Format. Die Heckklappe reicht bis auf den Stoßfänger und schwingt über die Stehhöhe eines Menschen hinaus. Die Ladekante liegt freundlich tief, die Öffnung ist 136 Zentimeter breit und gewährt großräumigen Zugang. Nur 26 Zentimeter tief ist der Laderaum bei der Bestückung mit sieben Plätzen, da ist der Protest der sieben Zwerge nicht zu vermeiden, zumal sie das leckere Schneewittchen daheim lassen mußten. Fünf Figuren können sogar richtig umfangreiches Gepäck bunkern, dafür klappt man die hintersten Lehnen um: Die Ladefläche ist dann 92 Zentimeter tief und zwischen den Radkästen noch immer 105 Zentimeter breit. Einfaches Demontieren und flottes Einbauen der Sitze sind nicht vorgesehen. Bei der Bestückung mit sieben Erwachsenen rückt man in die Nähe der Nutzlast, da ist Beschränkung beim Gepäck nicht zu vermeiden.
Serienmäßig mit Partikelfilter antretender Dieselmotor
Mit dem Leergewicht von rund 1,7 Tonnen hat der serienmäßig mit Partikelfilter antretende Dieselmotor unerwartet leichtes Spiel. Er stammt im Prinzip aus der vorigen Carens-Generation, wurde aber für höhere Laufkultur, harmonischere Leistungsabgabe und niedrigere Verbräuche überarbeitet. Das ist Kia in allen Disziplinen wohl gelungen, allein die Wirkung des Abgasturboladers ist durch das sprunghaft steigende Drehmoment zu spüren. Da ist besonders beim Anfahren ein leichterer Gasfuß gefragt, in den höheren Gängen kann man gut auf der Leistungswelle der Kraft aus dem Abgas surfen. Die Maschine läuft mit sanftem Bollern und geringen Vibrationen, Brummtöne halten sich sehr im Hintergrund, sie agiert elastisch und durchzugsstark, man findet beim Hochschalten in jedem der Gänge des leicht und exakt zu schaltenden Getriebes jederzeit feinen Anschluß. In der Stadt kann man nach kurzem Hochziehen des Motors rasch in die vierte oder fünfte Stufe wechseln und dort bleiben. Der sechste Gang eignet sich für sanftes Rollen bei 70 km/h ebenso wie für zügiges Gleiten in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit von fast 190 km/h. Der Verbrauch ist stark von der Fahrweise abhängig, das Tankvolumen knapp bemessen. Relativ hoch ist der Konsum in der Stadt, da errechneten wir etwa 10 Liter für 100 Kilometer, schnelles Treiben auf der Autobahn führt zu etwa 8, ruhiges Gleiten auf der Landstraße zu knapp 6 Liter, im Durchschnitt waren es 7,3 Liter.
Im Fahrverhalten gehört der Carens zur Kategorie unauffälliger Dienstboten. Man wird ihn nicht wie einen Sportwagen fahren, aber er überzeugt auch in kritischeren Situationen mit der Abwesenheit von Tücke, er übersteuert früh, man kann sich gut darauf einstellen. Die Lenkung ist drehzahlabhängig unterstützt und arbeitet ohne Antriebseinflüsse. Auch der Federungskomfort kommt nicht zu kurz, rundum Einzelradaufhängung einzusetzen führt in Kooperation mit guter Abstimmung von Federn und Dämpfern zu einem überzeugenden Ergebnis.
Vielleicht sollte Kia noch mehr auf die Tätigkeit der Heinzelmännchen setzen. Vor allem bei den höherwertigen Versionen, denn der Finanzsprung von der Basis- zur Top-Variante erscheint zu weit. Daß die europäischen Konkurrenten da noch weiter springen, kann den Kunden kaum trösten. Aber wir haben jüngst ein paar Heinzelmännchen gesehen. Wieder, wie einst vor 170 Jahren, daselbst in Köln.
Text: F.A.Z., 31.10.2006, Nr. 253 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller