Von Gerold Lingnau
28. September 2005 Dacia? Logan? Nie gehört? Wer das zugibt, ist nicht a jour. Unsere Geiz-Nation kann einfach nicht übersehen, wie da ein renommierter Automobilkonzern mit einem neuen Modell an die niedrigsten pekuniären Instinkte appelliert. Daß er es nicht den sparsamen Deutschen zuliebe tut, sondern für eine ganz andere Klientel in wirklich armen Ländern, tut dem Aufmerksamkeitswert keinen Abbruch. Und obwohl das Auto-Establishment nicht müde wird zu predigen, daß man fürs gleiche moderate Geld statt eines billigen Neuwagens einen prima Gebrauchten haben kann, hat sich auch in den saturierten Käuferländern Interesse für den Dacia Logan gezeigt, jenes Auto, das Renault entwickelt hat und vorwiegend in Rumänien produzieren läßt. Mancherorts soll es sogar Lieferfristen geben - ein wundersames Stichwort in den Zeiten des Überangebots.
Was ist das nun für ein Auto, das wie Crocodile Dundee in die feine Gesellschaft der aufgeputzten westlichen Modelle einbricht und ihren Komfort in Frage stellt? Ein nackter Spatz, gewiß. Wie nackt die Basisversion für 7.200 Euro wirklich ist, mag Verwöhnte erschauern lassen. Keine Servolenkung. Kein ESP. Keine Zentralverriegelung. Keine Umlufttaste. Außenspiegel nur händisch zu verstellen und natürlich nicht heizbar. Keine getönten Scheiben. Keine Verkleidung des Kofferraums. Handkurbeln für sämtliche Fenster. Selbstverständlich keine Klimaanlage. Keine Höheneinstellung für Fahrersitz und Lenkrad. Eine Negativliste wie ein Offenbarungseid. Aber gemach: Wir können bestätigen, daß es sich selbst damit leben läßt. Zumindest wenn man bedenkt, daß dies der Komfortstandard einer gar nicht so weit zurückliegenden Zeit ist - einer Zeit, in der alle mit ihren Autos eigentlich ganz zufrieden waren.

Ausreichende Serienausstattung
Der Logan weckt solche Erinnerungen und stimmt zugleich versöhnlich mit Ausstattungsdetails, die ganz von heute sind: ABS, zwei Airbags, Wegfahrsperre (wer wird so hochnäsig sein, dieses Auto nicht als Diebstahlobjekt anzuerkennen?), fünf einstellbare und ausreichend hohe Kopfstützen, Radiovorrüstung. Legt man 300 zusätzliche Euro für die mittlere Version Ambiance an, hat man zwar immer noch keine Servolenkung (man kann sie aber für 450 Euro kriegen, serienmäßig ist sie in der Top-Ausstattung Laureate für 8200 Euro), doch immerhin schon höheneinstellbare vordere Gurte, Colorglas, eine Kofferraumverkleidung und -beleuchtung, Zentralverriegelung und die Umluftregelung. Und man hat Zugriff auf die nur mäßig lange Extra-Liste, so etwa auf die manuelle Klimaanlage (800 Euro) oder ein Paket für 300 Euro, das elektrische Fensterheber vorn und eine Funk-Fernbedienung für die Zentralverriegelung enthält.
Karger Innenraum
Unser Ambiance kam so auf einen Endpreis von 9.440 Euro, und das ist immer noch sehr anständig für ein Auto, das funktionell wenig zu wünschen übrigläßt. Auf seinen 4,25 Meter Länge - das sind nur 5 Zentimeter mehr als ein Golf - bietet der Logan fünf Personen bequem Platz und dazu 510 Liter Kofferraum, also fast um die Hälfte mehr als der VW. Da können Familien Urlaub machen. Sehr heimelig ist es allerdings nicht im Logan, außer praktischem Hartplastik und lackiertem Metall kann das schweifende Auge im Innenraum nichts ausmachen. Schwellende Polster sucht man ebenso vergebens, die Sitze sind von sparsamer Gestalt, vor allem die Lehnen sind sehr kurz. Obwohl der Dacia von hinten schmal und etwas hochbeinig wirkt, ist die Breite der Rückbank für drei Erwachsene auskömmlich, wenn sie nicht alle übergewichtig sind (dann gäbe es auch mit der Zuladung Schwierigkeiten, bei unserem Wagen 445 Kilogramm), Kopfhöhe und Knieraum sind reichlich. Der Fahrer hat außer der Längs- und Lehnenverstellung seines Sitzes keine Variationsmöglichkeiten, auch das Lenkrad ist starr. Doch damit kommen Leute unterschiedlicher Statur besser zurecht als befürchtet. In der Instrumententafel hat man dem Logan sogar einen Drehzahlmesser spendiert, der (analoge) Tacho ist gut ablesbar und nett beleuchtet. Für den Tankinhalt gibt es eine Kästchenanzeige. Beim ersten Abbiegen erschrickt der Mensch am Lenkrad: Die Blinkerkontrolle quiekt wie eine hypertrophe Maus. Sonst aber bringt die Bedienung keine Überraschungen mit sich. Die Schaltung flutscht vorbildlich, nur der Rückwärtsgang will oft nicht auf Anhieb einrücken. Keine Abstriche auch bei der Handlichkeit, die Servolenkung hilft selbst schwachen Kräften auf und macht sich Freunde mit ihrem engen Wendekreis.
Ein Kofferraum mit Tücken
Am Kofferraum stören die hohe Ladekante, die auch seinen Boden um 17 Zentimeter überragt, und daß man ihn nicht erweitern kann. Zwar läßt sich die Sitzfläche der Rückbank hochklappen oder herausnehmen, wenn man sie vor unverträglichem Ladegut schützen will, doch ihre Lehne ist nur mit Werkzeugeinsatz zu entfernen. Wer den Kofferraumdeckel öffnet, sollte sich nicht zu schnell über sein Gepäck beugen, denn die harte Kante schwingt guillotineartig zurück und knallt ihm auf den Hinterkopf. Wenn er dann vor Wut den Deckel zuschlägt und anschließend merkt, daß er bei zugesperrten Türen den Schlüssel im Kofferraum abgelegt hat, darf er den Notdienst alarmieren - eine Fernentriegelung gibt es nicht. Positiv und dem eigentlichen Verbreitungsgebiet des Logan geschuldet ist das vollwertige Reserverad.
Sicher mit dem richtigen Reifen
Über das Fahrverhalten des Logan im Kurvengrenzbereich ist schon ausgiebig gelästert worden, und das nicht nur, weil kein ESP hilfreich eingreifen kann. Gute Markenreifen vorausgesetzt, braucht man aber in dem Dacia nicht dauernd um seine Gesundheit zu bangen. Die Fahreigenschaften sind nicht gerade hochkarätig, doch durchaus verläßlich, das Auto untersteuert sanft und wird bei Überforderung etwas leichter ums Heck - darauf muß man gefaßt sein, erst recht bei Nässe oder Glätte. Ein wenig unstet ist auch der Geradeauslauf bei hohem Tempo. Braven Durchschnitt verkörpern die Bremsen in Wirkung und Standfestigkeit. Einen guten Eindruck macht der Logan dagegen mit seinem Federungskomfort. Er stuckert weder auf kleinen Unebenheiten, noch schlägt er auf groben durch, die Insassen werden vor den Nachlässigkeiten des Straßenbaus gut behütet. Einige Karosseriegeräusche signalisieren Defizite in der Verarbeitungsqualität - aber das kann sich mit wachsenden Stückzahlen gewiß bessern.
165 km/h Spitze
Standardantrieb des Logan ist ein 1,4-Liter-Vierzylinder, ein Benziner aus dem Renault-Baukasten. Daneben gibt es eine 1,6-Liter-Variante mit 64 kW (87 PS), doch nur mit der Laureate-Ausstattung (8.700 Euro). Die 55 kW (75 PS) des Kleineren erscheinen nicht mehr ganz so mickrig, wenn man das geringe Leergewicht unseres Wagens von 1.090 Kilogramm bedenkt. Trotzdem bleiben die Fahrleistungen am unteren Ende des heute Erwünschten: Mit 165 km/h ist man auf der Autobahn von Polos und Corsas umgeben, mit 13,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h gewinnt man keinen Sprintwettbewerb, und die Elastizitätswerte weisen den Motor als ziemlich zähledrig aus. Seine Laufruhe ist lobenswert, seine Geräuschentwicklung weniger, um 140 km/h herum gab es bei unserem Exemplar eine unangenehme Dröhnzone. Und daß sein Abgas nur Euro 3 genügt, ist heute schon fast eine Schande. Mit einem Durchschnitt von 8,0 Liter Super je 100 Kilometer ist Renaults Ziehkind angemessen sparsam und so mit seinem 50-Liter-Tank gut ausgerüstet.
Logan oder Gebrauchtwagen? Diese Frage stellt sich wohl nur im seltenen Einzelfall. Wer das einfache Leben nicht schätzt, hat sich schon entschieden. Aber drei Jahre Garantie, Ölwechselintervalle von 30.000 Kilometer sowie die Möglichkeit, Glühlampen noch ohne Werkstatthilfe auszuwechseln, haben auch ihren Reiz. Und will Rumänien nicht ohnehin in die EU?
Text: F.A.Z., 27.09.2005, Nr. 225 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.