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Fahrtbericht BMW 120d

Zur Freude am Sparen sehr ungeeignet

Von Michael Kirchberger

Klein, agil, aber teuer: BMW 120d

Klein, agil, aber teuer: BMW 120d

30. März 2005 Viele Jahre war BMW in einer Welt aus drei Zahlen zu Hause. Drei, Fünf und Sieben zeichneten die Eckpunkte des Münchener Universums auf, außerhalb dieses Dreigestirns konnte es kein Auto geben. Eine 6er-Serie war in dieser Zahlenfolge gerade noch darzustellen, eine Eins sprengte dagegen lange Zeit das Vorstellungsvermögen. Jetzt ist sie plötzlich auf der Straße, die kleinste Baureihe von BMW mit ebendieser Modellbezeichnung, und kaum feierte sie Premiere, macht sie sich im Verkehrsbild breit, fordert ihren Platz und steht so stämmig da, als gehörte sie zur Gründergeneration. Zweifellos ist der Einser formal ein richtiger BMW geworden, markenspezifische Züge seines Wesens und Charakters bescherten ihm schnell einen hohen Wiedererkennungseffekt und die klare Zuordnung.

Und wie es sich für einen Hersteller geziemt, der das Wort Motor im Namen führt, hat die Diesel-Spitzenversion, der 120d, ein bärenstarkes Vierzylinder-Triebwerk, das sportliche Fahrleistungen bei moderatem Verbrauch verspricht. Der Preis dafür ist freilich hoch. Der stärkste selbstzündende Einser ist von 24700 Euro an zu haben, wer einige Extras aus der umfangreichen Ausstattungsliste wählt, erreicht in dieser Klasse bislang unbekannte Regionen. In großer Höhe fliegt der Adler gern allein, allerdings muß er so weit oben mit Turbulenzen rechnen. Ein komplett ausgestatteter 120d kommt schnell auf 35000 Euro, und hierfür erwartet der Kunde nicht die kleinste Unsicherheit oder Nachlässigkeit.

Zunächst werden die Erwartungen erfüllt. Feine Sitze mit exzellenter Seitenführung, ein griffiges Lenkrad mit Lederbezug, klar ablesbare Instrumente und einfache Bedienung der Basisfunktionen bestehen kritischste Prüfung. Ein gewisses Maß an Unübersichtlichkeit muß der Einser-Pilot in Kauf nehmen, die hohe Fensterlinie erschwert den Blick auf die Dimensionen der Karosserie, besonders nach hinten fällt die Aussicht schwer, da die Kopfstützen im Fond den Blick durchs ohnehin sehr kleine Heckfenster erschweren. Die Zusatzausstattung mit der Park Distance Control hinten (400 Euro) ist dringend empfohlen. Über die aktuelle Temperatur des Kühlmittels wird nicht informiert, nur im Fall einer Störung leuchtet eine Warnlampe auf. Präzise rasten die Lenksäulenhebel für Blinker (mit Tip-Funktion) und Scheibenwischer (mit Regensensor) ein, in der Mitte des Armaturenbretts klappt nach dem Druck auf den Motorstartknopf der Monitor des Navigationssystems auf, die Reduzierung der i-Drive-Funktionen sorgt für Klarheit.

Ablagen finden sich in ausreichender Zahl, die Türtaschen sind funktional gestaltet, das Handschuhfach freilich ist arg klein geraten. Wer dort die Bedienungsanleitungen des Einser stets dabeihat, kann diese Staumöglichkeit gleich aus dem Repertoire streichen. Mangel an Raum herrscht im Fond. Große Menschen empfinden den Platz dort allenfalls als Notunterkunft, die Türen zur umklappbaren Rückbank dienen eher als Verschlüsse eines zusätzlichen Staufachs für Einkaufstüte oder Aktentasche. Das Kofferraumvolumen beschränkt sich auf 330 Liter bei aufrechter Rückbanklehne, jeder Opel Astra oder VW Golf bietet 20 Liter mehr, durch Umklappen der Rücksitze läßt es sich auf 1150 Liter steigern.

Aber wir wollen den Einser nicht als Lösung für den Gütertransport propagieren, er empfiehlt sich vielmehr zur agilen und daher lustbetonten Art des Reisens. Das beginnt bereits beim Starten des Motors, BMW zeigt, daß ein Diesel durchaus angenehm und kraftvoll klingen kann. Fein abgewogen sind die nötigen Pedaldrücke, leise und genau rasten die erste und alle anderen Übersetzungen des manuellen Sechsganggetriebes ein, die Kupplung greift an jenem Punkt, den wir uns vorstellen, und mit höchster Präsenz reagiert der Motor beim Tritt aufs Gaspedal. Anfahrschwächen leistet sich der 120d niemals, schon bei weniger als 1500 Umdrehungen in der Minute erwacht das Triebwerk aus lähmender Untertourigkeit, selbst im sechsten Gang lassen sich bei diesen Drehzahlen befriedigende Beschleunigungswerte erzielen. Über 1800/min packt der Vierzylinder dann mächtig zu und versteht es trefflich, mehr Hubraum vorzugaukeln, als er tatsächlich hat. Eifrige Gangwechsel sind keine Bedingung für die engagierte Art der Fortbewegung, aber aufgrund der Präzision der Schaltkulisse und der kurzen Hebelwege ein Genuß. 7,9 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h stellen eine beachtenswerte Leistung dar, der Motor vermittelt dabei trotz seiner selbstzündenden Arbeitsweise ein gehöriges Maß an Drehfreude. Einzig die "lange" Übersetzung des sechsten Gangs macht ihn für das Fahren in Ortschaften ungeeignet, bei schneller Autobahnfahrt senkt er die Drehzahl dagegen im Sinne der Verbrauchsminderung und obendrein das Geräuschniveau. Beim flüssigen Gleiten auf der Landstraße bietet er sich als Stammgast an. Was in der Tat den Treibstoffkonsum wohltuend beeinflußt. Bei 6,1 Liter Diesel für 100 Kilometer lag unser Verbrauchsminimum, mehr als 8,4 Liter wollte sich der 120d selbst bei strammer Fahrt nicht genehmigen. Der Mittelwert von 7,3 Liter auf 100 Kilometer kann sich bei einem Wagen mit 120 kW (163 PS) durchaus sehen lassen.

Genau nimmt es der kleinste BMW mit der Spurtreue. Es müssen schon beaufortreiche Seitenböen sein, bevor bei Geradeausfahrt eine Kurskorrektur notwendig wird. Und die gelingt mit einem fingerbreiten Dreh am Lenkrad, das auf wunderbar direkte Art die Vorderräder kontrolliert. In Biegungen wiederum spielt der Einser die Vorzüge des Hinterradantriebs aus. Mühelos läßt er sich durch jedwede Kurvenkombination spulen, sanft gemahnt das ESP im Grenzbereich, es nicht zu übertreiben. Doch zuvor bietet sich der rund 1400 Kilogramm schwere Viertürer als aktiver Freizeitpartner an. "Schau mal, da vorn werden wir wieder eine Menge Spaß haben", scheint er vor jeder Kurve tatendurstig zu raunen. Kaum eine Reaktion auf den Lastwechsel ist da zu spüren, knappe Korrekturen am Volant genügen, um das sanfte Untersteuern auszugleichen. Das Gefühl der Sicherheit schüren obendrein die Bremsen, die nicht nur äußerst standfest (nichts weniger haben wir erwartet), aber dazu auf das feinste dosierbar ans Werk gehen. Die Federung gibt sich wenig kompromißbereit. Sie vermag die vorzüglichen Fahreigenschaften zu stützen, schützt jedoch die Passagiere vor Schlägen der Straße nicht. Querfugen nimmt der Einser selbst in Kurven, ohne seinen Kurs zu verlassen, läßt aber im Innenraum niemanden im Zweifel über das mechanische Ereignis. Wank- oder Wippbewegungen dagegen unterbindet das Fahrwerk fast vollständig.

Schwächen offenbart der Einser in manchem Detail. Die Türgriffe sind zwar groß, aber am falschen Platz, selbst nach mehr als zwei Wochen irrten unsere Hände besonders bei Dunkelheit über die massige Türverkleidung auf der Suche nach ihnen. Hell dagegen ist es an anderer Stelle. Die beiden strahlenden Leuchtdioden in der Dachmitte sollen den Innenraum stimmungsvoll illuminieren, aber sie irritieren eher. Im Brillenglas des Chauffeurs spiegeln sie sich gern und täuschen bei nächtlichen Reisen einen dicht auffahrenden Menschen im Heck vor. Und noch eine Nachlässigkeit: Der Druck auf die Taste der Leseleuchte über dem Rückspiegel schaltet nicht nur diese Lichtquelle ein, sondern bringt den ganzen vorderen Dachhimmel zum Nachgeben. Das fühlt sich nicht wirklich nach Premium an. Schade darum, denn so verblaßt ein wenig von dem klar strukturierten, emotionalisierenden Bild, das dem kleinen BMW in der Gesamtheit seiner Eigenschaften zu zeichnen gelingt.

Nächste Woche: VW Phaeton V6 TDI; weitere Artikel unter ww.faz.net/Fahrtberichte

Text: F.A.Z., 29.03.2005, Nr. 72 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

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