Von Wolfgang Peters
15. Juni 2006 Unter den Generalmanagern von General Motors hatte Saab den Charme der Avantgarde schnell verloren. Jetzt sind die Schweden dabei, eine Prise davon zurückzugewinnen: Wir haben für einige Tage einen besonderen Saab 9-5 gefahren und waren womöglich mit einem Stück Zukunft unterwegs. Denn die nach einem Facelift im Herbst 2005 leidlich modern auftretende Limousine (sie debütierte im Juni 1997) zeigt jetzt, daß Auto und Alkohol doch zusammenpassen.
Der Saab 9-5 BioPower mit E85 im Tank (ein Kraftstoff aus 85 Teilen Ethanol und 15 Teilen Benzin) war in Schweden zugelassen, wo E85 bereits zum Alltag gehört. In Deutschland ist der Kraftstoff noch ziemlich unbekannt, wir haben in Bad Homburg beim Ford-Mazda-Autohaus Kreissl (den Ford Focus Flexifuel fahren wir in naher Zukunft) getankt. Weil man diesen Saab ohne Umstellungen mit Benzin oder mit E85 fahren kann, war der Verbrauchsvergleich einfach: Für 57,41 Liter Bioethanol bezahlten wir 52,61 Euro, der Liter kam Mitte Februar auf etwa 92 Cent. Nach der Ethanol-Fahrt errechneten wir einen Durchschnittsverbrauch von 13 Liter für 100 Kilometer. Beim Einsatz von Superbenzin für rund 1,30 Euro den Liter kamen wir unter vergleichbaren Bedingungen auf 11 Liter je 100 Kilometer. Daraus ergibt sich eine positive Rechnung für E85: Auf 100 Kilometer fährt man damit um etwa 2,30 Euro billiger.
Der Kraftstoff Bioethanol ist ein Alkohol, den man aus Pflanzen oder pflanzlichen Resten gewinnen kann. Deshalb wird er auch als kohlendioxydneutral bezeichnet, weil man annimmt, die als Rohstoff dienende Pflanze habe während ihres Wachstums jene Menge des Gases aufgenommen, die nun im Motor bei der Verbrennung entsteht.
Für den Betrieb im Saab 9-5 ergab sich nicht nur der Kostenvorteil: Die Zweiliter-Turbomaschine gibt mit Superbenzin 110 kW (150 PS) ab und baut ein maximales Drehmoment von 240 Newtonmetern auf. Damit kam sie in etwa 9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h und erreichte 200 km/h. Wenn wir den Saab 9-5 tatsächlich als BioPower einsetzten, wurden die Fahrleistungen deutlich besser. Rund 22 kW (30 PS) soll der Vierzylinder laut Saab mehr leisten, E85 wird von der Motorelektronik erkannt, und sie stellt die Leistungskomponenten auf die dann höhere Oktanzahl ein. Mit E85 im Tank beschleunigte der 9-5 von 0 auf 100 km/h in 8,8 Sekunden und rannte deutlich über 210 km/h. Und wir hatten den (subjektiven) Eindruck, daß die Maschine ruhiger lief und spontaner auf das Niedertreten des Gaspedals reagierte, mit einer Ausnahme: Sie akzeptierte nach dem Gaswegnehmen bei hohen Drehzahlen die abermalige Gaszufuhr erst nach einer Wimpernschlag-Zeitspanne. Sie verschluckte sich nicht gerade, aber erst nach Ablauf dieser kurzen Bedenkzeit drehte der Motor wieder höher.
Die Erfahrungen mit E85 im Saab 9-5 BioPower waren von durchaus angenehmer Natur. Denn alles, was uns wieder einen (wenn auch kleinen) Schritt aus der Erdölabhängigkeit herausbringt, soll dem deutschen Autofahrer recht sein. Als Preis für den Saab 9-5 BioPower werden etwa 33000 Euro angegeben. Nicht zuviel für ein Stück Zukunft. Nur die Tankaufenthalte wären sehr penibel einzuplanen. Oder man bunkert dann doch mal wieder Super.
Text: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite T3
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