Fahrtberichte

Fahrtbericht VW Fox 1.2

Wolfsburg holt sich Hilfe aus Brasilien

Von Gerold Lingnau

05. Oktober 2005 Vierstellig ist Trumpf: Die großen Massenmarken der Autobranche setzen derzeit ihre Ehre darein, am deutschen Markt ein familientaugliches Modell unter 10000 Eu-ro anzubieten. Je weiter darunter, desto besser - so sehen das auch die möglichen Käufer, die zwischen einem günstigen Neuwagen und einem ähnlich billigen Gebrauchten schwanken. Nachdem Renault mit dem rumänischen Dacia Logan die Marke von 7200 Euro (Basispreis) gesetzt hatte (F.A.Z. vom 27. September), ließ sich auch VW nicht lumpen. 8950 Euro lautet das Gegenangebot für ein Auto, das zwar kleiner, aber in vielen Belangen wertiger ist. Zu deutschen Kosten läßt sich so etwas nicht mehr herstellen, und so griff der global tätige Konzern auf sein brasilianisches Kind namens Fox zurück.

Der Kleinwagen soll bei uns, als Nachfolger und Ersatz für den teuren Lupo, das unterste Marktsegment abdecken. Den hiesigen Ansprüchen zuliebe ist er schon in der Basisversion ansprechend ausgestattet. Viele Extrawünsche bleiben trotzdem offen, und obwohl VW sie nicht alle erfüllen will und kann, landet der real gekaufte Fox meist doch im fünfstelligen Euro-Bereich. Wie der Lupo ist er ein Zweitürer und zielt damit am Markt der jungen Familien (und der Rentner mit kleinen Enkeln) vorbei. Nötig wäre das nicht, denn in Südamerika gibt es seit neuestem eine viertürige Version. VW sollte sie ebenfalls in Europa einführen - trotz der Furcht, das könnte dem Absatz des teureren Polo schaden.

Klein, aber solide

Der Fox ist ein solides, kleines Auto. Das muß er für die brasilianischen Straßen auch sein, und er verrät es mit seinem Gewicht - unser Exemplar wog leer 1070 Kilogramm, eine ganze Menge für nur 3,83 Meter Länge. Der Übersee-VW kokettiert auch nicht etwa mit seiner Armut, sondern ist durchaus schmuck gekleidet. Natürlich herrscht im Innenraum nicht die Haute Couture. Aber die verwendeten Kunststoffe wirken gediegen, und die bunt gestreiften Sitzbezüge verbreiten eine ungezwungene Samba-Stimmung. Auch die Form der Karosserie ist frisch und nett und vor allem funktionell weitgehend in Ordnung. Die Nähe des Fox zur Gattung Minivan zeigt sich an seiner Höhe (1,54 Meter) und am fast absatzlosen Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe. Aber leider auch an den arttypischen Nachteilen, zum Beispiel den überaus breiten und schräggestellten vorderen Dachsäulen, die einen wichtigen Teil des Fahrer-Blickfelds ausblenden, und generell an der totalen Unsichtbarkeit des Bugs. Zugelassen ist der Fox als Viersitzer, hinten gibt es zwei breite und nur in der Tiefe etwas knappe Einzelsitze und dazwischen eine Ablagefläche. Dank der üppigen Innenraumlänge sitzen die zwei Passagiere im Fond fast luxuriös, der Knieraum ist noch großzügiger als die (für die meisten Staturen ausreichende) Kopfhöhe. Langen Menschen kommt zudem der reichliche Abstand zwischen Sitzfläche und Boden zugute. Auch vorn fühlen sich Übergrößen wohl, der bequeme Fahrersitz ist höheneinstellbar und das Lenkrad in zwei Ebenen zu justieren.

Überraschend viel Platz für Passagiere und Gepäck

Daß bei diesen durchaus nicht ärmlichen Platzverhältnissen auch noch 260 Liter Gepäckvolumen zur Verfügung stehen, ist fast ein Wunder. Bei seiner Variabilität gibt es allerdings Abstriche: Zwar lassen sich die Lehnen hälftig geteilt nach vorn klappen, aber das komplette Aus-dem-Weg-Falten der Rückbank ist (auf Wunsch auch vom Kofferraum her) nur im Ganzen möglich. Dafür dürfen die Vordersitze nicht in ihrer hintersten Position sein, man verliert rund 5 Zentimeter von ihrem Verstellbereich. Er bleibt dagegen voll erhalten, wenn man (für 95 Euro Aufpreis) das Fondmöbel längsverschiebbar geordert und es ganz nach vorn gezogen hat. Der Boden des erweiterten Gepäckraums - maximal 1016 Liter - ist eben, aber etwas zerklüftet. Lästiger ist freilich die hohe Bordwand: Beim Einladen muß man die Sachen erst fast 80 Zentimeter hochheben und sie dann wieder 30 Zentimeter fallen lassen. Das Risiko einer Reifenpanne liegt in Brasilien näher als in Europa, und so findet man unter dem Kofferraumboden erfreut ein vollwertiges Reserverad.

Die breiten und weit aufschlagenden Türen des Fox - beim Nebeneinanderparken eher störend - versprechen einen einigermaßen glatten Zugang zum Fond. Aber da die Vordersitze beim Klappen ihrer Lehnen nicht automatisch vorrücken, gestaltet sich der Einstieg doch recht umständlich. Die Vornsitzenden haben es da besser, und der Fahrer hat schon gar keinen Anlaß zur Klage: Er schaut auf ein gutbestücktes Armaturenbrett (statt des kaum richtig ablesbaren Drehzahlmessers mit seiner winzigen Viertelkreisskala hätte man lieber ein Kühlwasserthermometer), muß nur wenige Absonderlichkeiten der Bedienung dazulernen (so finden sich die Scheinwerferhöheneinstellung und der Heckscheibenheizungsschalter an den Stockhebeln für Blinker und Wischer) und entdeckt am linken Außenspiegel sogar den erwünschten asphärischen Bereich gegen den toten Winkel. Alle Kopfstützen sind hoch genug, Seiten-Airbags vorn gibt es für 255 Euro Aufpreis. Zur Basisausstattung gehören Handkurbeln für die vorderen Fenster und starre hintere Seitenscheiben; elektrische Heber vorn und Ausstellbarkeit hinten sind immerhin gegen Aufpreis zu haben. An Ablagen ist weder Überfluß noch Mangel im Fox.

Drei Motoren zur Wahl

Für den kleinen Brasilianer wurden aus dem VW-Sortiment drei Motoren ausgewählt, darunter auch ein Diesel. Das Basistriebwerk der Benziner mit 1,2 Liter Hubraum und 40 kW (54 PS) ist aus dem Polo bekannt. Wem diese Leistung und drei Zylinder zuwenig scheinen, wäre vermutlich überrascht: Lange nicht haben wir mit so wenig PS so viel Fahrspaß gehabt. Das angenehm, fast so turbinenartig rund wie ein Wankelmotor brummende Motörchen ist stets gut gelaunt, leistungswillig, erstaunlich durchzugsstark - und leise, selbst bei hohen Drehzahlen. Unterstützt wird es dabei von den kurzen Übersetzungen der fünf Gänge, die sich traumhaft leicht und präzis schalten lassen. 16,8 Sekunden Beschleunigungszeit von 0 auf 100 km/h und knapp 20 Sekunden von 50 auf 100 km/h im 5. Gang klingen zwar kaum nach Sportlichkeit. Doch man ist oft schneller, als man denkt. Die Höchstgeschwindigkeit unseres Wagens lag mit 153 km/h sogar deutlich über den versprochenen 148. Eine Schattenseite dieser Lebhaftigkeit ist der Verbrauch: 7,3 Liter Super je 100 Kilometer sind nicht ganz bescheiden, doch der 50-Liter-Tank ist groß genug.

Guter Fahrkomfort

Am Fahrwerk des Fox ist nichts Kleinwagenmäßiges zu entdecken. Die Federung ist straff, aber nicht stuckerig, und schluckt alle vorkommenden Unebenheiten - allenfalls mit leichtem Poltern. Nick- und Wankbewegungen bleiben in engsten Grenzen. Ohne Tadel auch das Kurvenverhalten, das man mit 400 Euro Aufpreis für ESP und Antriebsschlupfregelung noch gegen Extremfälle absichern kann. Bei normaler Fahrt haben die elektronischen Hilfen nichts zu tun, der Fox umrundet Biegungen ohne Lenkkorrekturen und läuft auch sauber geradeaus. Für das 54-PS-Modell ist die elektrohydraulische Servolenkung ein Aufpreis-Extra (450 Euro) und schon wegen des Wiederverkaufs ein Muß. Sie und der nur 10,5 Meter messende Wendekreis machen die Handlichkeit des Kleinen komplett. Gute Arbeit leisten auch die Bremsen, bei vollem Verzögern ist aber die Spurhaltung nicht ganz sauber.

Mit einer keineswegs verschwenderischen Reihe von Extras - aber ohne Klimaanlage (1225 Euro) - kam unser Fox auf einen Preis von 12688 Euro. Das reicht schon in die Polo-Region hinein, bleibt aber bei genauem Ausstattungsvergleich deutlich günstiger. Da es einige Sonderausrüstungen nur innerhalb von Paketen (manche sogar in mehreren) gibt, sollte man die Preisliste sehr genau studieren. Doch diese kleine Mühe lohnt sich: Der Fox gehört jetzt in seiner Klasse zur engsten Wahl - und das nicht nur des Geldes wegen.

Nächste Woche: Fiat Croma 2.2 16V; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte



Text: F.A.Z., 04.10.2005, Nr. 230 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
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