Fahrtberichte

Fahrtbericht Suzuki Liana 1.6 Comfort

Ein Leben im Schatten der großen Drei

Von Gerold Lingnau

09. September 2004 Deutschland wird vom Minivan-Fieber geschüttelt. Seit die drei großen Jedermannmarken mit gleichwertigen Angeboten am Markt sind - VW mit dem Touran, Opel weiterhin mit dem Zafira, Ford mit dem Focus C-Max -, läuft das Geschäft mit dieser Autogattung erst recht wie geschmiert. Seinen wohlerworbenen Platz beansprucht auch der Scénic von Renault, von anderen, nicht ganz so erfolgreichen Importen ganz zu schweigen. Und da gibt es aus Japan noch den Suzuki Liana. Wer ihm übel will, wird ihn das Außenseitermodell einer Außenseitermarke nennen. Aber das haben weder Auto noch Hersteller verdient. Suzuki hält ein zwar kleines, aber stabiles Stück des hiesigen Markts, die Spezialisierung auf - höchstens - die untere Mittelklasse und der gute Qualitätsruf sichern dem Unternehmen treue Kunden. Der Liana ist gewiß nicht der große Renner, doch der kleine Unbekannte müßte er auch nicht bleiben, wenn man Preis und Gegenwert vergleicht.

Mit 4,23 Meter Länge hat der Heckklappen-Liana (daneben gibt es noch eine Stufenheckversion) nicht ganz Touran- oder Zafira-Format, ragt aber deutlich über die Opel-Meriva- und Fiat-Idea-Klasse hinaus. Die Karosserie wirkt in manchen Details ein wenig verquollen, aber sie bietet die Funktionalität, die man bei einem Minivan mehr schätzt als praxisfremde Stylingexzesse. Angenehm auffällig ist die sorgfältige Verarbeitung auch im Detail - nach guter japanischer Tradition -, und sogar beim verschwenderisch im Innenraum verteilten Kunststoff hat man sich um eine zufriedenstellende optische Anmutung bemüht. Am Armaturenbrett ist man zum Bewährten zurückgekehrt, nämlich zu analogen Rundinstrumenten. Dem Digitaltacho und dem Blöckchen-Drehzahlmesser der 2001 vorgestellten Liana-Erstausgabe weinen wir keine Träne nach. Die neuen Instrumente könnten kaum besser ablesbar sein - es stört allenfalls, daß man ihre Beleuchtung nur in Stufen dimmen kann -, und Beifall verdienen die großflächigen Schalter für Umluft, Heckscheibenheizung und die serienmäßige Klimaanlage. Auch an der Frontpartie - Grill, Stoßfänger, Nebelscheinwerfer - gab es fürs laufende Modelljahr einige Änderungen gegenüber dem Vormodell.

Ähnlich wie der Ford C-Max begnügt sich der Liana grundsätzlich mit fünf Sitzen und bleibt auch unzeitgemäß einfallslos, was die Variabilität des Innenraums betrifft. Wie in fast allen Kombilimousinen gibt es eine ungleich geteilte Rückbank, deren Lehne und Sitzfläche man umklappen und so das Kofferraumvolumen erweitern kann. Im Fall des Suzuki führt das zu maximal 1,42 Meter Ladelänge und bei Nutzung bis unters Dach zu einem Wachstum von 586 auf 1062 Liter Inhalt - nicht gerade gigantisch, aber für viele Transportvorhaben ausreichend. Mitunter störend ist dann die 10-Zentimeter-Stufe in der Ladefläche, und eigentlich sollte bei einem Minivan die Heckklappe bis auf den Gepäckraumboden hinunterreichen - nicht so beim Liana. Einigen Platz für unsichtbar zu Verstauendes gibt es in der Schüssel des Reserverads, das hier kein Notbehelf, aber mit einem schmaleren Reifen bestückt ist.

Während ein Mensch von 1,80 Meter und mehr hinter dem Lenkrad mit etwas begrenztem Beinraum leben muß - die Kopfhöhe ist dagegen überreichlich, der Fahrersitz wie das Lenkrad höheneinstellbar -, geht es ihm hinten überraschend gut. Die Tiefe der Sitzbank läßt zwar unnötigerweise zu wünschen übrig, doch ihr Abstand vom Boden garantiert beste Unterstützung der Oberschenkel. Viel Platz wird auch für Knie und Köpfe bereitgehalten, allein die Lehne dürfte ein paar Zentimeter höher sein. Für drei Reisende ist der Fond nur geeignet, wenn sie keine kräftig geratenen Erwachsenen sind. Für die Mitte gibt es einen am Dach verankerten Dreipunktgurt und eine für Halbwüchsige gerade noch ausreichende Kopfstütze. Zwei Isofix-Halterungen für Kindersitze ergänzen die Sicherheitsvorkehrungen, zu denen auch Seitenairbags vorn gehören. Trotz des zum Heck hin abfallenden Dachs sichert die Kombiform bequemes Einsteigen auch hinten - ein Vorteil, den nicht nur Ältere zu schätzen wissen. Der Übersichtlichste ist der Liana freilich nicht. Schon die vorderen Dachsäulen sind dem Fahrerblick oft im Weg, die Wagenenden sind nur zu ahnen. Entschädigt wird man dafür mit Außenspiegeln fast so groß wie Elefantenohren, die aber wiederum keinen asphärischen Teil gegen den toten Winkel haben. Zum Wohlgefühl der Insassen trägt die rasch ansprechende und zugarme Heizung bei; auch die zuschaltbare Klimaanlage zeigte sich den warmen Sommertagen vollauf gewachsen.

Zum akzeptablen Preis von 1020 Euro gibt es für den Liana eine vierstufige Getriebeautomatik. Sie kann nur mit dem 1,6-Liter-Motor kombiniert werden, der neben einem 1,3-Liter-Triebwerk und seit neuestem einem 1,4-Liter-Diesel von Peugeot im Angebot ist. Der größere der beiden Vierzylinder-Benziner liefert jetzt 2 kW mehr als früher, nämlich 78 (106 PS). Nur wer auf keinen Fall auf die Schalterleichterung verzichten möchte, sollte die Automatik wählen, deren 4. Gang mit Knopfdruck gesperrt werden kann. Als klassischer Overdrive ist diese Stufe so extrem lang übersetzt, daß der Liana damit theoretisch 240 km/h erreichen könnte. Das sorgt zwar auf ebener Autobahn für ohrenschonend reduzierte Drehzahl - bei den 180 km/h, auf die sich unser besonders gut geratenes Exemplar statt der angekündigten 170 schwang, sind es nur 4800 Umdrehungen je Minute -, aber auch für einige Schalthektik: Bei der geringsten Steigung oder dem leisesten Beschleunigungswunsch des Fahrers springt die Automatik um eine, wenn nicht gar zwei Stufen zurück, der Motor erhebt ein nervtötendes Gebrüll und macht dem leer nur 1200 Kilogramm wiegenden Liana durchaus fühlbar Beine. Mit Kickdown aufs Gaspedal dreht er dabei bis deutlich über 6000/min, 100 km/h sind aus dem Stand nach 12,4 Sekunden erreicht. Unterm Strich ist der bis in mittlere Drehzahlen ausreichend leise Suzuki mit dem nicht so extremen handgeschalteten Fünfganggetriebe gewiß besser bedient. Das gilt auch für den Verbrauch: Die durchschnittlich 8,7 Liter Super, die unser Automatik-Liana auf 100 Kilometer zu sich nahm (Autobahn bis 11 Liter), sind mit manueller Schaltung zweifellos zu unterbieten.

Automatikge- oder -verwöhnte Fahrer werden nichts dagegen haben, daß die Lenkung des Liana sehr leichtgängig, ja lappig ist. Ihr unbestreitbarer Vorzug ist ein Wendekreis von nur 10 Meter, eine Wohltat in allen engen Verhältnissen. Ein ESP ist für die ganze Modellreihe nicht zu haben, aber bei ausreichend Vernunft des Fahrers macht das Auto in Kurven keine Mätzchen: Es untersteuert stets zuverlässig, folgt also brav dem Lenkeinschlag und reagiert auf Lastwechsel nur gerade eben spürbar. Lästig kann die deutliche Seitenneigung sein. Schnelle Geradeausfahrt wird allenfalls von Querwind ein wenig beeinträchtigt, aber stets von kräftigen Luftgeräuschen untermalt. Die Bremsen tun ihre Pflicht mit Anstand, strenge Beanspruchung vertragen sie ohne Nachlassen. Auch mit dem Federungskomfort kann man zufrieden sein: Nur grobe Stöße werden nicht ausreichend pariert, im übrigen werden die Insassen hinlänglich geschont, speziell kleine Unebenheiten schluckt der Suzuki ohne Stuckern. Defizite gibt es auf langen Bodenwellen, wo er etwas schaukelig wirkt, und beim Abrollen auf rauher Fahrbahn. Bei voller Beladung werden zudem die Federwege etwas knapp.

Der 1,6-Liter-Liana, den es für 980 Euro Aufpreis auch mit permanentem Allradantrieb gibt, kostet mit Handschaltung und in der (einzigen) Version Comfort 15 800 Euro. Das ist ein angemessener Preis, wenn man die Serienausstattung betrachtet: Fürs Geld sind immerhin so erwünschte Extras wie vier elektrische Fensterheber, elektrisch einstellbare Spiegel, ein CD-Radio mit Lenkradtasten und vier Lautsprechern sowie Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung dabei. Und der nicht bezifferbare Seltenheitswert des Liana.

Nächste Woche: Maserati Quattroporte; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 16 820 Euro

Preis des Testwagens 18 175 Euro

Vierzylindermotor, vier Ventile je Zylinder, 1586 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 78 kW (106 PS) bei 5500/min

Hschstes Drehmoment 144 Nm bei 4000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2200 bis 5700/min

Erfüllt Euro 3 und D4

Automatikgetriebe mit vier Gangstufen

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,23/1,69/1,55 Meter

Radstand 2,48, Wendekreis 10,0 Meter

Leergewicht 1180 (tatsächlich 1200), zulässiges Gesamtgewicht 1640, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 586/ 1062 Liter

Reifengröße 195/55 R 15 85 H

Höchstgeschwindigkeit 180 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 12,4 s

Verbrauch 7,5 bis 10,7, im Durchschnitt 8,7 Liter Super je 100 km, Tankinhalt 50 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 13, TK 31, VK 18

Vollkosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,33 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004, Nr. 208 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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