Von Wolfgang Peters
20. April 2006 Ein Alfa mag vieles sein, nur eines nicht: langweilig. Und er muß schön sein, wie Romeo in einer milden Sommernacht unter einem Balkon in Verona. Vielleicht ist Alfa Romeo nur deshalb noch im Rennen, weil die Autos anders sind als die Mainstream-Produkte aus dem Rest von Europa.
Diese Andersartigkeit aber wird zur Zeit beinahe ausschließlich von Äußerlichkeiten getragen: Das Design ist das wichtigste Argument für einen Alfa. Die Technik wurde zweitrangig. Das heißt nicht, die zum Fiat-Konzern zählende Marke mache ihre technischen Hausaufgaben nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Noch nie hat Alfa Romeo mehr Typen im Programm gehabt, die einen derart hohen Grad der technischen Perfektion aufweisen und ähnlich überzeugend die Tauglichkeit für den Alltag demonstrieren können, dennoch: Wir haben den Eindruck, der technische Inhalt, auch jener des neuen Typs 159, sei nicht mehr ultimativ geprägt von der für Alfa typischen Suche nach Originalität, sondern eher beeinflußt von den Ordnungen der Entwicklungs- und Arbeitskosten. Unter dem Strich ist ein Alfa Romeo mehr als je zuvor ein möglichst kostengünstig produziertes Großserienerzeugnis, das allen technischen Fortschritt aufgreift und ihn umsetzt, ohne selbst wirkliche Signale zu setzen. Davon gibt es freilich Ausnahmen, und dazu gehören Design und Diesel.

Arrogante Aggression mit italienischer Anmut
Das Design des neuen Typs 159 ist nicht weniger als herrlich. Giorgetto Giugiaro hat zusammen mit dem hauseigenen Centro Stile aus dem Alfa 156 (so von Walter de Silva entworfen, daß wir niemals geglaubt hätten, darauf könne man noch raffinierter aufbauen) den Prototyp der modernen Sportlimousine geschaffen. Energischer Auftritt, ein Schuß arroganter Aggression, gepaart mit jener unvergleichlichen italienischen Anmut, die es schafft, mit männlicher Muskularität zu weiblicher Sinnlichkeit zu führen. Die Design-Botschaft des 159 signalisiert Solidität und Funktion, jene Feinheit im Wesen, die man als Tourist in Italien für Marmor hält und die dann doch nur bemaltes Holz ist. Aber im 159 steckt mehr Echtheit als in manchem Kunstwerk in Florenz. Am liebsten ist uns das Heck des Autos.
Von Vorteil ist: Die schicke Schale des Alfa Romeo 159 bringt kaum Nachteile für seine inneren Werte. Schon der Aufenthaltsraum für die Reisenden bietet bisher markenuntypische Freiheitsgrade. Vorn und hinten sitzen jeweils zwei Figuren auf bequemen Sesseln oder in den Mulden der Rücksitzbank. Für drei Menschen wird es hinten etwas knapp, aber um Knie und Köpfe ist reichlich Raum. Nur der im Prinzip gut untergebrachte Fahrer ist nicht wirklich glücklich: Die Nische mit der Pedalerie ist unterdimensioniert, auf breitem Fuß darf hier keiner leben; auch die händische Bedienung ist nicht in allen Fällen einfach: Der Schalter für die wegen der Belederung nötige Sitzheizung hockt irgendwie unsichtbar seitlich am Sitzgestell; in den Positionen von Gang 1, 3 und 5 versperrt der Schalthebel komplett den Griff zur Klimabedienung in der Mittelkonsole. Und bei schnellem Schalten kann es zu unangenehmen Kontakten mit ihr kommen. Auch ist die Heizung des sehr auf Effizienz ausgelegten Dieselmotors nicht die denkbar stärkste, bei Temperaturen unter minus 10 Grad Celsius benötigt sie eine zu lange Anlaufzeit. Ebenso herrscht ein gewisser Mangel an wirklich schluckfreudigen Ablagen. Die Materialwahl für Sitze (griffschönes Leder für 1700 Euro), Verkleidungen und Armaturenträger folgt italienischem Geschmack (und der ist ja immer gut), die Instrumente sind hübsch gezeichnet, und alles, was man anfaßt, wirkt sympathisch. Verarbeitungsmängel haben wir nicht entdeckt, alles ist akkurat gefertigt, und die Karosserie ist frei von Knistergeräuschen: Der Alfa 159 ist im Innenraum jene Delikatesse, die er mit seinem Äußeren verspricht.
Gutes Wetter beim Verbrauch
Der Triumphzug des Dieselmotors mit Common-Rail-Einspritzung wäre ohne Alfa nicht so überzeugend verlaufen. Daß sich diese sportliche Marke darauf derart intensiv einließ, hat dem einstigen Traktortriebwerk gutgetan. Jetzt arbeitet die zweite Generation im Alfa, und es sind weitere Fortschritte zu erkennen: Der relativ kleine Diesel weist eine große Laufkultur auf, er knurrt und klackert nicht und hält mit Ausnahme einer sanften Schwäche beim Anfahren fast immer genügend Leistung bereit. Aber der Typ 159 bringt fast 1700 Kilo auf die Waage, und da können selbst 320 Newtonmeter, die bei 2000 Umdrehungen in der Minute bereitstehen, nicht das erwartete, souveräne Fahrerlebnis entstehen lassen.
Natürlich ist man damit flott unterwegs, aber: Verwöhnt, wie wir sind, vermißten wir an manchen Steigungen dann doch dieses dunkel glimmende Feuer des Überschusses an Leistung, das größere Diesel mit der neuen Leichtigkeit entfachen. Dabei haben wir fleißig geschaltet, was man auch tun muß, denn der sechste Gang ist zu sehr darauf getrimmt worden, mit niedrigen Drehzahlen für gutes Wetter beim Verbrauch zu sorgen. Deshalb ist man auf der Autobahn oft in der fünften Stufe unterwegs. In der sechsten kann man freilich selbst mit hohem Tempo angenehm rollen: 200 km/h auf dem sehr genau anzeigenden Tacho entsprechen gerade mal 3500/min, im fünften sind es dann schon über 4100/min. Auf eine Messung der Elastizitäts-Beschleunigung im sechsten Gang verzichteten wir, bei 50 km/h dreht die Maschine nur mit 800/min. Dennoch gibt es freche Fahrleistungen, von 80 auf 110 km/h, wie man es beim Überholen vollzieht, verstreichen im 3. Gang gerade mal 4,6 Sekunden, und ähnlich flott geht es im vierten von 90 auf 120 km/h voran. Auch beim Beschleunigen aus dem Stand haben die angetriebenen Vorderräder keine Mühe, die Motorkraft in Vortrieb umzusetzen, Einflüsse auf die um die Mittellage herum nach unserem Geschmack zu leicht agierende Lenkung sind nicht auszumachen.
Komfort-Offerte wie in einem richtigen Mittelklassewagen
Der Verbrauch ist stark von der Fahrweise abhängig. Unsere Extremzahlen lagen mehr als drei Liter auseinander beim Wert der 100-Kilometer-Distanz, der Einfluß des Fahrers ist ungewöhnlich stark zu spüren. So kamen wir bei Landstraßenfahrt auf 5,5 Liter, mußten allerdings auch nach schnellen Autobahnetappen mit 8,8 Liter leben, der Durchschnitt lag bei 8,1 Liter und wurde eben stark von zügigem Vorankommen auf freien Autobahnstrecken beeinflußt. Bei einem Tankinhalt von 70 Liter ergeben sich zumal auf Autobahnen mit Tempolimit sehr annehmliche Reichweiten. Das Füllen des Reservoirs fordert für die letzten zehn Liter hohe Hingabe an den Auftrag.
Neben dem besseren Platzangebot übertrifft der neue Alfa 159 den Vorgänger vor allem mit seiner Komfort-Offerte. Federn und Dämpfer arbeiten wie in einem richtigen Mittelklasseauto, Unebenheiten werden meist wirksam weggesteckt, auf Schwanken wartet man vergebens, und nur die Vorderachse gerät auf ganz üblem Untergrund mitunter leicht ins Stuckern. An den Bremsen gibt es nichts auszusetzen. Gleichzeitig geht die neue italienische Höflichkeit nicht zu Lasten der Agilität beim Fahren. Die guten Manieren setzen sich auch in exzellente Handlingeigenschaften um, es macht Spaß, diesen Alfa 159 präzise auf Kurs zu setzen, ohne nasse Hände bei einem leichter werdenden Heck, und dieses als willkommene Form der Kurvenwilligkeit zu erkennen.
Nur Schönheit mit Inhalt verkauft sich gut. Das hat man in Italien begriffen, und deshalb zeigt dieses Auto, daß es doch geht, Alfa zu sein und Qualität zu bieten. Und der 16V-Diesel ist der beste Kompromiß. Die schwächere Maschine mit 88 kW (120 PS) ist im JTDM 8V für 25900 Euro richtig günstig zu haben. Der größere Diesel mit 147 kW (200 PS) bietet gewiß die alfatypischere Leistung. Aber das Auto dazu kostet mindestens 31.900 Euro. Und die Benziner sind nicht mehr die einstigen Doppelzündungsnockenwellenondulationsgrummelmotoren. Schon schade.
Text: F.A.Z., 18.04.2006, Nr. 90 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.