12. November 2008 Werden unsere Autos wieder schöner? Und wie schön sollen unsere Autos noch werden? Fragen, die beim CLS von Mercedes-Benz noch in den Kreisen geschmeidiger Pensionäre elitär erörtert werden konnten, wurden zum Gesprächsthema ästhetisch engagierter Förderpumpenvertreter mit dem VW Passat CC, und jetzt geraten sich die Mütter vor dem Kindergarten in die Frisur: Der Ford Fiesta war schon immer der Liebling der Muttis, und die werden jetzt in Versuchung geführt, sich mit dem rheinischen Schönling zu schmücken wie einst im Mai mit Kölnisch Wasser.
Tatsächlich sind auch Kenner der Kölner Autoszene verunsichert. Was geht da vor auf den schmucklosen Bohnerwachsgängen der deutschen Ford-Zentrale, die manchen Winkel kannte, in dem es sich ruhig bis zur Pensionierung ausharren ließ, wenn einen nicht vorher die Staublunge niedergeworfen hatte? Oder haben sich die einstigen Sonderwesen wie Scorpio, Sierra XR4i und Capri zur allgemein gültigen Population entwickelt? Kann es sein, dass man nach dem körperlich doch aus dem Ruder gelaufenen Mondeo nun zur richtigen Dimensionierung gefunden hat? Schluss jetzt mit den Fragen. Lassen wir den neuen Ford Fiesta antworten.

Schöner war noch kein Ford zuvor
Wir glauben: Präsenter und schöner war noch kein Ford zuvor. Der Fiesta des Jahrgangs 2008 ist Ergebnis eines Denkens, wie man es bei Ford bisher wohl angestellt, doch noch nie umgesetzt hatte. Jetzt nimmt man den Kunden nicht nur als Käufer, sondern als Partner mit einem Anspruch auf Schönheit wahr. Das zeigt der neue Fiesta vor allem außen. Sein Design ist jenseits von Ford: Damit pfeilt er sich mitten hinein in den Kessel der bunten Wünsche.
Und wohl auch in die Herzen einer jungen Klientel, für die der Auftritt das wichtigste Kriterium bei der Kaufentscheidung ist. Das kann man mögen, aber auch der Designliebhaber hat ein Recht auf automobile Tauglichkeit im Alltag. Und damit ist es beim Ford Fiesta nicht immer zum Besten bestellt.
Würdiger Einstieg dank weit öffnender Türen
Die vier Türen (Aufpreis gegenüber dem Zweitürer 750 Euro) öffnen weit und sorgen für würdigen Einstieg. Im Innenraum mit gutem Platzangebot und bequemen, schön konturierten Sitzen stimmt zwar die Design-Philosophie der Verjüngung von Farben und Formen, aber bei dem von uns gefahrenen Exemplar blieben dort etliche Wünsche unerfüllt.
Man hatte uns zwar die glühende Titanium-Version (in der schwülen Lackierung Hot Magenta) überlassen, aber wenn es um die Materialanmutung geht, müsste Ford zum Beispiel beim Mittelteil des Armaturenträgers, dem Handschuhkasten oder den Ablagefächern in den Türen rasch nachlegen. Da klingt die einstige Sparmentalität noch mitunter hohl durch. Und manche Kante könnten wir uns auch sauberer verarbeitet vorstellen.
Das Bemühen um jugendliche Forschheit bei der Gestaltung von Instrumenten, Tasten und Hebeln kann man mit den Händen fassen, aber man greift oder tappt häufig ins Leere. Etliche Tasten auf der displayähnlichen Anordnung der Mittelkonsole sind viel zu klein geraten, das gilt auch für die Drehschalter der Scheinwerfer links vom Lenkrad. In diesem sind mehrere Funktionen untergebracht, deren Druckknöpfe den dicken Fingern des ausgewachsenen Mannes und den lackierten Nägeln des Topmodels, mit dem er verheiratet ist, hinhaltenden Widerstand leisten. Zufrieden kann man mit der Menge und der Dimensionierung der Ablagen sein.
Nach hinten zu wenig Sicht
Die Instrumente könnten größer sein (besonders die Tankanzeige), die Mittelkonsole im Design einer Spielewelt für Zehnjährige macht sich mit Metallic-Rähmchen rundum zu wichtig, und der Blick vom Fahrersitz aus bringt wenig Informationen zum rückwärtigen Verkehrsgeschehen.
Denn die nach hinten wie ein Laufsteg für Dirndlmodelle ansteigende Karosserielinie sorgt für eine ziemlich miserable Übersichtlichkeit. Und wenn hinten die löblicherweise anwesenden Kopfstützen ausgefahren sind, beugt sich der Fahrer, statt auf das niedrige Heckfenster zu vertrauen, besser gleich aus der Tür.
Ärgerlich ist, wie stark sich offensichtlich der Rotstift beim Thema Laden und Stauen durchgesetzt hat. Denn man kann nur die Rückenlehnen der hinteren Sitzbank geteilt umklappen. Die ungeteilte Sitzfläche bleibt an ihrem Platz. So ergibt sich eine nach vorn ansteigende, von einer Stufe unterbrochene Ladefläche. Zudem sind die Lehnen auf der Rückseite lediglich lackiert und verleihen etwaigem Transportgut nur wenig Halt.
Ladekante liegt zu hoch
Die von der über Stehhöhe hinausschwingenden Klappe freigegebene Ladekante liegt unfreundliche 73 Zentimeter über dem Straßenniveau, dahinter weitet sich der Kofferraumboden wiederum 23 Zentimeter niedriger. Innenbreite und Ladetiefe geben keinen Anlass zur Kritik. Auf ein Reserverad wird verzichtet, es gibt für den Notfall eine Dose mit Luft.
Der Dieselmotor hält gute Durchzugskraft bereit, gibt sich ausreichend elastisch und fällt auf der Autobahn bei etwa 130 bis 150 km/h durch eine ausgeprägte Neigung zum Brummen auf. Gestartet wird die Maschine mit separatem Knopfdruck, und sie kann sehr sparsam sein, wenn es der Fahrer will: Während eines Knauserversuchs kamen wir auf 4,1 Liter für 100 Kilometer; sehr scharfes Fahren mit häufigem Aufenthalt in den niedrigen Gängen des angenehm zu schaltenden Getriebes wurde mit 8,1 Liter bestraft.
Unser Durchschnitt von 7,3 Liter wird im Alltag (ohne Fahrleistungsmessungen) gewiss unterboten, wir glauben, dass man den Diesel-Fiesta mit 5 bis 6,5 Liter wird fahren können. Angenehm ist der ohne Deckel tätige Tankverschluss, der in die Abdeckung der Öffnung integriert ist.
Leichtfüßig und präzise um die Kurve
Zu den Stärken der jüngeren Ford-Familie gehören die Dinge der Dynamik. Dabei geht es vor allem um Agilität und Fahrsicherheit. Und da kann der Fiesta einen Spitzenplatz in seiner Klasse beanspruchen: Beeindruckend leichtfüßig und präzise lässt er sich durch Kurven und auf Geraden bewegen, die Traktion stimmt meist, in der exakt tätigen Lenkung kommt es nur auf sehr glattem Untergrund zu Antriebseinflüssen.
Auch in zügig absolvierten Kurven bleibt der Fiesta sehr lange mit einer gewissen Sturheit auf Kurs, dann drängt er gemächlich über die Vorderräder nach außen und schwenkt beim Gaswegnehmen in berechenbarer Form das Heck zum äußeren Kurvenrand. Das kann man ganz bewusst zur Erhöhung der Kurvenwilligkeit nutzen und mit Lenkung sowie Gaspedal provozieren und wieder abstellen. Doch im Alltag ist man auch ohne diese Übung ausreichend flott und vor allem sicher unterwegs.
Selbst auf Kopfsteinpflaster sanft
Die Bremsen sind ihrer Aufgabe zupackend gewachsen und ließen bei unserer Prüfung kein Nachlassen erkennen. Lob verdienen sich Federungs- und Abrollkomfort. Der Fiesta nimmt auch grobe Verwerfungen mit Gelassenheit, und selbst auf Kopfsteinpflaster rollen die Räder sanft ab, ohne die knarzfreie Karosserie zum Dröhnen anzuregen.
Ob man sich den durchzugsstarken Diesel gönnt, ist eine persönliche Entscheidung. Wir neigten eher zu einem der vier Benziner mit 1,25 (in zwei Leistungsstufen), 1,4 oder 1,6 Liter Hubraum. Wobei man nur den Vierzehnhunderter mit einer Vier(!)gangautomatik haben kann.
Aus den vier Ausstattungen Ambiente, Trend, Ghia und Titanium kann man sich mit etlichen Extras einen Fiesta basteln, der deutlich über 20.000 Euro liegt. Die Preise beginnen zwar bei 11.250 Euro, aber 17.000 Euro für die Spitzenvarianten sind schon happig. Allerdings sind Servolenkung, ABS und ESP immer dabei. Wie jene Schönheit eben, die man unter den Gesichtspunkten des Alltags nicht nur als erregend, sondern durchaus als ärgerlich und als aufregend empfinden kann.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 17.000 Euro
Preis des Testwagens 19.500 Euro
Vierzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, Common-Rail-Einspritzung, 1560 Kubikmeter Hubraum
Leistung 66kw (90 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 204 Nm bei 1750/min, mindestens 90 Prozent davon ab 14.000 bis 3300(min
Manuelles Fünfganggetriebe (Automatik-Getriebe nicht mit Diesel lieferbar)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,95/1,97/1,48 Meter
Radstand 2,49, Wendekreis 10,2 Meter
Leergewicht 1041 (tatsächlich 1088), zulässiges Gesamtgewicht 1555, Anhängelast 750 Kilogramm, Kofferraum 295 bis 979 Liter
Reifenhöhe 195/45 R 16
Höchstgeschwindigkeit 178 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,7 s, von 50 auf 100km/h im 4./5. Gang in 9,3/18,1s
Verbrauch 4,1 bis 8,1, im Durchschnitt 7,3 Liter Diesel je 100 km; 110 g/km CO bei Normalverbrauch von 4,2 Liter; Tank 45 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 18, TK 18, VK 19
Garantie Zwei Jahre Ford-Neuwagenhaftung, zwölf Jahre Garantie gegen Durchrostung, Ölwechsel jährlich oder alle 20.000 Kilometer, Inspektion alle zwei Jahre, zwei Jahre Mobilitätsgarantie
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller