Von Boris Schmidt
06. November 2007 Wir leben in einer Freizeitgesellschaft. Und wer oft viel unternimmt, will oft viel mitnehmen. Deshalb sind Kombis so gefragt: Ins hohe Heck passt einfach mehr rein, und bei umgelegter Rückbank fährt man beinahe einen Kleintransporter. Zudem sind Limousinen für viele Menschen spießig.
Das ist ein Glück für Volvo. Man gilt als die Kombi-Marke schlechthin, seit mehr als 50 Jahren widmet man sich dem Thema, sogar zweitürige Kombis hatte man im Programm (Schneewittchensarg Anfang der Siebziger).

Der V70 ist der Ururenkel des seligen Duett von 1956, nur er trotzt hierzulande in der oberen Mittelklasse wenigstens ansatzweise der deutschen A6-5er-E-Klassen-Phalanx. Von den 12 Prozent Kunden, die im Segment kein deutsches Auto kaufen, fängt Volvo mehr als die Hälfte. Mit der neuen Generation, die seit September auf dem Markt ist, wird sich daran nichts ändern.
Von deutschen Herstellern abgrenzen
Ähnlich groß wie bei den deutschen Herstellern ist die Auswahl an Motoren: Sieben verschiedene stehen zur Wahl (zum ersten Mal auch Sechszylinder), drei sind Selbstzünder, auch Allradversionen gibt es. Volvo bedient jene Kunden, die nach einem qualitativ hochwertigen, praktischen Auto suchen und sich bei den deutschen Herstellern nicht heimisch fühlen oder sich bewusst davon abgrenzen.
Die Redaktion nahm jetzt den stärksten der V70-Diesel genauer unter die Lupe, der aus 2,4 Liter Hubraum (verteilt auf fünf Zylinder) 136 kW (185 PS) holt und ein beachtliches Drehmoment von 400 Newtonmeter aufweisen kann. Doch einem Kombi sollte man zunächst unter die Klappe schauen, nicht unter die Haube.
Vorbildlich aufgeräumter Laderaum
Dass sich die weit nach oben öffnende Heckklappe elektrisch aus der Ferne öffnen lässt, ist durchaus von Vorteil und kein überflüssiger Luxus. Es wartet ein vorbildlich aufgeräumter Laderaum auf seine Bestimmung: das rechnerische Volumen beträgt bis zur Sichtkante 575 Liter, und wer bis oben packt, kann rund 1000 Liter verstauen.
Dank eines festen Gitters (200 Euro Aufpreis im erweiterten Cargofix-Paket), das sich bei Nichtgebrauch platzsparend nach oben unters Dach wegschwenken lässt, kann man das auch bedenkenlos tun. Laderaumschienen und -abdeckung, Befestigungspunkte, Verzurrösen, einen abschließbaren Laderaumboden sowie eine Möglichkeit, den Gepäckraum zu teilen, haben alle V70. In den Boden passt noch einiges an Kleinkram, selbst wenn man das aufpreisfreie Notrad statt eines Reifendichtmittels bestellt.
Topfebene Ladefläche
Klappt man die Lehnen der Rückbank um, entsteht eine topfebene Ladefläche von fast zwei Meter Länge. Dass die Lehne im Verhältnis 40/20/40 geteilt ist, schafft eine größtmögliche Flexibilität, zumal sich für extralange Güter auch noch die Lehne des Beifahrersitzes nach vorne legen lässt.
Das Umlegen der Lehnen ist im Nu geschehen, das Aufrichten auch. So muss es sein. Die maximale Ladekapazität beträgt im Übrigen 1600 Liter. Dass die deutschen Autos hier um Nuancen besser sind, erachten wir als unerheblich.
Kühler skandinavischer Flair
Um eben gegen die Avants, Tourings und T-Modelle dieser Welt bestehen zu können, bietet Volvo eine Innenarchitektur auf, die sich deutlich von der vornehmen deutschen Gediegenheit absetzt. Es ist das oft zitierte kühle skandinavische Flair, das den V70 so anders macht.
Hölzer und Aluminium-Applikationen werden geschickt eingesetzt, die Mittelkonsole schwebt geradezu im Raum und schafft so noch eine weitere Ablage hinter ihr. Lederpolster sind in der Ausstattungslinie Summum (und bei Momentum) serienmäßig, welche die beste von drei verschiedenen ist (die Basis heißt Kinetic).
Auch Volvo kann sich der Mode mit dem Startknopf leider nicht entziehen. Dass das Navigationssystem (2410 Euro) mittels eines versteckten Schalters am Lenkrad zu bedienen ist, muss man einfach wissen. Wenn man es weiß, ist es praktisch, wie der V70 ohnehin durch viele intelligente Detaillösungen glänzt. Der kleine Monitor kann im Armaturenbrett verschwinden, auch das hat uns gefallen.
Teure Aufpreisliste
Der V70 ist beileibe kein kleines Auto, er misst 4,84 Meter. Man kann erwarten, dass man gut sitzt - sowohl vorne als auch auf der Rückbank. Dort kommt selbst der Mittelmann kommod unter. In Autos von heute ist das nicht mehr selbstverständlich.
Schnell noch ein paar Worte zur Ausstattung: Sie ist im Großen und Ganzen hinreichend umfangreich, auch in der Basis. Klimaanlage, CD-Radio, ein volvotypisches Sicherheitspaket aus ABS, ESP, etlichen Airbags und anderen technischen Einrichtungen, vier elektrische Fensterheber und vieles mehr gibt es schon bei Kinetic. Die heizbaren Vordersitze (ab Momentum) wünscht man bei einem schwedischen Hersteller generell serienmäßig, Xenonlicht gibt es erst bei Summum.
Und für andere Sicherheits-Features, mit denen Volvo immer so plakativ Werbung macht, muss generell bezahlt werden: Ja, leider steht Volvo den deutschen Vorbildern in Sachen Aufpreisliste nur wenig nach. 620 Euro kostet das sinnvolle Blis, das vor Fahrzeugen im toten Winkel des Außenspiegels warnt. Familien seien die neuen, integrierten Kindersitze im Fond (zusammen 350 Euro) ans Herz gelegt. Sie sind zweistufig, wachsen also mit.
Abstandsregelsystem
1540 Euro verlangt Volvo für ein aktives Abstandsregelsystem. Sich im dichten Autobahn-Verkehr ganz aufs Lenken konzentrieren zu können, ist angenehm. Kommt der Vordermann nach einem Spurwechsel plötzlich zu nahe, warnt ein lauter Ton, und es blinkt eine Warnung in der Scheibe auf (per Head-up-Display).
Bremsen muss man selbst. Für 2008 ist vorgesehen, dass eine Notbremsung automatisch eingeleitet werden kann (weitere 160 Euro). Und für abermals 700 Euro soll dann vor dem Verlassen der Spur oder vor Übermüdung gewarnt werden.
Unharmonische Automatik
Dabei gehört der gemeine Volvo-Fahrer doch eher zu den zurückhaltenden Zeitgenossen, die genug Selbstverantwortung haben, auf diese Technik nicht angewiesen zu sein. Der V70 ist zudem kein Auto, dass zum schnelleren Fahren animiert.
Nicht, dass er es nicht könnte, aber die Automatik (2050 Euro Aufpreis) pflegt ihr Phlegma, zudem braucht der Turbo immer einen gewissen Moment, bis er Druck aufbaut, und dann aber vehement (je nach Stellung des Gaspedals) die Kraft des Motors in Vortrieb umsetzt. In glatt zehn Sekunden kann von null auf 100 km/h beschleunigt werden, in der Spitze sind 215 km/h möglich.
Zwar hat die Automatik sechs Stufen, und sie wechselt diese bei gewöhnlicher Belastung kaum merklich, doch sie wirkt manches Mal unharmonisch, wenn sie etwa bergauf in einem niedrigeren Gang verharrt und nicht schaltet, obwohl es der Fahrer tun würde.
Erwartet unspektakulär
Darüber tröstet auch die manuelle Schaltkulisse nicht hinweg, wozu fährt man denn Automatik? Im Übrigen gibt sich der Volvo erwartet unspektakulär, die Lenkung arbeitet präzise, der Frontantrieb gibt sich unauffällig und zieht den V70 sicher und neutral auch durch schnell gefahrene Kurven. Die Bremsen sind tadellos, den Federungskomfort könnten wir uns ein wenig besser vorstellen.
In der heutigen Zeit wird der Kraftstoffverbrauch ein immer wichtigeres Kriterium: Mit einem Schnitt von 9,2 Liter auf 100 Kilometer kann man in Anbetracht der Größe des Fahrzeugs, der Motorleistung und der wenig schonenden Fahrweise mehr als zufrieden sein. Auf langen Strecken hilft die sechste Automatik-Stufe sparen: Bei Tempo 140 liegen nur 2500 Umdrehungen in der Minute an.
Mit dem neuen V70 hat Volvo abermals bewiesen, dass es kaum konsequentere Kombis gibt als jene aus Schweden. Er ist und bleibt die beste, vielleicht sogar die einzige wahre Alternative zur deutschen Übermacht in der oberen Mittelklasse.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 44.120 Euro
Preis des Testwagens 54.269 Euro
Fünfzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, Common-Rail-Einspritzung, Turbolader, 2400 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 136 kW (185 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 400 Nm bei 2000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1700 bis 3800/min
Sechsstufen-Automatik (2050 Euro Aufpreis, sonst manuelles Sechsgang-Getriebe)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,84/1,86/1,55 Meter
Radstand 2,82, Wendekreis 11,20 Meter
Leergewicht 1640 (tatsächlich 1710), zulässiges Gesamtgewicht 2310, Anhängelast 2000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 575 bis 1600 Liter
Reifengröße 225/55 R 16
Höchstgeschwindigkeit 215 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 10,0 s
Verbrauch 9,1 bis 9,5, im Durchschnitt 9,2 Liter Diesel je 100 km; 195 g/km CO2 bei Normverbrauch von 7,4 Liter; Tankinhalt 70 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 24, VK 23
Garantie und Wartung: 2 Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung, 8 Jahre gegen Durchrostung, 5 Jahre Mobilitätsgarantie, Inspektionsintervall 30.000 Kilometer
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller