Fahrtberichte

Fahrtbericht Skoda Roomster 1.9 TDI Comfort

Umbauter Raum in seiner nettesten Form

Von Gerold Lingnau

13. Oktober 2006 Originelles Design kann auch bei Autos ein zuverlässiger Erfolgsgarant sein - wenn es nicht in funktionsschädlichen Spielereien versandet. Skoda, Volkswagens tschechischer Zweig, hat für das richtige Maß ein fröhliches Beispiel geliefert: den Roomster. Sein Name ist Programm, denn der Raum ist hier das entscheidende Kriterium. Und den haben die Schöpfer des jüngsten Polo- und Fabia-Derivats mit einer wirklich pfiffigen Karosserie umbaut. Vor allem an die Kinder hat man gedacht, die sich auf den Hintersitzen vieler anderer moderner Autos wie in der Grünen Minna fühlen müssen: Sie begrüßen jubelnd die freie Aussicht, die ihnen ihr neuer Freund aus Tschechien mit seinen riesigen hinteren Seitenfenstern und den hoch plazierten Fondsitzen bietet. Ganz ohne kleinen Sündenfall ging es allerdings auch beim Roomster nicht ab. Begangen wurde er bei den vorderen Seitenfenstern, wo man sich offenbar von einer Airbus-Kanzel inspirieren ließ. Das resultierte in einer unnötig breiten mittleren Dachsäule, die den Blick nach seitlich hinten gefährlich erschwert. Der asphärische Spiegel auf der Fahrerseite ist da ein Muß und wenigstens eine kleine Wiedergutmachung.

Aber wir wollten ja vom Raum des Roomster reden, und darin liegt in der Tat seine ganz große Stärke. Der Einstieg durch die hohen und breiten Türen ist traumhaft bequem. Kopfhöhe vorn: bis zu 105 Zentimeter. Kopfhöhe hinten: 100 Zentimeter. Knieraum für die Hintensitzenden: 30 Zentimeter, ein Oberklassemaß. Wenn man davon etwas entbehren kann, darf man die äußeren Rücksitze (oder auch nur einen davon) um bis zu 15 Zentimeter nach vorn verschieben, dann wächst die Kofferraumtiefe dahinter auf fast 92 Zentimeter. Der mittlere Sitzteil im Fond ist dagegen für die Katz: nur 31 Zentimeter breit, Lehne und Kopfstütze zu kurz, im Fußraum störend der hohe und breite Tunnel. Das untaugliche Stück ist freilich klappbar und verwandelt sich dann in ein viel sinnvolleres Tischchen. Am besten aber, man baut es gleich ganz aus (das geht mit wenigen Handgriffen) und macht Gebrauch von der Option, die äußeren Sesselchen - die beide eine Isofix-Halterung für Kindersitze haben - gen Mitte zu verschieben. Dann wächst ihr Abstand von der Tür auf 16 Zentimeter, und der auf ihnen untergebrachte Mensch freut sich der zusätzlichen Freiheitsgrade. Damit nicht genug. Das Rücksitz-Trio läßt sich nach vorn falten und per Gummiband an den vorderen Kopfstützen verzurren, dann ist der Kofferraum statt normal 79 immerhin 128 Zentimeter tief. Und man kann die äußeren zwei ebenso wie schon den Mittelteil ausbauen und so eine reichlich 160 Zentimeter tiefe, ganz ebene Ladefläche schaffen, auf der sich, leider hinter einer ausgeprägten Bordkante, ein riesiges Volumen von 1780 Liter unterbringen läßt. 1555 Liter sind es bei gefalteten Rücksitzen, 450 im Normalzustand und bis zu 530 nach Längsverschieben der Rücksitze, das allerdings eine zunehmende Lücke zur Kofferraumabdeckung öffnet und ihre Funktion als Sichtschutz fürs Gepäck beeinträchtigt. Mit 425 Kilogramm Zuladung ist auch für gewichtigeres Ladegut Vorsorge getroffen, und nicht einmal auf ein voll nutzbares Reserverad im Untergeschoß muß man verzichten.

Vernünftige Funktionalität

Zusätzlich zum vielen Platz im Innenraum und den massenhaften Ablagen gibt es, dem Fahrer zuliebe, vernünftige Funktionalität. Von kindischen Design-Eskapaden rings ums Armaturenbrett hat man bei Skoda gottlob abgesehen. So blickt man auf große Instrumente, die freilich noch einen Tick besser ablesbar sein dürften, und hat die Bedienelemente für CD-Radio (außer in der Basisversion serienmäßig) und Klimaanlage (nur bei der Basis mit 1090 Euro aufpreispflichtig und bei den besseren Ausstattungen, wie in unserem Wagen, gegen 290 Euro zur Klimaautomatik hochzurüsten) bestens im Griff. Ein Novum: Skoda bietet im Roomster alternativ zu einem fest eingebauten Navigationssystem (für 890 bis 1050 Euro) eine mobile Ausführung von ViaMichelin mit SD-Speicherkarte an (599 Euro), die ganz links oben auf dem Armaturenbrett postiert ist, deren Bildschirm dort aber so stark spiegelt, daß man wenig Freude daran hat - von der blechernen Stimme der Wegweiserin ganz abgesehen.

Bei all seinen Nutzfahrzeugqualitäten ist der Roomster in technischer Hinsicht kein Kleintransporter. Mit seinem Federungskomfort ist er ganz und gar Personenwagen, nur übermäßig grobe Stöße mag er nicht und zeigt seinen Ärger mit Poltergeräuschen. Im Fahrverhalten steht er dem eng verwandten VW Polo ebenfalls nicht nach, wenn er auch seinen höheren Schwerpunkt nicht verleugnen kann. Kurven bewältigt er brav untersteuernd, das abschaltbare ESP - leider nur in den stärker motorisierten Versionen serienmäßig und sonst gut angelegte 300 Euro erfordernd - hat wenig zu tun und greift beherzt ein, wenn es denn doch einmal notwendig werden sollte. Recht deutlich reagiert der Roomster auf Seitenwind, die elektrohydraulische Lenkung mit ihren gut ausgeprägten Haltekräften macht dem Fahrer aber das Reagieren leicht. Erfreulich eng der Wendekreis, untadelig die Bremsen, die dem Potential des Motors stets gewachsen sind.

Wohlbekannter Pumpe-Düse-TDI

Für Skodas Jüngsten stehen bisher drei Benzin- und drei Dieselmotoren zur Verfügung. Die stärksten jeder Gruppe leisten je 77 kW (105 PS) und sind nicht mit der Basisausstattung zu kombinieren. Der Diesel ist ein wohlbekannter Pumpe-Düse-TDI von VW, der sich mehr durch Kraft als durch gute Manieren auszeichnet. Er läuft rauh und knurrend, wird aber nie wirklich lästig. Obwohl der so motorisierte Roomster mit 1350 Kilogramm Leergewicht nicht eben federleicht ist, setzt er sich nachdrücklich in Bewegung: 11,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h, nur 10,6 von 50 auf 100 im 4. und 15,1 Sekunden im 5. Gang, dem obersten des mit zwei Fingern zu schaltenden Getriebes. Auch die 184 km/h Höchstgeschwindigkeit (Skoda verspricht 182) sind aller Ehren wert, erst recht angesichts der hoch im Wind stehenden Karosserie. Ihretwegen braucht der Roomster eher mehr Futter als erwartet: Unser Durchschnitt von 7,6 Liter Diesel je 100 Kilometer könnte enttäuschen, wenn man nicht Volumen und Nutzwert des Autos dagegenrechnet. Mit den 55 Liter im Tank kommt man dennoch akzeptabel weit. Im Moment kann man den stärksten Diesel noch nicht mit Partikelfilter bekommen. Skoda verspricht die Lieferung für das 4. Quartal, der Aufpreis steht schon fest: 600 Euro.

Die Basisausstattung dürfte nur für Käufer in Frage kommen, die den Cent umdrehen müssen. Sie hat immerhin die sechs Airbags und die Scheibenbremsen auch hinten, die alle Roomster haben, auch die Variabilität der Fondsitze gibt es hier ohne Abstriche. Doch manches Wichtige ist nur für zusätzliches Geld zu haben, so daß man sich besser gleich die nächstbessere Ausstattung Style anschaut, die beim 77-kW-Diesel ohnehin die unterste ist und hier 18 290 Euro kostet. 1000 weitere Euro sind es dann noch bis zur Topversion Comfort, und für dies Aufgeld bekommt man Dinge wie ESP, Nebelscheinwerfer, Sitzheizung vorn und Leichtmetallräder, die, wenn einzeln zugekauft, einen Style schon um 1250 Euro teurer machen würden. Also spricht vieles für die Comfort-Ausstattung, und dann sind mit ein paar Sonderwünschen die 20 000 Euro rasch übersprungen - wie im Fall unseres Exemplars, das 23 404 Euro gekostet hätte. Doch was immer man sich vom Roomster-Baukasten auswählt: Man bekommt ein Auto, mit dem man schnell Freundschaft schließt, weil es gleichermaßen nett und gescheit ist, für Familien mit Kindern ebenso nützlich wie für Senioren auf der Suche nach Bequemlichkeit oder für Menschen, die immer mal Sperrgut zu befördern haben, ohne sich gleich einen Transporter kaufen zu wollen. Solche Alleskönner haben selbst auf einem voll besetzten Markt noch Platz, und der Roomster, da sind wir sicher, wird seinen Weg machen.



Text: F.A.Z., 10.10.2006, Nr. 235 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
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