Von Boris Schmidt
04. Juni 2004 Zwei Fahrzeuggattungen verkaufen sich zur Zeit besonders gut: Kabrios und Geländewagen. In beiden Feldern mischt BMW kräftig mit, jüngste Kreationen sind das 6er-Cabrio und der X3. Auf den ersten Blick ist dieser nicht vom großen Bruder X5 zu unterscheiden, obwohl er etwas kürzer, schmaler und niedriger ist. Bestes Unterscheidungsmerkmal ist das nach oben ansteigende dritte Heckfenster des X3. Stehen die beiden nebeneinander, wird sofort klar, wer der Größere ist. Aber auch, welcher das modernere Auto.
Beim Blick in die Preisliste verwischen sich die Unterschiede. Der Basispreis für den von der Redaktion bewegten X3 mit Dreiliter-Diesel beträgt 40 300 Euro, da ist der X5 mit einem gleich großen, aber etwas stärkeren Triebwerk nur 3950 Euro teurer. Unser Rat: Wem es nicht auf den großen Auftritt ankommt, der greife zum X3, der bietet nämlich auf kleinerer Grundfläche etwas mehr Laderaum (480 statt 465 Liter oder 1560 statt 1550 Liter), und die Abmessungen des Innenraums sind kaum geringer. Allerdings ist ein X5 wesentlich wohnlicher gestaltet. Im X3 wirken vor allem die Materialien (es ist Plastik) im Armaturenbrett-Bereich billig. Und die Griffe der vorderen Türen fassen sich an, als stammten sie von einem Einfach-Auto aus Fernost. Ein 40 000-Euro-Fahrzeug sollte Hochwertigeres bieten. Ein Plus gibt es für die wieder einmal vorbildliche Funktionalität, alle Hebel und Schalter sind optimal plaziert und gut zu erreichen, die Instrumente lassen sich einwandfrei ablesen. Der Schirm für das optionale Navigationssystem verschwindet auf Knopfdruck. Gefallen können die gut konturierten vorderen Sitze, die auch auf Langstrecken sehr bequem sind. Das können wir nach fast 5000 Kilometern zusagen. Dabei erwies sich der X3 als exzellenter Reisewagen mit einer Einschränkung: Die Federung ist viel zu straff. Das ist ein ganz klares Minus für den BMW. Zum Glück sind die (west-)europäischen Autobahnen meist so gut, daß sich das Gehoppel des gesamten Karosseriekörpers in Grenzen hält. BMW sollte sich überlegen, den Wagen neu abzustimmen, so wie es Audi mit dem A3 getan hat.

Andererseits verdient sich der X3 ein ganz dickes Lob für sein Fahrverhalten. Der X3 benimmt sich nahezu wie ein Personenwagen oder noch besser - eben wie ein BMW. Kurven sind ihm kein Greuel, sondern eine Freude, beängstigend neutral durcheilt er sie mit einer Seitenneigung nahe Null. Die Lenkung ist sehr präzise, und der Wagen macht genau das, was der Fahrer erwartet. Wer nie einen Geländewagen wollte, weil er auf der Landstraße zu wenig Fahrspaß vermittelt, jetzt gibt es einen. Daß der X3 einen Allradantrieb hat, soll nicht unerwähnt bleiben. BMW nennt ihn X-Drive, und er macht seine Sache sehr gut. Man merkt nämlich nichts davon. Die Elektronik entscheidet, wann alle vier Räder angetrieben werden. Beim Anfahren zum Beispiel. Der X-Drive ist auch mit dem elektronischen Stabilitätsprogramm DSC vernetzt, beide können kommunizieren und verteilen selbst in Kurven die Kraft variabel nach Bedarf.
Da kann ja kaum noch was schiefgehen. Beeindruckend arbeitet auch die Bremsanlage, die den rund 1,9 Tonnen schweren X3 aus 100 km/h in rund 40 Meter zum Stehen bringt. Und das schafft sie mehrmals hintereinander, ohne zu ermüden. In Fahrt bringt den X3 der schon erwähnte Dieselmotor, wenn man sich nicht für die 2,5-Liter-Ottomaschine (Basispreis 38 100 Euro) oder den Dreiliter-Benziner (40 300 Euro) entschieden hat. Der Diesel liegt mit seiner Leistung (150 kW/204 PS) zwischen den beiden Ottos, die 12 PS weniger oder 27 PS mehr bieten, zeigt aber beim Drehmoment (410 Newtonmeter bei 3000 Umdrehungen in der Minute) beiden die Grenzen von fremdgezündeten Motoren auf.
Wie es die nackten Daten erwarten lassen, hat das Sechszylinder-Triebwerk einen ordentlichen Bums. In weniger als neun Sekunden kann von 0 auf 100 km/h beschleunigt werden, maximal sind gar 210 km/h möglich, wobei ein Begrenzer sanft dem Vortrieb ein Ende setzt. Wer sich größere Felgen (18 Zoll) und V-Reifen gönnt, kann die Kraft des Motors gänzlich auskosten. Die Werkstatt deaktiviert den Begrenzer, und schon schafft der Wagen knapp 220 km/h. Der Motor hat zwar eine gewisse Lautstärke, ist aber nie wirklich störend, selbst bei hohem Tempo nicht.
Eine Automatik statt eines Sechsganggetriebes kostet 2000 Euro Aufpreis und ist eine lohnende Investition, wenn man viel in der Stadt oder im Stau unterwegs ist. Die Box hat fünf Stufen, Schaltrucke sind kaum spürbar. Aber auf unserer Hausstrecke ins Büro, bei der es im Taunus zunächst zwei, drei Kilometer bergab geht, schaltete der Automat einfach nicht zurück, obwohl das System so intelligent sein soll. Wir fuhren auf Bergabstrecken fortan im Sport-Modus, dann werden die Gänge höher ausgedreht, andererseits ist die Verzögerung besser. Natürlich lassen sich die Stufen auch mit Tasten am Lenkrad "einlegen".
Beim Verbrauch hat der X3 nicht enttäuscht. Ein Schnitt von 9,7 Liter Diesel auf 100 Kilometer ist angesichts Automatik, Allradantrieb und großem Auto ein niedriger Wert. Selbst wer auf der Autobahn oft an das Limit heranfährt, schafft es nicht, den Verbrauch über 11 Liter auf 100 Kilometer zu heben. Da der Tank 67 Liter faßt, sind große Etappen zwischen zwei Stopps möglich. Unangenehm fällt auf, daß der flammneue X3 nur Euro 3 erfüllt.
Fondpassagiere werden aber gern hin und wieder einen Halt einlegen. Zwar ist die Beinfreiheit durchaus angenehm, nur sitzt man sehr tief. Bei unserem Wagen schlossen zudem die hinteren Türen sehr schlecht. Positiv: Der Kofferraum taugt auch für das Urlaubsgepäck von vier Personen. Im Gegensatz zum Ambiente rund um Fahrer und Beifahrer bietet BMW im Heck höchste Qualität. Alles wirkt sehr solide, der Boden ist mit schönem Teppich ausgelegt. Die Laderaumabdeckung kann zur Selbstverteidigung dienen, so schwer ist sie. In ihr ist ein Trenn-Netz, das sowohl direkt hinter der Fondbank als auch bei umgelegten Rücksitzen hinter den beiden vorn sitzenden hochgezogen werden kann. Letzteres verkürzt allerdings die Länge der Ladefläche von rund 1,80 auf knapp 1,50 Meter. Im Heckboden ruht die Batterie, und es ist etwas Platz für Kleinkram. Das schmale Ersatzrad kann nur ein Notbehelf sein, es hängt unter dem Heck. Im Gegensatz zum X5 hat der X3 eine einteilige Heckklappe, die schön weit nach oben schwingt und per Fernbedienung auch separat zu öffnen ist. Die Scheibe verschmutzt bei Schmuddelwetter sehr schnell, aber wofür hat man denn den Wischer?
Dieser ist wie vieles andere serienmäßig, dennoch hält die Aufpreisliste unverschämt viele Verführungen bereit. Unser Wagen kam auf einen Endpreis von 56 920 Euro, hatte somit für 16 620 Euro Extras an Bord. Dafür kann man einen Daewoo Lacetti kaufen - ein stattliches 4,30-Meter-Auto, das wir demnächst an dieser Stelle vorstellen werden. Doch zurück zum X3. Das überflüssigste Extra sind sicher die Aluminium-Trittbretter (300 Euro), an denen macht man sich beim Aussteigen nur die Hosen schmutzig. Ledergestühl kostet 2010 Euro (inklusive Sitzheizung), die montierten 17-Zoll-Leichtmetallräder waren mit 100 Euro Aufpreis schnäppchenverdächtig. Aber Alu-Räder sind ohnehin Serie. Zur Grundausstattung gehören weiterhin Klimaanlage, Zentralverriegelung, sechs Airbags, elektrische Fensterheber, CD-Radio, ABS nebst Bergabfahrbremse HDC - das einzige Überbleibsel der Liaison mit Land Rover. Der Wagen ist nicht unbedingt schlecht ausgestattet, die Liste ist noch lange nicht vollständig. Es bleibt dennoch der Eindruck eines sehr guten, aber überteuerten Fahrzeugs. Der X3 wird all jene Kunden ansprechen, denen der X5 zu ausladend und mächtig ist. Da er Platz wie ein Großer bietet und dazu noch fährt wie ein Personenwagen, ist ihm der Erfolg sicher. Trotz des hohen Preises.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 42 300 Euro, Preis des Testwagens 56 290 Euro
Sechszylinder-Reihenmotor (Diesel), Common-Rail-Einspritzung, vier Ventile je Zylinder, 2993 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 150 kW (204 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 410 Nm bei 1500/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2000 bis 4000/min
Erfüllt Euro 3
Fünf-Stufen-Automatikgetriebe
Variabler Allradantrieb
Länge/Breite/Höhe 4,66/1,85/1,67 Meter
Radstand 2,80, Wendekreis 11,7 Meter
Leergewicht 1850 (tatsächlich 1905), zulässiges Gesamtgewicht 2350, Anhängelast 2000 Kilogramm, Kofferraumvolumen 480 bis 1560 Liter
Reifengröße 235/55R17
Höchstgeschwindigkeit 210 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 9,0 s
Verbrauch 8,5 bis 10,7, im Durchschnitt 9,7 Liter Diesel je 100 km; 67-Liter-Tank
Versicherungs-Typklassen HP 21, TK 37, VK 29
Vollkosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,50 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2004, Nr. 115 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.