Von Wolfgang Peters
27. November 2003 Mazda trug viele Jahre die steinerne Miene eines ernsten Sumoringers, der abspecken mußte. Jetzt trägt Mazda das lachende Gesicht eines fröhlichen Sumoringers, der noch an Gewicht zulegen darf: Die japanische Marke hat sich nach Jahren belangloser Autos wieder gefangen, sich neu definiert, und sie führt frische Emotionen aus dem Land des Lächelns heran. Sie löst ein sympathisch wirkendes Schmunzeln aus (Werbespruch: Zoom, zoom, trallala) und sorgt gleichzeitig für erhöhtes Interesse beim Betrachter. Das kann dieser nach dem Typ 6 jetzt für den Typ 3 bekunden. Auch der folgt im Design den genialischen Linien der jüngeren Mittelklasse von Alfa Romeo, er tritt auf wie die Wucht in Dosen und führt in die Klasse des VW Golf ganz neue Qualitäten ein. Wir haben den neuen Mazda3 gefahren und nicht nur äußeren Schein, sondern auch innere Werte entdeckt.
Die Karosserie hat die optische Kraft des Bizeps am Arm des großen Ringers Tokugawasan. Wie auf seinem Bauch gibt es am Auto nur wenige Linien, die großen Flächen wirken konzentriert, vorn wird mit gebremster Aggressivität gespielt, hinten hockt der Mazda wie der auf seinen Fersen tänzelnde Sumokämpfer auf der Straße. Aber der Typ 3 ist dennoch ein braver Wagen, der seine Eigenschaften der bürgerlichen Nützlichkeit nicht verleugnen mag. Dafür sorgen die üppigen Abmessungen und der großzügig dimensionierte Aufbau, alles Versprechen auf den lichten Raum.

Ausgewachsen und gut sortiert
In der Tat entfernt sich der Mazda schon mit seinen äußeren Abmessungen und mit seinem sehr langen Radstand (62 Millimeter mehr als im neuen Golf V) von den räumlichen Vorgaben jeglicher Konkurrenten: Er bietet den Platz eines ausgewachsenen Autos, hinten können sogar drei Figuren einigermaßen anständig reisen, die Kniefreiheit ist üppig, der Scheitel gerät nicht in Gefahr. Der Einstieg nach hinten fordert freilich eine gewisse Gelenkigkeit. Die Lehne der Rücksitzbank ist ein zu zwei Drittel geteilt, die Sitzfläche bleibt an ihrem Platz, es entsteht eine Ladetiefe von etwa 155 Zentimeter. So läßt sich der doch knapp geratene Kofferraum (Breite 105 Zentimeter) auf Kosten des Innenraums erweitern. Die Zuladung geht in Ordnung, aber beim Verstauen markiert der Mazda3 trotz der niedrigen Ladekante und des gut verkleideten Abteils keine Spitzenposition. Die Ebene des Kofferraums liegt etwa 12 Zentimeter tiefer als die Ladekante.
Der Fahrer betritt den Mazda ohne ungebührliche Verrenkungen und findet einen gut sortierten Arbeitsplatz vor. Sein Sessel ist komfortabel gepolstert, er ist vielfältig verstellbar, einfach zu justieren und ungewöhnlich weit nach hinten zu schieben. Zusammen mit dem in Höhe und Neigung verstellbaren Lenkrad ergibt sich eine Position, die das gesamte Auto auf den Fahrer fokussiert: Die Instrumente liegen in tiefen Höhlen, man mag das als sportlich empfinden. Alles liegt prima in Reichweite, für manche Bedienungstasten muß man eine längere Gewöhnungsphase einplanen, und Verarbeitung, Materialwahl sowie Ausstattung können mit Respekt bedacht werden. Es gibt eine ausreichende Menge an Ablagen. Auf der Rücksitzbank ist der mittlere Platz nicht der angenehmste Aufenthaltsort, der Dreipunkt-Sicherheitsgurt ist mit zwei Steckösen etwas umständlich zu befestigen, er liegt aber gut an und ist vor allem mehr als nur ein Beckengurt.
Bisher nur Benzinmotor dafür aber mit Charakter
Die Ausstattung erinnert an vergangene Zeiten: Japanische Autos haben alles, und deutsche Autos haben die Zubehörliste. Schon die serienmäßige (und sehr patent arbeitende) Klimaanlage hebt den Mazda aus dem Umfeld seiner Klassenkonkurrenten heraus; soll sie automatisch geregelt werden, sind lediglich 250 Euro vonnöten. Für das im Armaturenträger integrierte Navigationssystem sind 2300 Euro aufzuwenden. Vorn und rundum an den Seiten gibt es Airbags; ABS und ein elektronisches Stabilitätsprogramm runden die Liste ebenso ab wie die Zentralverriegelung mit Fernbedienung. Das gleichfalls aufpreisfreie Radio ist nicht von bester Qualität, die Lautsprecher sind David Bowie kaum gewachsen.
Zur Zeit gibt es für den Mazda 3 nur die Wahl zwischen zwei Benzinmotoren: Die Zweiliter-Maschine ist für die freundliche Familienbeförderung zum günstigen Tarif mit 110 kW (150 PS) wohl zu kräftig geraten; die Alternative mit 1,6 Liter Hubraum bietet 77 kW (105 PS) und erwies sich als angenehme Quelle der Kraft. Der relativ kleine Vierventiler reagiert spontan auf Bewegungen des Gaspedals, er dreht willig bis ungefähr 6000 Umdrehungen in der Minute hoch, legt sich aber auch schon in der Nähe von 2000/min im großen Gang überzeugend ins Zeug. Die fünf Vorwärtsgänge lassen sich auf etwas langen Wegen präzise sortieren, sie sind gut auf den Motorcharakter abgestimmt. Bis etwa 4000/min (das sind im fünften Gang knapp 140 km/h) verhält sich die Maschine leise, darüber wird sie immer lauter und neigt mitunter zum Dröhnen, wobei sie in der Nähe der respektablen Höchstgeschwindigkeit 186 km/h wieder vibrationsärmer läuft. Die Windgeräusche sind kaum zu vernehmen, auch der beim Abrollen entstehende Lärm ist gut gedämmt.
Gute Führung
Der Tank faßt 55 Liter, das erscheint nur auf den ersten Blick knapp dimensioniert. Denn mit dem von uns ermittelten Durchschnittsverbrauch von 8,8 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer ergibt sich eine Reichweite von gut 600 Kilometer. Auf unserer Sparrunde begnügte sich der Mazda mit 5,8 Liter, dann ist man nicht schneller als 120 km/h, fährt sanft und vorausschauend und beschleunigt kontinuierlich und ohne Vollgas. Volltanken erfordert keinen ungewöhnlichen Zeitaufwand.
Gute Noten verdient sich der Mazda 3 mit seinen Fahreigenschaften. Der Fronttriebler verhält sich selbst in zu schnell angegangenen Kurven sehr lange neutral, er neigt zu beherrschbarem Übersteuern. Harsche Lastwechselreaktionen sind ihm zwar fremd, aber der Fahrer spürt doch, wie das Heck nach außen drängt. Das kann man gut mit der exakt und nicht zu leichtgängig arbeitenden Servolenkung korrigieren. Auch bei handelsüblichem Seitenwind bleibt der untadelige Geradeauslauf erhalten, Längsfugen lassen den Mazda nicht von seinem Kurs abweichen. Besonders auf Landstraßen dritter Ordnung mit Kuppen und Kehren ist er in seinem Element. Er ist agil und reaktionsschnell, präzises Fahren wird in ihm zu einem Erlebnis, das man auch bei gesetzeskonformen Geschwindigkeiten genießt. Die vier Scheibenbremsen sind ihrer Aufgabe jederzeit gewachsen und gingen dieser bei unserer Dauerprüfung fast ermüdungsfrei nach.
Akzeptanz für Grobheiten
Federn und Dämpfer folgen im Prinzip eher einer fahraktiven Abstimmung. Der Federungskomfort bleibt dabei keineswegs auf der Strecke. Bodenwellen werden ohne Schaukeln oder Wanken akzeptiert, Querfugen oder gröbere Unebenheiten lassen die Räder zwar kurz poltern, aber harte Stöße werden nur sehr begrenzt nach innen weitergereicht. Die Seitenneigung in Kurven ist minimal, Nickbewegungen beim Bremsen oder Beschleunigen halten sich in sehr engen Grenzen.
Mit dem Typ 3 liegt Mazda auf dem Erfolgskurs, den der Typ 6 vorgegeben hat. Er ist ein rundum solides Angebot mit jenem Hauch von stilistischer Extravaganz, der ihn aus der Menge der Konkurrenten ebenso entfernt wie er ihn aus dem mächtigen Schatten des VW Golf herausfahren läßt. Besonders beim Preisvergleich unter Berücksichtigung der Ausstattung gerät der Mazda3 zu einem Sumoringer, der sich als unerwartet leichtfüßig erweist. Wer ihn kennt, weiß, warum seine Fahrer dieses fernöstliche Lächeln tragen.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 18 790 Euro Preis des Testwagens 21 370 Euro
Vierzylinder-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, 1598 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 77 kW (105 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 145 Nm bei 4000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2700 bis 5000/min
Erfüllt Euro 4, Steuerersparnis 600 Euro
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,42/1,76/1,47 Meter
Radstand 2,64, Wendekreis 10,4 Meter
Leergewicht 1260 (tatsächlich 1298), zulässiges Gesamtgewicht 1695, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 300/635 Liter
Reifengröße 205/55R 16
Höchstgeschwindigkeit 186 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,6 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 13,8/17,1 s
Verbrauch 5,8 bis 11,0 im Durchschnitt 8,8 Liter Super je 100 km, Tankinhalt 55 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 15, TK 26, VK 15
Kosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,35 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2003, Nr. 274 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.
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